Grönland Jäger am Rande der Welt


Sie leben fast noch so wie ihre Vorfahren. Die letzten Inuit in Grönland ziehen mit Hundeschlitten ins Eis, um Bären zu erlegen. Doch immer seltener finden sie Beute, weil die Arktis von Jahr zu Jahr wärmer wird.

Der Halbmond zaubert ein breites Lachen in Simon Eliassens Gesicht. Seine Augen ziehen sich dabei zu Schlitzen zusammen, aus denen der kalte Wind unablässig Tränen treibt. Sie rinnen über seine Wangen, bis sie zu kleinen Eiszapfen in seinem Schnauzer gefrieren. "Halbmond heißt: wenig Flut, wenig Strömung, gutes Eis", sagt der 47-Jährige. "Nichts fürchte ich so sehr wie dünnes Eis."

Es ist kurz vor 12 Uhr mittags. Die rötliche Sonne schickt nach drei Monaten Polarnacht ihre ersten Strahlen über die zugefrorene Melville-Bucht im Nordwesten Grönlands, 1600 Kilometer vom Nordpol entfernt, 25 Grad minus. Die Eisberge werfen lange Schatten. Simon Eliassen spannt 15 jaulende Hunde vor seinen fünf Meter langen Schlitten. Er rennt kurz vorweg über das knirschende Eis, um das Gespann auf Trab zu bringen. Dann springt er auf das Gefährt, beladen mit Verpflegung, Petroleum, Schaufel, Eispickel und seinem 20 Jahre alten Remington-Gewehr, dessen Kolben gesprungen und mehrfach geleimt ist.

Die Jagd bringt immer weniger ein

"Atuk, Atuk, Atuk", ruft Eliassen, um seine Huskys anzutreiben, immer Richtung Norden, immer seinem Bruder hinterher, der kurz vor ihm angespannt hat. Die Kapuze seiner Jacke aus buschigem Fuchsfell hat er tief ins Gesicht gezogen. Der Rest seines schmächtigen Körpers steckt in einer Hose und Stiefeln aus gelblichem Eisbärenfell.

"Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wegzuziehen. Hier sind die besten Jagdgründe von ganz Grönland", sagt Eliassen, während Savissivik, sein Dorf, allmählich außer Sichtweite gerät: 79 Seelen, 16 Jäger, 300 Hunde, 19 Grabkreuze. Von den 25 Häusern stehen bereits fünf leer. Vor allem junge Menschen sehen hier keine Zukunft mehr. Die Jagd ist beschwerlich und bringt immer weniger ein. Und das Versorgungsschiff mit Lebensmitteln kommt nur einmal im Jahr, im August, wenn das Eis geschmolzen ist.

Überleben im unwirtlichsten Klima der Welt

Mit seiner Frau, den drei Töchtern und einem Enkelkind teilt sich Eliassen ein rotes 30-Quadratmeter-Häuschen, an dessen Tür ein silbernes Herz gemalt ist. Zum Duschen müssen sie ins Gemeindehaus. Die Fenster sind zum Schutz gegen die Kälte mit Plastikplanen verklebt. Kinderspielzeug hängt als Statussymbol noch verpackt an der Wand. Gespielt werden darf damit nicht. Im einzigen Regal steht als Schmuckstück eine leere Tüte "Capri-Sonne Multivitamin".

Eliassen zählt zu den letzten Polareskimos, die noch ausschließlich von der Jagd leben. Ihre Vorfahren wanderten vor rund 4000 Jahren von Nordasien in die Arktis und lernten, im wohl unwirtlichsten Klima der Welt zu überleben. Doch nun ist ihre Kultur bedroht. Von Klimaerwärmung. Von globaler Wirtschaft. Aber auch von der eigenen Inuit-Regierung, die nach vollkommener Selbstbestimmung und Unabhängigkeit von den einstigen dänischen Kolonialherren strebt. Und dafür die eigene Tradition aufs Spiel setzt, die sie gern in Broschüren für Touristen preist.

