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Eingewanderte Tierarten: Kängurus in Mecklenburg, Halsbandsittiche im Rheinland

Deutschland ist ein Einwanderungsland - nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere. Doch die 4000 neuen Arten, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten bei uns angesiedelt haben, stoßen nicht immer auf Begeisterung.

Ob Waschbär, Marderhund oder amerikanischer Nerz: Mehr als 4.000 Tierarten vom winzigen Insekt bis zum großen Säugetier sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten nach Deutschland eingewandert. Manche der tierischen Neubürger wie Mandarinenten, Papageien oder Flamingos sind längst Touristenattraktionen. Doch die meisten dieser so genannten Neozoen treiben Artenschützern und Jägern gleichermaßen Sorgenfalten ins Gesicht: Die in der heimischen Fauna fremden Tierarten gefährdeten das ökologische Gleichgewicht, warnten Experten auf dem Bundesjägertag in Neubrandenburg.

Wölfe machen den Leuten Angst

Der Präsident des knapp 300.000 Mitglieder starken Deutschen Jagdschutzverbandes, Jochen Borchert, forderte denn auch ein Gesamtkonzept zum Wildtiermanagement in Kulturlandschaften. Dabei müsse besonders die Frage nach dem künftigen naturschutz- und jagdrechtlichen Umgang mit Neozoen eindeutig geklärt werden. Der Verband drängt darauf, dass vor allem Waschbär, Marderhund und Mink streng kontrolliert und gegebenenfalls auch ausgerottet werden dürfen. Begründung: Diese Tiere schädigten heimische Arten beispielsweise durch Nestplünderungen oder Übertragung infektiöser Krankheiten wie Staupe und Tollwut.

Bei anderen Neozoen sind die Probleme nicht ganz so gravierend, dafür verunsichern sie nach Angaben der Jäger umso mehr die Bevölkerung: In Brandenburg etwa fragen besorgte Bürger, ob sie sich angesichts der immer häufiger gesichteten Wölfe noch in die Wälder trauen können. Tierforscher sagen: Sie können dies unbesorgt. Nicht nur im norddeutschen Raum breitet sich zudem wieder der Biber aus. Auch das wird nicht einhellig begrüßt, denn er nagt an Obstbäumen und kann mit seinen Dammbauten Überschwemmungsschäden verursachen.

Sittiche machen einheimischen Höhlenbrütern Nistgelegenheiten streitig

Einige der tierischen Einwanderer wurden indes rasch zu Publikumslieblingen. Dazu gehören etwa frei lebende exotische Papageien, Mandarinenten oder Schildkröten in verschiedenen Parkanlagen. Am Zwillbrocker Venn in Nordrhein-Westfalen gilt seit längerem eine Flamingokolonie als Touristenattraktion. In Mecklenburg-Strelitz sind putzige Kängurus anzutreffen, nachdem sie vor einigen Jahren aus einem Tierpark der Region entkommen waren.

Fachleute sehen allerdings nicht nur den Schau-Effekt bei den tierischen Neulingen. Sorgen bereitet etwa der durchaus attraktive, aus Afrika und Südostasien stammende stargroße Halsbandsittich, der seit einigen Jahren in Parks und Gärten des Rheinlandes anzutreffen ist. Ornithologen befürchten, dass die Sittiche einheimischen Höhlenbrütern wie Fledermäusen und Spechten die Nistgelegenheiten streitig machen und damit verdrängen. In jüngster Zeit sind allein neun Vogelarten von der Nilgans über die Zitronenstelze bis zur Weißbartseeschwalbe in Mecklenburg-Vorpommern heimisch geworden.

Wenig Begeisterung über Nandus

Für das meiste Aufsehen unter den tierischen Neubürgern sorgen gegenwärtig die aus Südamerika stammenden Nandus als neue Brutvogelart in der westmecklenburgischen Wakenitzniederung. Sechs der großen Laufvögel waren vor fünf Jahren einem Züchter im benachbarten Schleswig-Holstein entwischt und in das naturbelassene Ost-Gebiet an der ehemaligen innerdeutschen Grenze geflüchtet. Sie vermehrten sich bis heute auf knapp 100 Exemplare.

Auch im Fall der Nandus herrscht nicht überall Begeisterung. Während Touristen sie als willkommenes Naturerlebnis nicht missen möchten, hegen Naturschützer Bedenken, "weil die Laufvögel aus der südamerikanischen Grassteppe erheblichen Einfluss aus das heimische Ökosystem haben können", wie Vorstandsmitglied Martin Bauer vom Naturschutzbund Mecklenburg-Vorpommern warnt.

"Neue Arten dürfen nicht künstlich gefördert werden"

Auch die Jägerschaft des Landes sieht die Nandu-Kolonie eher kritisch. "Neue Arten dürfen nicht ohne weiteres geduldet und schon gar nicht künstlich gefördert werden", meint Geschäftsführer Rüdiger Brandt vom Landesjagdverband. Wenn Tiere zur Bestandsauffrischung gezielt ausgewildert würden, bedürfe das selbst bei heimischen Arten wie Fasanen oder Rebhühnern aus gutem Grund einer gesetzlichen Genehmigung. Bei ungenehmigter oder fahrlässiger Auswilderung, wie bei den Nandus, müsse eigentlich der Halter für die Folgen haften.

Und völlig absurd wird die Situation, wenn entsprungene oder mehr oder weniger unabsichtlich ausgewilderte Arten, die in ihrem ursprünglichen Habitat keinesfalls selten sind, nach dem Heimischwerden in Deutschland von beamteten Naturschützern auf die Rote Liste der vom Aussterbenden bedrohten Arten gesetzt werden.

Lutz Jordan, AP