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Olaf Scholz ein Jahr im Amt Der Kanzler am Tag seines Einjährigen: betontrocken und zartbitter

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD)
Hat nach einem Jahr an der Macht noch Lust auf mehr: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD)
© Kay Nietfeld / DPA
Sogar was zum Anziehen ist dabei: Olaf Scholz feiert sein einjähriges Dienstjubiläum und wird überraschend reich beschenkt. Der Kanzler reagiert mit Martin Luther und seinem typischen Humor: betontrocken.

Das Geburtstagskind ist gut gelaunt. Olaf Scholz feiert an diesem Donnerstag sein erstjähriges Dienstjubiläum als Bundeskanzler. Um kurz nach elf Uhr erscheint er im Foyer des Kanzleramtes zu seinem ersten öffentlichen Termin, und man kann schon mal verraten, dass es den Rest des Tages nicht mehr so nett zugehen wird wie hier: Nach einer knappen halben Stunde hat der Kanzler mehrere Geschenke entgegengenommen, sogar was zum Anziehen ist dabei. Und er hat ein paarmal gelacht.

Am 8.Dezember 2021 war Scholz vom Bundestag zum Kanzler gewählt worden. Um diese Uhrzeit vor einem Jahr hatte ihn der Bundespräsident im Schloss Bellevue gerade ernannt, und Scholz befand sich schon wieder auf dem Weg in den Bundestag zur Vereidigung. So ein Kanzlerwerdungstag hat viele Stationen und dauert lange, erst am Nachmittag übergab ihm Angela Merkel das Kanzleramt und fuhr in die Berliner Dämmerung.

Der Kanzler hat an seinem Jubiläumstag gut zu tun

Der Jubiläumstag des Kanzlers ist terminlich ähnlich gut gefüllt, aber jetzt kennt sich Scholz ja schon ein bisschen aus im Amt. An diesem Donnerstag empfängt der Kanzler erstmal die Nationalmannschaft. Nicht die der Fußballer, obwohl die bekanntlich schon Zeit gehabt hätte, sondern die der Handwerker. Das Team besteht aus lauter jungen Leuten, die an der Berufs-Weltmeisterschaft, den sogenannten World Skills, teilgenommen haben, genauer gesagt 37 Männer und Frauen aus 31 Berufen plus ihre Trainer.

Dreimal Gold, fünfmal Silber und zweimal Bronze haben die Deutschen bei den World Skills abgeräumt, dazu noch einige Exzellenz-Medaillen. "Das ist also besser ausgegangen als bei anderen Wettbewerben, wo wir gerade teilgenommen haben", sagt Scholz und erfreut sich, wie es seine Art ist, mit dem Publikum an seinem Witz.

Die Karten, die Scholz für seine Ansprache mitgebracht hat, verschwinden alsbald in seiner Tasche. Das Lob der dualen Berufsausbildung in Deutschland – Praxis und Schule parallel – kann ein guter Sozialdemokrat auswendig aufsagen, auch wenn er mitten in der Nacht geweckt würde. Es folgt der Bildungsbürger Olaf Scholz, der wissen lässt, dass das Wort vom Beruf und der naheliegenden Berufung erst durch die Bibel-Übersetzung Martin Luthers aufgekommen sei. Damit habe sich die Idee verbreitet, so der Kanzler, dass "Arbeit nicht etwas ist, was man als Strafe begreift, sondern etwas, was man gerne macht und seine gesellschaftliche Pflicht auch mit erfüllt".

Olaf Scholz will weitermachen

Da könnte man mit etwas gutem Willen aus Scholz'‘ Worten fast eine Anspielung auf sein Dienstjubiläum heraushören, war doch das erste Jahr dieser Regierung durchaus dazu angetan, dass sich Kanzler und Minister bisweilen die Frage stellen: „Warum tue ich mir das bloß an?“. Gerade mit dem Arbeiten in Koalitionen hadern deutsche Kanzler bekanntlich hie und da: Gerhard Schröder fand die Grünen mal „zum Kotzen“, und Angela Merkel machte sich in schwarzgelben Zeiten einmal das Zitat eines Satirikers zueigen, Gott habe die FDP vielleicht „nur erschaffen, um die CDU zu prüfen“. Sowas gibt Scholz nicht von sich. Im Gegenteil hat er gerade in einem Interview verkündet, 2025 wieder als Kanzlerkandidat anzutreten, um mit Grünen und FDP seine Arbeit fortzuführen: "Ich will, dass die Regierungskoalition so gut dasteht, dass sie erneut das Mandat erhält."

