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Deutsche Kohlekraftwerke: "Klimapolitisch ein Albtraum"

Eine Studie des WWF stellt deutschen Kohlekraftwerken eine glatte Sechs aus: alt, ineffizient und echte Klimakiller seien sie. Studienleiterin Regine Günther fordert im stern.de-Interview die Politik auf, den Bau neuer Kohlekraftwerke zu stoppen.

In dem Ranking der zehn schmutzigsten Kohlekraftwerke Europas ist Deutschland mit sechs Kohlekraftwerken vertreten. Warum?

Deutschland setzt als eines der ganz wenigen europäischen Länder auf den klimaschädlichsten Energieträger: die Braunkohle. Somit schneiden wir dann im europäischen Kontext entsprechend desaströs ab. Um die gleiche Menge Strom zu erzeugen, wird in einem Braunkohlekraftwerk rund dreimal so viel Kohlendioxid ausgestoßen wie in einem Gaskraftwerk. Darüber hinaus sind die deutschen Kraftwerke zum Teil sehr alt und damit ineffizient.

Die deutschen Kohlekraftwerke haben nicht nur einen hohen absoluten CO2-Ausstoß, sondern sind auch sehr ineffizient - woran liegt das?

Seit Jahren versprechen die großen vier Energieversorger E.on, RWE, Vattenfall und EnBW Investitionen, die dann aber immer wieder zurückgezogen werden. Bei jedem neuen Klimaschutzinstrument, das eingeführt wurde, sei es das Erneuerbaren Energien Gesetz, das Gesetz zur Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung oder der Emissionshandel wurden diese Investitionen immer wieder angekündigt, wenn die Politik willfährig ihren Interessen nachkäme. Viele Abstriche beim deutschen Klimaschutz sind auf diese Drohkulisse der Investitionsverweigerung zurückzuführen. Trotz vielen Zugeständnissen von Seiten der Politik wurde dann aber trotzdem nicht investiert. Alte schmutzige Kraftwerke auf Kohlebasis sind eben Klimakiller.

Was wollten Sie mit der Studie zeigen?

Wir möchten zeigen, dass die Verfeuerung von Kohle mit Klimaschutz nicht verträglich ist - weder in Deutschland noch in anderen Staaten. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass in Deutschland der Stromsektor für den Klimaschutz ein immenses Problem darstellt. Jetzt den Menschen einreden zu wollen, dass noch mehr Kohlekraftwerke gebaut werden müssen, um Klimaschutz zu betreiben ist irrwitzig. Auch wenn ein neues Kraftwerk viel effizienter ist als ein altes, verbauen wir uns damit die Zukunft. Die Planung, in Deutschland jetzt über 40 Kohlekraftwerke bauen zu wollen, ist klimapolitisch ein Albtraum. Ein Kohlekraftwerk läuft bis zu 60 Jahre. Wir zementieren uns auf einem Emissionssockel ein, von dem wir in der nötigen Zeit nicht mehr runterkommen werden. Bis 2050 soll Deutschland insgesamt nur noch 150 Tonnen an Treibhausgasen in die Luft blasen dürfen. Allein RWE nimmt heute 120 Tonnen CO2 für sich in Anspruch.

Die schmutzigsten deutschen Kohlekraftwerke verwenden Braunkohle, die hier gefördert wird. Braunkohle ist sehr ineffizient. Muss sich die deutsche Politik von dem Gedanken der Energieunabhängigkeit verabschieden?

Mit einem europäischen Energiemarkt ist der Gedanke der Energieunabhängigkeit schon sehr eigenartig. Wir brauchen mit unseren Nachbarländern mehr Vernetzung und nicht weniger.

Nun haben Energiekonzerne angekündigt, "CO2-freie" Kohlekraftwerke bauen zu wollen. Ist das die Lösung?

Es stehen erst die Ankündigungen. RWE und Vattenfall machen erste zaghafte Versuche in diese Richtung. Der WWF fordert, dass durch intensive Forschung schnellst möglich gezeigt wird, dass die Technologie der Abscheidung und der Verpressung des CO2 keine unakzeptablen Folgen haben wird. Wenn dies gelingt, darf ab 2020 kein Kraftwerk mehr ohne diese Technologie ans Netz gehen. Kurze Zeit später sollten auch die bestehenden Anlagen nachgerüstet werden. Diese Technologie kann langfristig keine Lösung sein, aber uns genug Zeit verschaffen, bis Erneuerbare Energien in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen.

Regine Günther hat die Studie geleitet und ist Leiterin der Klima- und Energieabteilung des WWF

Interview: Jens Lubbadeh