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Geysir in Andernach: Kalter Kraftprotz am Rhein

Er ist eine geologische Ausnahmeerscheinung: Der höchste Kaltwassergeysir der Welt in Andernach speit bis zu 60 Meter hohe Fontänen. Wie er das macht, kann seit einigen Tagen im Geysir-Erlebniszentrum bestaunt werden.

Von Axel Bojanowski

Es faucht aus der Erde, bevor das Wasser kommt. Plötzlich schäumt ein kleiner Springbrunnen hervor, dann donnert es. "Das Wasser bellt", sagen die Einheimischen. Ein funkelnder, kräftiger Strahl steigt auf, höher als die Weiden und Pappeln am Flussufer. Der höchste Kaltwassergeysir der Welt zeigt seine Kraft. Hier in Andernach, der kleinen Stadt am linken Rheinufer, dort, wo sich der Fluss durch das Neuwieder Becken schlängelt, spuckt er etwa alle 100 Minuten eine bis zu 60 Meter hohe Fontäne in den Himmel. Anders als bei den Heißwassergeysiren, bei denen Hitze das Wasser buchstäblich überkochen lässt, treibt hier Gas die Flüssigkeit aus dem Boden. Ein geologischer Sonderling - und Herzstück einer neuen Touristenattraktion: Am letzten Maiwochenende eröffnete in Andernach das Geysir-Erlebniszentrum.

Mit ihm ehren die Macher ein Naturphänomen, das erst durch den Eingriff des Menschen sichtbar wurde: Im Jahr 1903 stießen Arbeiter bei Grundwasserbohrungen auf Quellen in großer Tiefe. So viel Gas hatten sie freilich nicht erwartet: "Plötzlich schoss eine 40-Meter-Fontäne aus dem Boden", wird ein erschrockener Zeitzeuge zitiert. Der Sprudel wurde fortan als Heilwasser verkauft. 1957 versiegte der Geysir zunächst - eine Baufirma hatte ihn mit Beton erstickt. Eine neue Bohrung 2001 belebte die Fontäne wieder. Nach zwei Jahren Bauzeit und zehn Millionen Euro Investitionen wird sie nun mit dem Erlebniszentrum geadelt.

Die Architektur des Baus weist den Weg ins Erdinnere, wie zersprungener Vulkanstein wirkt das Gebäude, das in Wahrheit aus mit Tuffstein und Basaltplatten verkleidetem Stahlbeton besteht. Ein Spalt in der Wand gibt den Weg frei, im Fahrstuhl geht es abwärts. Die Gesteinsschichten des Untergrunds rauschen an den Seiten vorbei. Rasch zeigt der Tiefenmesser "1000 Meter", bald "4000 Meter". In dieser Tiefe herrschen 120 Grad Celsius, doch der Aufzug ins Erdinnere scheint gut gedämmt, von der Hitze ist nichts zu spüren. Manche Besucher klagen jedoch über Ohrendruck - die Illusion funktioniert: Der Lift ist natürlich nicht vier Kilometer unter die Erde geschnellt (das ist technisch wegen des hohen Drucks und der Temperatur gar nicht möglich). In Wahrheit hat er die Gäste in den zweiten Stock der Ausstellung transportiert; Filmanimationen an den Wänden haben die Fahrt ins Erdinnere nur simuliert.

Nahe der Magmablase

Vor dem Fahrstuhlausgang eröffnet sich ein geologisches Gruselkabinett. Bedrohliche Brodelgeräusche. Ein Spalt in der Wand gibt den Blick in einen Abgrund frei: Darin wogt - scheinbar - glühendes Magma auf und ab. Aus dem Spalt dringt warmer Wind. Der Besucher wähnt sich nahe der Magmablase, aus der das Kohlendioxid perlt, das als Treibstoff für den Kaltwassergeysir fungiert.

Aufwärts, dem Geysir entgegen. Das Gas strömt durch Gesteinsritzen nach oben, entsprechend eng wird es nun. Besucher zwängen sich zwischen schwarzen Sandsäcken hindurch wie das Kohlendioxid durchs Krustengestein. Dann treiben jede Menge Luftblasen auf dem dunklen Boden, eine Lichtprojektion. Sie huschen weg, wenn sich Menschen nähern; tritt man drauf, zerplatzen sie. Kinder jagen die Blasen, machen das Erdinnere zu einer Tanzfläche.

Das Prinzip des Geysirs

Dann ein Schild: "500 Meter unter der Erde". Es plätschert - das vertraute Geräusch von Wasser nach all den mysteriösen Phänomenen zuvor, den Magmaschläuchen, Vulkangasen und schmelzenden Erdplatten. Ein blauer Raum. Besucher spielen auf einer Orgel, die statt Melodien Wassergeräusche erzeugt. Es rauscht, blubbert und gluckert. Lichtblasen schweben an den Wänden. Kohlendioxid vermengt sich 350 Meter unter Andernach mit Grundwasser, das Gemisch des Geysirs ist angerichtet.

Kann man mit eigener Kraft den Geysir ausbrechen lassen? Eine 60 Meter hohe Fontäne erzeugen? Röhren voller Wasser stehen bereit. Doch Menschenhänden fehlt die Kraft, trotz heftigen Pumpens fördern sie nur Zwerg-Geysire. Aber das Prinzip des Kaltwassergeysirs lässt sich hier beobachten: Grundwasser dringt in ein Loch, Kohlendioxid drückt es nach oben. Je höher das Gemisch steigt, desto weniger Wasser lastet auf ihm - die Gasblasen quellen auf. Wie bei einer Explosion reißen die Blasen das Wasser in die Höhe bis zum Ausbruch. Mit etwa 100 Stundenkilometern schießt der Schaum gen Himmel. Der Geysir fördert 30-mal mehr Kohlendioxid als Wasser. Haben sich wieder genügend Wasser und Gase gestaut, kommt es zum nächsten Ausbruch.

Prinzip verstanden. Raus aus der Illusion, rauf aufs Schiff. Ein Dampfer bringt die Ausstellungsbesucher nach einer viertelstündigen Fahrt zur Halbinsel Namedyer Werth. Hier speit er Wasser, der echte Geysir. Ein spektakuläres Schauspiel. Als vor acht Jahren die erste Fontäne nach fast 50 Jahren aus der Erde schoss, wurde das Ereignis live in die Stadthalle von Andernach übertragen. Die Älteren hatten feuchte Augen.

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