HOME

Helicobacter pylori: Revolution im Magen

Es schien eine Ärztekonferenz wie tausend andere zu werden - doch dann hielt die Medizinwelt den Atem an: Im September 1983 kletterte der junge Australier Barry Marshall auf das Podium eines internationalen Kongresses in Brüssel und verkündete Ungeheuerliches.

Die versammelten Professoren könnten getrost alles vergessen, was sie über Magengeschwüre gelernt und gelehrt hätten. Nicht Stress, Nikotin oder Übergewicht seien für das Volksleiden verantwortlich, sondern das Bakterium Helicobacter pylori, das er ein Jahr zuvor mit seinem Landsmann Robin Warren entdeckt habe.

Magengeschwür konnte nun innerhalb einer Woche geheilt werden

Der heute 54-jährige Marshall und der 14 Jahre ältere Warren wurden nach diesem spektakulären Auftritt lange Zeit von der Fachwelt missachtet und verspottet. Und es sollte noch viele Jahre dauern, bis sich die revolutionäre Erkenntnis auch in den Arztpraxen durchsetzte: Ein Magengeschwür ist meist eine Infektionskrankheit und kann innerhalb einer Woche geheilt werden. Für diesen Forschungserfolg, der die Gastroenterologie in ihren Grundfesten erschütterte, erhielten die beiden Australier jetzt den verdienten Lohn: den Nobelpreis für Medizin.

Entdeckt worden war der Helicobacter durch bloßen Zufall: In Marshalls Labor stand die Gewebeprobe einer Patientin mit einer Magenschleimhautentzündung wegen der Osterfeiertage länger als üblich im Brutkasten. Der sehr langsam wachsende Erreger hatte dadurch Zeit, sich ausreichend zu vermehren, und konnte so überhaupt erst festgestellt werden. Bis dahin war die Wissenschaft davon ausgegangen, dass Bakterien wegen des hohen Säuregehalts im Magen grundsätzlich in diesem Organ gar nicht siedeln können. Ein weiterer grundlegender Irrtum der Medizin, den Marshall in den 80er Jahren aus lauter Verzweiflung über die Ignoranz seiner Kollegen mit einer radikalen Maßnahme widerlegte: Er infizierte sich selbst mit dem Bakterium und bekam tatsächlich sofort eine Schleimhautentzündung. Inzwischen ist der Helicobacter, den die Weltgesundheitsorganisation WHO 1994 sogar als "definitiven Krebserreger" einstufte, eines der weltweit am meisten untersuchten Bakterien.

Dem Bakterium droht das endgültige Aus

Rund die Hälfte der Weltbevölkerung trägt den spiralförmigen Magenteufel in sich, in Deutschland wird die Zahl der Infizierten auf 33 Millionen geschätzt. Aber nur 30 Prozent von ihnen haben tatsächlich Beschwerden, und lediglich zehn Prozent entwickeln ein Geschwür. Die Ansteckung erfolgt meist schon im Kleinkindalter, die Übertragungswege sind noch nicht exakt geklärt. In 90 Prozent der Fälle ist Helicobacter für Magenschleimhautentzündungen (Gastritis) verantwortlich. Die von der Mikrobe ausgelöste Entzündung ist wiederum zu 80 Prozent Hauptursache des Magengeschwürs und zugleich wichtigste Voraussetzung für die Entstehung von Magenkrebs: Infizierte haben ein 30fach höheres Risiko, an diesem Tumor zu erkranken. Auch Geschwüre im Zwölffingerdarm sind mit nur wenigen Ausnahmen Helicobacter-Folgen. Typische Symptome einer Infektion sind Mundgeruch, Blähungen, Völlegefühl, Übelkeit, Speiseunverträglichkeiten und unregelmäßige Stuhlgänge.

Zwar kann der Erreger mit einem Atem- oder Stuhltest einfach nachgewiesen werden. Um andere Krankheiten sicher auszuschließen, ist aber eine - harmlose - Magenspiegelung erforderlich. Wird der Keim als Ursache der Beschwerden erkannt, kann er medikamentös mit einem Säurehemmer und zwei Antibiotika innerhalb einer Woche beseitigt werden. Die Rückfallquote bei Geschwüren liegt nach dieser Behandlung nahezu bei Null.

Millionen Patienten weltweit haben es den beiden Australiern zu verdanken, dass sie nicht mehr unter quälenden Magen- und Darmbeschwerden leiden. In den westlichen Industrieländern wird der Helicobacter dank der radikalen Therapie immer seltener übertragen. In Deutschland tragen ihn sogar nur noch sieben Prozent der Jugendlichen in ihrem Körper. 23 Jahre nach der Entdeckung durch Warren und Marshall droht dem Magenteufel das endgültige Aus.

Froben Homburger/AP