Messer und Pfeilspitzen aus Meteoriten-Eisen

Eliassen würde sich nie zum Gehen überreden lassen. Auch nicht, wenn noch einmal jemand käme wie der Polarforscher Robert Peary, der vor gut 100 Jahren die ersten Gewehre in die Region brachte. Der Amerikaner wollte damals den größten je gefundenen Meteoriten abtransportieren. Der war vor Jahrtausenden auf diese kleine Insel gestürzt - weshalb sie später Savissivik genannt wurde, "der Ort, an dem man Eisen findet". Eliassens Vorväter schmiedeten daraus vor rund 1000 Jahren Messer, Spitzen für Pfeile und Harpunen. Peary verfrachtete den 31 Tonnen schweren Meteoriten zusammen mit sechs Eskimos nach New York, wo sie ausgestellt wurden wie Affen im Zoo.

Nur einer kehrte lebend zurück. Seinen Berichten von der großen Stadt mit Autos und hohen Häusern glaubte keiner seiner Landsleute. Damals war die Region noch Niemandsland ohne Kontakt zur Zivilisation. Selbst die dänische Kolonialmacht hatte kein Interesse an dem unwirtlichen Landstrich, in dem es nichts zu holen gab außer Eisbären, Walrossen und Robben.

Mit bloßen Händen im Eiswasser

Heute gibt's nicht mal die. Wind kommt von Süden auf und warnt vor den Jägern. Sieben Stunden fahren die Männer Richtung Norden, ohne auch nur ein Tier zu sehen. Endlich erreichen sie am Kap York ihre Hütte. Hier hat Eliassen drei Netze unter dem Eis ausgelegt. Er hackt ein Loch ins zugefrorene Meer. Schweiß steht auf seiner Stirn. Mit bloßen Händen greift er in das Eiswasser und zieht eine Robbe im Netz heraus. "Danke, dass du zu mir gekommen bist", sagt Eliassen zu seiner Beute.

Er häutet das Tier in der Hütte neben dem bollernden Petroleumofen und flucht. Alles voller Maden. Gerade noch gut genug für die Hunde. Das Fell kann er zu Hause in Savissivik beim Dorfladen abgeben, 40 Euro kriegt er derzeit dafür. Kein Vergleich zu früher. Seit Greenpeace und Brigitte Bardot in den 80er Jahren gegen das Schlachten von Robbenbabys in Kanada protestierten, ist der Fellmarkt kaputt. "Die Bardot würde ich am liebsten in Stücke schneiden und an meine Hunde verfüttern", sagt Eliassen.

Der Eisbär ist der König der Arktis

Das kleine Kofferradio neben der Hüttentür rauscht. Eliassen schaltet es morgens schon vor der ersten Zigarette ein. Hier draußen ist sein Leben. Meist ist sein Bruder Magnus dabei, manchmal stoßen Nachbarn dazu wie Tomas und Ole, die sich über Funk angekündigt haben und gerade vor der Hütte ihre Hunde anbinden.

"Ein guter Jäger muss alles jagen können", sagt Eliassen. "Aber Eisbären sind die größte Herausforderung." Er verehrt das Tier wie kein zweites. Das größte Landraubtier der Welt. Der König der Arktis. Früher haben die Jäger dem getöteten Eisbären noch Speck, Fleisch und einige Lappen Fell über die Schnauze gelegt, um seine unsterbliche Seele nicht zu erzürnen. Eliassen macht das nicht mehr. Aber sein Respekt ist groß.

Mit dem Hundeschlitten auf der Jagd

Mit seiner Peitsche aus Robbenleder dirigiert Eliassen seine Hunde über Wächten und an Spalten vorbei. Flink steigt der Jäger dann auf einen der blauweißen Eisberge, legt sich über eine schneebedeckte Kuppe, hält mit dem Fernglas nach Eisbären Ausschau. Die Sonne malt einen Regenbogen in den Nebel, der vom offenen Meer aufsteigt. Minutenlang bleibt Eliassen so liegen. Er liebt dieses Naturschauspiel. Die Weite. Die Ruhe. Auch wenn wie jetzt kein Eisbär zu sehen ist.

Mit sicheren Schritten steigt er wieder ab. Dann tasten sich die Jäger auf ihren Schlitten voran, immer an der Eiskante entlang. "An der Eiskante jagen die Bären", sagt Eliassen. Also jagt auch er hier nach dem Tier. Aber es lässt sich keines blicken. Den ganzen Tag über nicht. Ob sich die Eisbären, wie Tierschützer vermuten, wegen der Klimaerwärmung schon jetzt immer weiter nach Norden zurückziehen?

