Einschleppung von Vogelgrippe "Im März besteht das größte Risiko"


Die Vogelgrippe hat Ankara und Istanbul erreicht. Bis das Virus nach Deutschland kommt, scheint nur noch eine Frage der Zeit - im Frühjahr beginnt der Vogelzug. stern.de sprach mit Wolfgang Fiedler, Leiter der Vogelwarte Radolfzell.

Herr Fiedler, in der Türkei gibt es erstmals im europäischen Raum Ansteckungsfälle der Vogelgrippe beim Menschen. Das Friedrich-Löffler-Institut und die Bundesregierung sehen die Gefahr einer Virus-Einschleppung durch Zugvögel als gering an, da momentan kein Vogelzug herrscht. Wann beginnt die Vogelzugsaison?

Ende Februar, Anfang März. Spätestens dann muss die Risikobewertung hochgestuft werden.

Es sind in unseren Breiten mittlerweile Tiere in Kroatien, Rumänien und der Türkei infiziert. Aus welchen Ländern könnte das Virus durch Vögel vor allen Dingen eingeschleppt werden? Istanbul und der Bosporus sind Knotenpunkte, wo viele Zugvögel vorbei müssen und letztlich auch zu uns kommen.

Dann haben die neuesten Infektionen in Istanbul sozusagen direkt ins Schwarze getroffen?

Ja. Es gibt allerdings eine kleine Hoffnung: Nicht alle Zugvögel landen auch dort. Das heißt, es muss nicht zwangsläufig zu einer Infektion kommen. Außerdem wird mit der Frühjahrswärme das Problem auch kleiner, da das Virus wärmeempfindlich ist.

Welche Zugvögel sind das?

In erster Linie alle Segelflieger - zum Beispiel Störche oder Greifvögel.

War es sinnvoll von der Bundesregierung die Stallpflicht überhaupt aufzuheben?

Ja, im Moment gibt es eine Verschnaufpause für das Stallgeflügel.

Wie kann sich Hausgeflügel mit dem Virus infizieren?

Eine Infektion von Hausgeflügel könnte auf verschiedenen Wegen passieren: Durch Wasservögel, die sich zu Hausgeflügel setzen - hier könnte eine Stallpflicht vorbeugen. Durch Oberflächenwasser - beispielsweise eines Sees, in dem infizierte Wasservögel waren, und der als Wasserquelle für Stallgeflügel dient. Und letztlich durch Futtermittel oder Geräte, die mit Kot von infizierten Vögeln kontaminiert sind.

Ist eine Einschleppung des H5N1-Virus bei uns überhaupt zu verhindern? Nein, man kann nur hoffen, dass die Zugvögel doch keine so große Rolle spielen, wie man bislang befürchtet. Die Verbreitungswege von Influenzaviren durch Zugvögel sind bislang kaum erforscht. Doch gegen Millionen von Zugvögel kann man nun mal nicht viel ausrichten.

Es gibt einzelne Untersuchungen, wie die verschiedenen Vögel das H5N1-Virus vertragen. Man weiß, dass Hausenten wesentlich besser damit klarkommen als zum Beispiel Hühner. Feldsperlinge in China haben auch wenig Probleme mit dem Virus.

Wann rechnen Sie mit einer Einschleppung in Deutschland? Im März besteht das größte Risiko, weil dann die Zahl der Zugvögel am größten ist. Allerdings wird dann auch das Wetter wieder wärmer und für das Virus ungemütlicher.

Das Friedrich-Löffler-Institut arbeitet an einem Impfstoff für Vögel, hält großflächige vorbeugende Schutzimpfungen jedoch nicht für sinnvoll. Nicht zuletzt, weil dadurch auch das Virus mutieren könnte…

Das stimmt. Geimpfte Tiere können das Virus wiederum ausscheiden und zusätzlich verbreiten. Eine Streuimpfung für Wildvögel ist auf jeden Fall illusorisch.

Typischerweise grenzt man auftretende Infektionsherde ein, indem man einen Ring um den Herd zieht. Dort führt man Massenschlachtungen durch. Es könnte sinnvoll sein, statt zu schlachten, das Hausgeflügel zu impfen. Es sind ja auch große wirtschaftliche Schäden, die durch die Massenschlachtungen entstehen.

Dr. Wolfgang Fiedler ist Leiter der Vogelwarte Radolfzell am Max-Planck-Institut für Ornithologie

Interview: Jens Lubbadeh


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