Gutes Handwerk kann da nicht schaden. Also jetzt aufgepasst: Nach Scholz' Ansprache präsentieren mehrere Teilnehmer der Weltmeisterschaft ihre Arbeit, wobei sie nicht die Werkstücke mitgebracht haben, mit denen sie ihre Medaillen gewannen. Im Falle von Jule Janson und Jonas Hopf, den Vizeweltmeistern im Stahlbetonbau, hätte das bedeutet, dass sie Material mit einem Gesamtgewicht von neun Tonnen durch die Gegend hätten wuchten müssen, worauf man dann in Absprache mit dem Kanzleramt doch verzichtete. "Hier ist ja auch viel Beton drumrum", kommentiert Scholz mit Blick auf sein Amt – der Kanzler mal wieder betontrocken, sozusagen.

Auch Scholz macht Geschenke, "zartbittere"

Am Ende stehen ein Weihnachtsschmuck aus Holz, dessen Kanten auf einen halben Millimeter genau vermessen sind, ein Digitaldruck mit den Unterschriften aller World-Skills-Teilnehmer und ein kleiner Roboter auf und vor dem Tisch. Scholz berichtet, dass er erst am Vortag mit dem Zukunftsrat darüber gesprochen habe, wie man die Robotik voranbringen könne. Der Sponsor des deutschen World-Skills-Teams überreicht Scholz außerdem noch das Nationaltrikot, ein schwarzes Polohemd mit weißen Schriftzügen, das Scholz vorsorglich zusammengefaltet in der Schachtel lässt, damit nicht noch ein Fotograf auf die Idee kommt, der Kanzler könne es doch mal anziehen.

Fehlt nur noch was Süßes.

Das aber hat es schon am Mittwoch im Kabinett gegeben: Olaf Scholz höchstselbst überraschte seine Ministerinnen und Minister mit jeweils einer Tafel Schokolade der Berliner Firma Ampelmann, Geschmacksrichtung "Zartbitter".  Genau genommen beging die Regierung ihr Jubiläum damit einen Tag zu früh. Andererseits war zu Beginn der Kabinettsitzung schon die Kunde von der Razzia gegen umsturzwillige Reichsbürger bekannt geworden, weshalb Scholz auch nicht mehr fürchten musste, womöglich wegen eines Putsches noch vor dem ersten Jahrestag seines Dienstantritts wieder aus dem Amt gejagt zu werden.

Olaf Scholz ein Jahr im Amt: Der Kanzler am Tag seines Einjährigen: betontrocken und zartbitter

Am Donnerstagmittag spricht Scholz dann mit Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr an verschiedenen Einsatzorten – per Video. Das ist für diesen besonderen Tag durchaus ein Termin mit Symbolgehalt. Das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Truppe gehörte zu den weitreichendsten Entscheidungen des Kanzlers in seinem ersten Jahr. Allerdings steht die Summe größtenteils noch auf Papier. Welche Rückmeldungen Scholz aus Mali oder dem Kosovo an diesem Tag erhält, wird nicht bekannt. Das Gespräch findet hinter verschlossenen Türen statt.

Am Nachmittag empfängt der Kanzler dann noch die Ministerpräsidenten der Länder, inzwischen fast schon ein Routinetermin. Die sogenannten MPKs sind nicht mehr zu vergleichen mit den Marathon-Sitzungen zu Zeiten der Corona-Pandemie. Statt dessen geht es immer ums Geld, wobei auch das Dienst-Jubiläum des Kanzlers für die Länderchefs kein Anlass ist, auch mal Geschenke zu machen. Die soll der Kanzler stattdessen schön an sie verteilen. Das Ringen währt bis in den Abend hinein.

Als Scholz dann mit den Ministerpräsidenten Stephan Weil und Hendrik Wüst vor die Presse tritt, ist es 19.13 Uhr. Da hatte er vor einem Jahr das Kanzleramt schon ein paar Stunden übernommen. Von sich aus blickt der Kanzler nun ein kurz zurück, denn am ersten vollen Arbeitstag vor einem Jahr stand ebenfalls eine Ministerpräsidentenkonferenz auf dem Programm. Deshalb sei es für ihn etwas "ganz Besonderes", dass man nun wieder zusammengekommen sei. Das erinnere ihn an diesen "unverändert von mir als sehr schön empfundenen Tag zurück". Mehr Euphorie ist nicht zu erwarten. Und das, obwohl man sich sogar über das Deutschland-Ticket verständigt hat. Also noch eine Art Geschenk.

Aber morgen ist wieder Kanzleralltag.

wue

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