Eisbärfleisch gilt als Delikatesse

Eliassen zuckt mit den Schultern. Er weiß nur, dass der Hunger die Raubtiere vergangenen Winter bis in sein Dorf geführt hat. Sechs waren es, die zwischen den Hütten herumschnüffelten - eine leichte, willkommene Beute. Das faserige, trockene Fleisch ist für ihn eine Delikatesse. Nur die Felle der Eisbären wird er kaum mehr los. Vergangenes Jahr hat er nur eines verkauft. Die restlichen stapeln sich in seinem Schuppen.

Die Regierung nimmt kaum noch Felle ab, weil in öffentlichen Gebäuden schon fast alle Wände damit voll hängen. Der Export ist gemäß dem Washingtoner Artenschutzabkommen nur erlaubt, wenn die Jagd die Population der Eisbären nicht gefährdet. In Grönland ist dies aber nicht erwiesen. Eliassen trägt zwar jeden Abschuss säuberlich in sein Jagdbuch ein, das zu Hause neben seinem Telefon steht. Er meldet ihn auch der Gemeinde. Doch landesweit korrekt erfasst werden die Abschüsse nicht.

Erderwärmung mindert die Fruchtbarkeit

"Grönland steht seit Jahren in der Kritik, weil es weder Quoten für die einheimische Jagd noch zuverlässige Kontrollen gibt", sagt die Biologin Daniela Freyer, 35, von Pro Wildlife. Sorgen um den Fortbestand machen sich Tierschützer ohnehin, weil Eisbären am Ende der Nahrungskette stehen und am meisten unter der zunehmenden Belastung durch Schadstoffe im Meerwasser wie Schwermetalle und toxische Verbindungen leiden.

Zudem verkürzt sich die Frostperiode stetig und somit die Zeit, in der die Eisbären jagen können. Sie lauern den Robben an den kleinen Wasserlöchern auf, an denen die Tiere zum Luftholen auftauchen. Häufig aber ist das Eis für die Bären zu dünn. Sie können sich für die sommerliche Fastenzeit kaum noch genug Speck anfressen. Das mindert die Fruchtbarkeit und die Überlebenschancen der Jungtiere.

Rasmussen versorgte die Eskimos mit Waren

Diesen Winter ist es für Eliassen zum ersten Mal seit vier Jahren möglich, mit seinem Schlitten wieder nördlich von der Jagdhütte aufs Eis zu fahren. Bis ganz hoch nach Thule ist er seit zehn Jahren nicht mehr gelangt, jenem mythischen Ort, dem der antike Seefahrer Pytheas vor mehr als 2000 Jahren den Namen gegeben hat. Damals war Eliassen zwei Tage unterwegs bis Thule, der einst wichtigsten Siedlung der Provinz.

Der dänische Polarforscher Knud Rasmussen hatte dort 1910 die erste Handelsstation für Felle gegründet. Rasmussen finanzierte mit den Gewinnen seine Expeditionen, wollte langsam die archaische Welt der Eskimos mit der Moderne versöhnen und die Jäger regelmäßig mit Äxten, Gewehren, Kaffee und Zucker versorgen. Unabhängig von den Walfängern, die immer wieder in der Gegend kreuzten, aber nie faire Preise für die Felle zahlten.

"Rasmussen hatte ein Herz für die Grönländer", sagt Simon Eliassen. Er ist zurück in seiner Hütte. Im Topf dampft das Fleisch einer zweiten Robbe, die ihm abends noch ins Netz gegangen ist. Eliassen hat einige von Rasmussens Büchern gelesen, liebt vor allem dessen Berichte über die Jagd. Er verzeiht ihm sogar, dass er mit seinem florierenden Fellhandel die heute so verhassten Dänen in diesen nördlichsten Zipfel des Landes lockte. Die Dänen übernahmen 1937 die Handelsstation, erklärten auch Thule zum Teil ihrer Kolonie und ließen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Amerikaner ins Land.

