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Balzverhalten: Die Nase steuert den Mäuse-Sex

Männerhirne sind anders als Frauenhirne? Von wegen - zumindest bei Mäusen. Forscher mussten nur einen genetischen Schalter in der Mäusenase umlegen, und schon verwandelten sich die Mäusedamen in wilde Kerle, die Männchen wie Weibchen besprangen.

Dramatischer Rollenwechsel: Forscher haben einen molekularen Schalter im Hirn weiblicher Mäuse umgelegt, die daraufhin versuchten, Männchen zu begatten. Die Filme aus dem Labor von Tali Kimchi an der Harvard-Universität in Cambridge (US-Staat Massachusetts) zeigen, dass die gentechnisch veränderten Nager plötzlich typisch männliches Balzverhalten imitierten, anstatt sich um ihren Nachwuchs zu kümmern: Sie schnüffelten an den Hinterteilen ihrer Artgenossen, und manchmal bestiegen sie diese sogar - unabhängig davon, ob es Weibchen oder Männchen waren.

Für die Forscher ist das ein Beleg, dass auch weibliche Mäuse über Gehirnstrukturen verfügen, die für typisch männliches Verhalten zuständig sind. Über ihre Ergebnisse berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature".

Die Nase macht den Unterschied

Die Gruppe um Kimchi hatte in ihren Experimenten das vomeronasale Organ in der Nase der Weibchen verändert, mit dem die Tiere Duftmoleküle und Sexuallockstoffe (sogenannte Pheromone) wahrnehmen. Diese Signalkette funktionierte in den gentechnisch veränderten Weibchen nicht mehr. Daraufhin zeigten sie das männliche Paarungsverhalten.

Bis auf die Menschen und andere Primaten besitzen fast alle Wirbeltiere in ihrer Nase ein sogenanntes Vomeronasales Organ. Es besteht aus Sinneszellen, die dafür zuständig sind, Duftstoffe zu registrieren, sie weiterzuleiten und auf diese Weise beispielsweise das Geschlecht von Artgenossen zu erkennen. Schon früher hatten die Forscher beobachtet, dass Mäusemännchen, bei denen diese Sinneszellen ausgeschaltet waren, sowohl mit weiblichen als auch mit männlichen Käfignachbarn balzten. Sie verhielten sich also genauso wie die Mäuseweibchen in der neuen Studie, denen ebenfalls das Vomeronasale Organ fehlte.

Gehirnstrukturen wie Männchen

Demnach verfügen sowohl Männchen als auch Weibchen über Gehirnstrukturen, die typisch männliches Verhalten steuern. Bislang gingen Wissenschaftler davon aus, dass sich diese nur bei männlichen Tieren bilden. Dafür machten sie Hormone wie das Testosteron verantwortlich. Die Forscher um Kimchi vermuten nun, dass sowohl Hormone als auch die Verarbeitung von Duftstoffen das Sexualverhalten von Mäuseweibchen beeinflussen.

Normalerweise unterdrückt das Vomeronasale Organ bei Weibchen die Schaltkreise, die für männliches Verhalten zuständig sind. Kann es bestimmte Duftstoffe aber nicht wie gewohnt weiterleiten, verhält sich das weibliche Tier typisch männlich und kann darüber hinaus nicht unterscheiden, ob sein Partner ein Männchen oder ein Weibchen ist.

DPA/DDP / DPA