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Archäologie: Martin Luther hatte reiche Eltern

Silbermünzen, Buntglasfenster und immer viel Fleisch auf dem Tisch. Archäologische Funde beweisen, dass der bekannte Reformator aus einem wohlhabenden Elternhaus stammte.

Archäologen haben über 160 Silbermünzen in der Abfallgrube des einstigen Elternhaus von Martin Luther (1483-1546) in der Stadt Mansfeld geborgen. "Der Fund der Münzen ist eine Sensation", berichtet Alfred Reichenberger vom Landesamt für Archäologie in Sachsen-Anhalt. Bei den Münzen handele es sich um den sehr seltenen "Eisleber Hohlpfennig". Außerdem erlauben die Münzen eine genaue Datierung der Grube: Die Archäologen sind sich sicher, dass dies die Abfallgrube der Familie Luther ist.

Die Geldstücke stammen aus der Zeit um 1500. Familienvater Hans Luther hatte das Haus im Mansfeld im Jahre 1491 erworben. Darin wohnte Martin Luther mit seiner Familie sechs Jahre lang. Der Münzfund wirft allerdings auch ein archäologisches Rätsel auf. "Wir können uns nicht erklären, wie die Münzen in den Abfall geraten sind", erklärt Reichenberger. "Zwar handelt es sich nur um Silberpfennige, aber insgesamt ergeben sie eine Summe, die man nicht so einfach wegwirft". Auf einem besonderen Exemplar sei das Mansfelder Wappen spiegelverkehrt dargestellt - möglicherweise stamme sie aus einer Fälscherwerkstatt.

Luthers Kindheit bisher unbekannt

Bei einer Straßensanierung stießen Bauarbeiter im Herbst vergangenen Jahres auf die Grundmauern eines Hauses. "Wir wussten sofort, dass es das Haus der Familie Luther sein muss", sagt Reichenberger. "Aus Archivmaterial ist bekannt, dass das Haus an genau diesem Fleck gestanden haben musste". Unter dem 1805 abgerissenen Haus konnten die Archäologen des Landesamtes eine große Abfallgrube mit tausenden von Funden freilegen, die ungeahnte Einblicke in Luthers Kindheit und Familienleben erlauben. "Aus Luthers Kindheit war bisher wenig bekannt", erklärt Reichenberger.

Nach Angabe von Sachsen-Anhalts Landesarchäologen Harald Meller erlauben die Funde den Schluss, dass Luther aus einem wohlhabenden Elternhaus stammt. Fragmente von Butzenscheiben belegen einen hohen Lebensstandard. In der damaligen Zeit war Fensterverglasung ein Luxus, also nur einer kleinen, privilegierten Schicht vorbehalten. Als besonders wertvoll bezeichneten die Experten die gefundenen metallenen Gegenstände, wie einen vollständig erhaltenen Spatenschuh. Fingerhüte und Nadeln sowie mit Applikationen verzierte Gürtel und Holzkästchen seien damals ebenfalls Besonderheiten gewesen. Gespielt hat der kleine Luther offenbar mit Schellen, und Murmeln, wie die Funde belegen.

Einmaliges Zeitzeugnis

Seit Beginn der Grabung haben die Archäologen aus der Grube tausende Tierknochen sowie Keramik- und Glasscherben und über 400 Metallgegenstände geborgen. "Damit ist die Abfallgrube zum wichtigsten Zeitzeugnis über die Kindheit Luthers geworden", sagte Meller. Auch zu den Essgewohnheiten der Familie konnten die Archäologen anhand der Funde Rückschlüsse ziehen. So wurde in Luthers Familie gut gegessen. "Das belegen die vielen Schweine- und Geflügelknochen. Auch Wild und Singvögel standen auf dem Speiseplan".

"Insgesamt handelt es sich hier um einen sehr schönen archäologischen Fund", meint Reichenberger. Viele der Funde seien zwar keine Seltenheit, gewännen aber mit der Verbindung zu Luther an Bedeutung. "Archäologie ist an sich eine anonyme Wissenschaft", erläutert Reichenberger. "Selten kann man die gewonnen Erkenntnisse personifizieren". Die Funkstücke seien laut Grabungsleiter Björn Schlenker über die Jahrhunderte so gut erhalten geblieben, weil sie inmitten von Holzasche trocken in einem Lehm-Boden lagerten. Die Grabungen in der zwei mal drei Meter großen und einen Meter tiefen Abfallgrube sind erst zur Hälfte abgeschlossen. In drei bis vier Wochen sollen sie beendet werden.

Nach Angaben von Harald Meller plant das Landesamt zusammen mit der Stiftung Luther-Gedenkstätten in Wittenberg und dem Museum für Vorgeschichte in Halle eine Ausstellung zum Alltagsleben von Luther in Mansfeld. Martin Luther verbrachte einen Großteil seines Lebens in Wittenberg. Dort soll der Mönch am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche geschlagen haben. Der Tag gilt als Geburtsstunde der Reformation.

Irena Güttel