Das Militär vertrieb sie aus den Jagdgründen

Innerhalb von vier Tagen mussten damals alle Einwohner Thule verlassen. Die Amerikaner richteten unter dem geheimen Codenamen "Blue Jay" ihre nördlichste Militärbasis ein. In der Hoch-Zeit des Kalten Krieges waren dort bis zu 15.000 Soldaten mit Kampfjets stationiert und Atomwaffen gelagert. Derzeit wird die Basis im Rahmen des US-Raketenabwehrprogramms wieder ausgebaut. Die Vertriebenen von Thule mussten beste Jagdgründe aufgeben. Sie wurden 100 Kilometer weiter nördlich angesiedelt. Im Nichts.

Heute ist die Provinzhauptstadt Qaanaag ein Ort der Trostlosigkeit. Eliassen fährt nur hin, wenn er muss. Vor zehn Jahren zur Geburt seiner Tochter Aqattaanaguaq, deren Namen er mit rosa Kreide über seiner Schlafstatt an die Decke der Jagdhütte geschrieben hat. Oder als er sich vor zwei Jahren beim Flensen, beim Zerteilen eines Wals, die halbe Hand durchtrennte.

Die bunten Fertighäuser von Qaanaag, hergestellt in Dänemark, wirken freundlich und adrett. Hinter den Fassaden herrscht das Elend der Arktis. Zur Jagd gehen hier noch etwa zehn Männer, die Arbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent. Der einzige Laden in dem 600-Einwohner-Ort macht mit Alkohol eine Million Euro Jahresumsatz. Kinder und Jugendliche flüchten sich abends ins "Rot-Kreuz-Haus" zu Gewaltspielen am Computer oder Porno-Seiten im Internet. Eltern klagen, dass Lehrer wegen Trunkenheit oft nicht zum Unterricht erscheinen.

Inuit wollen Unabhängigkeit erreichen

Dennoch fürchten alle in Qaanaag, ein zweites Mal vertrieben zu werden. Es kostet den Staat ein Vermögen, den abgelegenen Ort zu unterhalten. Nun möchte die Regierung Kosten sparen, um endlich unabhängig zu werden von Kopenhagen. Mit 400 Millionen Euro jährlich finanziert Dänemark mehr als die Hälfte des grönländischen Staatsbudgets - und bestimmt immer noch die Justiz- und Außenpolitik sowie Förderung der Bodenschätze. "Unabhängigkeit ist das vorrangige Ziel. Wir müssen unseren Geist und unsere Seele wiederfinden, die uns der weiße Mann geraubt hat", sagt Hans Enoksen, Grönlands Premierminister, der gern North-Face-Jacken trägt und sich beharrlich weigert, Dänisch zu sprechen.

Enoksen versichert, dass unter seiner Regierung niemand gezwungen sein werde, sein Dorf zu verlassen, wie in den 60er Jahren bei den Dänen. Die hatten in abgelegenen Orten Fabriken geschlossen und die Stromversorgung abgestellt, um dann die Bewohner in größere Städte umzusiedeln. Enoksen beauftragte bei seinem Amtsantritt einen Schamanen, der den dänischen Geist aus dem Parlament vertreiben sollte. Aber seine Regierung war es dann, die erstmals mit dem alten, solidarischen Prinzip brach, nach dem überall im Land einheitliche Preise für Strom, Wasser und Heizung zu zahlen sind.

Die Preise in der Provinzhauptstadt und auch in Savissivik haben kräftig angezogen - vor allem, weil die Flüge nach Qaanaag heute dreimal so teuer sind wie noch vor drei Jahren. Es wird sogar erwogen, den von den Amerikanern als Wiedergutmachung neu erbauten Flughafen in Qaanaag zu schließen, um die Betriebskosten zu sparen. "Ich habe keinen Beweis, aber ich vermute, dass es einen Plan gibt, die Leute irgendwie in den Süden zu bringen", sagt Axel Olson, 44, der Vizechef der Provinz. "Vielleicht ist das der Preis für die Unabhängigkeit."

Viele verfallen dem Alkohol

In manchen Jägersiedlungen wie etwa auf Herbert-Island lebt schon niemand mehr. In Qeqertarsuaq sind es noch zwei Familien. In Moriusaq noch 23 Menschen. Eliassen verdrängt den Gedanken, dass es irgendwann mit Savissivik ähnlich sein könnte. Das halbe Dorf fällt ins Delirium, wann immer der Hubschrauber landet. Der bringt Postpakte, viele davon voll mit Alkohol.

