Interview Auch im Mittelmeer möglich


Seebeben und Tsunamis können in vielen Meeresgebieten entstehen. Doch Frühwarnsysteme lassen sich vielerorts kaum wirklich sinnvoll betreiben.

Heidrun Kopp arbeitet am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften. Sie ist Spezialistin für Marine Geodynamik und hat über die Plattengrenze in Indonesien, an der das Beben stattfand und das den Tsunami auslöste, geforscht und promoviert.

Frau Kopp, was genau ist am Morgen des 26. Dezember im Indischen Ozean passiert?

Im Prinzip etwas ganz Natürliches. Unter dem Meeresboden vor Sumatra treffen zwei Kontinentalplatten aufeinander, die Platte des Indischen Ozeans und die Eurasische Platte. Die Indische Platte schiebt sich dort langsam unter die Eurasische Platte, normalerweise mit sechs Zentimetern pro Jahr. Bei diesem Verschluckungsprozess verhaken sich die Platten immer wieder, es bauen sich Spannungen auf, die sich dann in Erdbeben entladen. Genau das ist am Morgen des 26. Dezember geschehen. Wahrscheinlich waren es auf einen Schlag 15 Meter, mit denen die beiden Platten sich gegeneinander bewegt haben, und dieser Prozess betraf eine Länge von etwa 1200 Kilometern.

Erzeugt ein Seebeben immer auch einen Tsunami?

Nein. Ob sich ein Tsunami entwickelt und wie stark er ist, hängt davon ab, wie viel Masse am Meeresboden bewegt wird. Nur wenn sich der Ozeangrund mehrere Meter hebt oder senkt, bekommt die darüberliegende Wassersäule genügend kinetische Energie mit, um eine Welle zu erzeugen, die über Tausende von Kilometern durch die See läuft wie jetzt in Südostasien.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass im Indischen Ozean so etwas demnächst wieder passiert? Sollten Urlauber in Zukunft dieses Gebiet meiden?

Tsunamis lassen sich nicht vorhersagen. Zu einem großen Seebeben mit einer mörderischen Flutwelle kann es morgen genauso gut kommen wie erst in Hunderten von Jahren. Das gilt für alle Regionen auf der Welt, wo sich zwei Kontinentalplatten aufeinander zubewegen, Indonesien ist da keineswegs ein Sonderfall. In den Meeren, in denen die Plattengrenzen besonders lang sind, ist die Wahrscheinlichkeit noch größer, weil dort aufgrund der Länge der kritischen Zone mehr Seebeben auftreten. Gefährdet ist vor allem der gesamte so genannte zirkumpazifische Raum von der Spitze Südamerikas bis hoch nach Alaska über Kamtschatka, Japan, die Philippinen, Papua-Neuguinea, bis runter nach Neuseeland. