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ZEITZEUGE: Die neue Armee war schlecht vorbereitet

Zuerst stand ich ihr ja skeptisch gegenüber, der deutschen Wiederbewaffnung. Nach dem Krieg wurde ich Landwirt, arbeitete als freier Journalist und genoß meine Unabhängigkeit - kein Grund, meinem früheren Dienstgrad als Wehrmachts-Major nachzutrauern.

Zuerst stand ich ihr ja skeptisch gegenüber, der deutschen Wiederbewaffnung. Nach dem Krieg wurde ich Landwirt, arbeitete als freier Journalist und genoß meine Unabhängigkeit - kein Grund, meinem früheren Dienstgrad als Wehrmachts-Major nachzutrauern. Als ich dann aber hörte, diese neue Armee sollte von Anfang an mit dem demokratischen Staat verschmolzen werden, da reizte es mich doch, dabei zu sein. Eröffnete sich da die Jahrhundertchance, eine Armee tiefgreifend zu verändern?

Im Frühjahr 1955 begegnete ich Graf Baudissin und hörte von seinen Reformplänen und seinem Konzept vom 'Bürger in Uniform'. Da war die Sache für mich ent-schieden. Im Sommer fuhr ich zur Aufnahmeprüfung nach Köln. Ich wurde angenommen.

Ende 1955 begannen die Einberufungen der ersten 6000 Freiwilligen. Ich kam ins Verteidigungsministerium zum Arbeitsbereich des Grafen Baudissin. Dieser ungewöhnliche Mann wies der neuen Armee den Weg in die Demokratie. Das verübelten ihm die Kräfte, die vom Gestrigen nicht lassen wollten. Er wurde zum umstrittensten Offizier einer Armee, die damals vor allem aus Verträgen und gutem Willen bestand.

Baudissin schickte mich nach Andernach, wo ich 1500 Heeressoldaten seine Idee von 'innerer Führung' vermitteln sollte. Ich kam in ein schäbiges Lager. Die verwitterten Baracken waren flüchtig übertüncht. Ein Drahtzaun umgab das Ganze. Nein, nach einem glanzvollen Auftakt sah das nicht aus.

Einige Wochen später, am 20. Januar 1956, besuchte Bundeskanzler Konrad Adenauer das Lager. Persönlich wollte er das Startzeichen geben. Die geladenen Gäste wirkten bedrückt, als wohnten sie einem Begräbnis und nicht einer Taufe bei. Die Hypotheken der Vergangenheit waren noch ungelöscht. Die neue Armee wurde schlecht vorbereitet und miserabel ausgerüstet auf den Weg geschickt. Zudem schlug den Soldaten eine bis zur Hysterie aufgeheizte öffentliche Meinung entgegen. Sie wurden auf der Straße angepöbelt, angespuckt, einige in Hamburg sogar halbtot geschlagen.

Der Morgen war ebenso trist wie die schmutziggrauen Uniformen der Soldaten. Die schwarz-rot-goldene Flagge hing wie ein nasser Lappen am Mast. Als der Kanzler erschien, setzte die Militärkapelle ein. Sie spielte den Paradeaufstellungsmarsch der preußischen Armee. Der harte Klang der Pfeifen und Trommeln fuhr wie ein Stoß in die Zuschauer hinein. Sie nahmen Haltung an.

Adenauer blieb unbewegt. In schönem Ernst schritt er die Front der Soldaten ab, hochaufgerichtet, mit indianerhaft verschlossenem Gesicht. All die Probleme berührten ihn offenbar nicht. In Schwarz gekleidet wirkte er wie ein Gebieter, der um sich herum Distanz schafft. Marmorkalt. Nun war er am Ziel.

Was die 'innerere Führung' anging, brauchte der Kommandeur in Andernach, ein Oberst, von mir, dem Vertreter aus dem Verteidigungsministerium, keine Nachhilfe. Dringlicher schien mir, mitzuhelfen, die größten Pannen zu beseitigen. Im Lager war einfach nichts geregelt: nicht die Gehaltszahlung, nicht die Kleidung, nicht die Ausrüstung, nicht die Rechtsstellung der Soldaten, nicht deren Krankenversorgung. Weil bei einem Kälteeinbruch die Winterkleidung fehlte, gab es an einem einzigen Tag 18 Erfrierungen. Einigen Unteroffizieren wurde die Wohnung gekündigt, weil sie die Miete nicht bezahlen konnten. Bonn war unfähig, die Gehälter nach Andernach zu transportieren. Dauernd meldete der Kommandeur die Mißstände dem Ministerium. Antwort erhielt er keine. Diese Bundeswehr wurde nicht geführt, sondern verwaltet, und das noch schlecht.

Der Kommandeur und ich forderten vom Minister, die Mißstände zu beseitigen. Schon am nächsten Morgen wurden wir nach Bonn befohlen. Dort erwarteten uns zwei Spitzenbeamte. Zwischen ihnen und mir gab es einen heftigen Disput. Hinterher sagte mir der Oberst, meine Laufbahn bei der neuen Armee sei damit wohl beendet.

Trotz des Streits kam am nächsten Morgen Verteidigungsminister Theodor Blank ins Lager nach Andernach. Er wollte die Offiziere sprechen. Dem Oberst und mir schwante nichts Gutes. Und tatsächlich kam es auch schon bald zum Eklat. Der Minister giftete, wir wollten nur seine Autorität untergraben. Ich widersprach: Wir wollten nur Mißstände beseitigen. 'Ihr System, Herr Minister, ist unbrauchbar.' Der Minister forderte daraufhin meine sofortige Entlassung. Doch hohe Generäle hielten zu mir. Ich blieb in der Armee, die bald darauf Bundeswehr hieß. Sie wurde zu einer der besten Nato-Armeen im Kalten Krieg.

Gerd Schmückle

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