Irgendwie, glaubt Eliassen, wird er schon über die Runden kommen. Er hat versucht, bei den Amerikanern in Thule als Reinigungskraft ein Zubrot zu verdienen. Nach vier Wochen war Schluss - er spricht kein Englisch. Zehn Jahre war Eliassen Aushilfspolizist im Dorf. Aber den Job hat er vor einem Jahr an den Nagel gehängt, weil er es leid war, für die paar Cent nachts so oft raus zu müssen. Jetzt hofft er auf den Posten des Vize-Pfarrers, flucht aber, weil er dafür Psalme lernen müsste. Lieber wäre er nur auf dem Eis.

Nach zwei Stunden entdecken sie den Bären

Er träumt davon, dass das Parlament für Touristen die Trophäenjagd auf Eisbären freigibt. Zusammen mit seinen Kollegen hat er vor vier Jahren dazu einen Brief an die Regierung geschrieben. "In Kanada machen die das schon lange", sagt er. "Zu dritt könnten wir da pro Jagd 10.000 Euro machen."

Eliassen wäre dann an Tagen wie dem dritten dieser Jagd ein gemachter Mann. Sein Bruder Magnus entdeckt den Bären nach zwei Stunden Pirsch. Er springt vom Schlitten, schneidet zwei Hunde von den Leinen. Sie rasen los, um den Bären zu stellen. Jetzt gibt es auch für die anderen Hunde kein Halten mehr.

Magnus gelingt es nicht, wieder auf sein Gespann zu springen. Er steht 500 Meter vom Bären entfernt, viel zu weit für einen Schuss. Er schreit und flucht, während der Bär auf einen Eisberg flüchtet. Aber das Tier wittert Ole nicht, der sich gegen den Wind heranpirscht. Ole schießt aus 150 Meter Distanz. Der zweite Schuss streckt den Bären nieder, der aus vier Meter Höhe vom Eisberg stürzt. Der Schütze jubelt. In wenigen Minuten haben die Männer das Fell abgezogen, die Beute verteilt. Eine riesige Blutlache bleibt zurück.

Auf dem Weg bis zur Hütte gefriert das Fleisch, die Männer lagern es auf dem Dach der Jagdhütte. Eliassen trägt das Datum des Abschusses stolz in den Wandkalender ein. Tags darauf stürmt der Wind mit 100 km/h. Eliassen fährt kurz raus, um seine Netze zu kontrollieren, dann zurück nach Hause. Morgen soll der Zahnarzt mit dem Hubschrauber nach Savissivik einfliegen. Dann kommt er vielleicht ein ganzes Jahr nicht mehr. Eliassen versucht schon jetzt vergebens, mit seinem Schnauzer den zahnlosen Oberkiefer zu verbergen.

Die Beute gibt Essen für einen Monat

Die Fahrt wird mühsam. Der Vollmond scheint - und das bedeutet: starke Flut, starke Strömung, schlechtes Eis. Die zugefrorene Melville-Bucht durchziehen Risse, mitunter offene Spalten. Manchmal scheuen die Hunde. Immer wieder steigt Eliassen ab, prüft das Eis, sucht den besten Weg, treibt seine Tiere an, springt wieder auf. Ab und zu muss er weite Umwege fahren. Dann wieder wagt er den direkten Weg über schwankende Schollen. Er lacht, wenn es mal wieder gut gegangen ist. Dann zündet er sich eine Filterlose an.

Eine Stunde vor Savissivik wird an einem Eisberg noch einmal Tee gekocht. Dann zuckelt Eliassen zufrieden nach Hause. Er sitzt auf fünf tiefgefrorenen Robben und dem Viertel eines Eisbären. Das reicht zum Essen für einen Monat. Seinen Teil des Bärenfells hat er schon Magnus für dessen Sohn Karl geschenkt, für neue Fellstiefel. Karl ist elf und soll, wenn's nach dem Vater geht, einmal studieren. Eliassen aber hofft, dass Karl Jäger wird und die Tradition weiterführt. Er selbst hat ja nur Mädchen. Hätte er Jungen, hätte er ihnen längst die besten Hunde verschafft. "Jetzt warte ich, bis mein Enkel so weit ist", sagt Simon Eliassen. Hendrik ist drei Monate alt.

Joachim Rienhardt print

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