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Carl von Linné: Der Namensgeber

Seinen Namen kennen wohl die wenigsten - dabei war Carl von Linné ein Pionier der Biologie: Er entwickelte die Methode, nach der Forscher bis heute Tieren und Pflanzen Namen geben. Am 23. Mai wäre Linné 300 Jahre alt geworden.

Statistisch gesehen bestimmen Biologen etwa jede halbe Stunde eine neue Art. Während sie sich dabei zunehmend auf Gentests und andere moderne Verfahren verlassen, greifen sie beim Namen der neu bestimmten Tiere, Pflanzen oder Pilze auf ein lange bewährtes Verfahren zurück: Das vom Schweden Carl von Linné im 18. Jahrhundert festgelegte Ordnungssystem der Natur. Diese Grundlagen gelten bis heute. Am 23. Mai jährt sich sein Geburtstag zum 300. Mal.

Namensgebung mit Methode

"Zur Zeit Linnés herrschte Chaos statt System", erklärt Mathias Jaschhof vom Zoologischen Institut und Museum der Universität Greifswald. Arten wurden nicht mit prägnanten, eindeutigen Namen bezeichnet, sondern mit einer Aneinanderreihung der wichtigsten Merkmale. "Da stand dann so etwas wie: rote Blüten, wächst im Schatten, blüht zwei Mal im Jahr", erklärt Martin Nickol, Mitglied der Londoner Linné-Gesellschaft und Bereichsleiter im Botanischen Garten der Universität Kiel.

In dieser Phase brachte Linné seine Ideen ein. Der am 23. Mai 1707 als Sohn eines Pastors im südschwedischen Örtchen Råshult geborene Wissenschaftler führte eine aus zwei lateinischen Worten zusammengefügte Bezeichnung ein. Dabei bezeichnete der erste Begriff die Gattung, der zweite die jeweilige Art. Diese Nomenklatur war keineswegs Linnés Entdeckung. Schon vor ihm hatten Forscher sie hin und wieder in ihren Aufsätzen verwendet - aber eben nie mit Methode.

Pornografie in der Botanik

Linné habe in dem System zunächst vor allem eine bequeme Möglichkeit gesehen, in seinem berühmten Standardwerk "Systema Naturae" einen angenehm kurzen Index erstellen zu können, sagt Jaschhof. In der Forschergemeinde aber schlug die elegante Namensgebung ein wie eine Bombe. "Es war für alle Nutzer sofort offensichtlich, dass das die Benennung und die Wiedererkennung von Arten sehr vereinfachen würde." Der umtriebige Schwede schuf zudem ein hierarchisches Grundsystem, in das alle Pflanzen und Tiere eingeordnet werden konnten. Auch diese Einteilung in Klasse, Ordnung, Gattung, Art und Varietät - heute als Unterart bezeichnet - hat bis heute Bestand.

Dank Linné widmeten sich auch Leute von Stand amüsiert der Erkundung des Pflanzenreiches - ein Grund war seine Wortwahl für Pflanzenmerkmale. Er bezeichnete die Staubbeutel der Blüten als "Männer" und die Griffel als "Frauen", die gemeinsam in einem "Bett" lagen. Je nach Aufbau der Blüte zeichneten sich dadurch mitunter regelrechte Orgien ab. Bei Kritikern sei er daher allerdings als "Pornograf" verschrien gewesen, sagt Nickol.

Das Moosglöckchen trägt seinen Namen

Der Ausnahmeforscher trat vor seinen Kollegen höchst selbstbewusst und forsch auf, berichtet Irmgard Blindow, Leiterin der Biologischen Station Hiddensee der Universität Greifswald. "Er hat sich beispielsweise selbst als 'größten Botaniker aller Zeiten' bezeichnet." Zudem habe er gleich drei Autobiografien geschrieben - in denen er sich selbst in höchsten Tönen lobte. Sein Werk "Species plantorum" habe er als "das größte Werk im Reich der Wissenschaft" bezeichnet und die "Systema Naturae" als "ein Meisterwerk, das niemand zu oft lesen oder zu viel bewundern kann".

Linné sei "furchtbar eitel" gewesen und habe beispielsweise etliche Porträts von sich in Auftrag gegeben, ergänzt Jaschhof. Diese Selbsteinschätzung gipfelte in Linnés Satz: "Deus creavit, Linnaeus disposuit." ("Gott hat die Welt geschaffen, aber Linné hat sie geordnet.")

Auch auf andere Weise bleibt Linné Kundigen in Erinnerung. Das in schwedischen Wäldern heimische Moosglöckchen setzt dem Ausnahmeforscher mit seinem Namen ein Denkmal: Linnaea borealis heißt die zarte Pflanze, die Linné mit ihren kleinen rosa Blüten und ihrem süßen Duft so bezauberte, dass er sich die Benennung ihm zu Ehren erbat.

Annett Klimpel/DPA / DPA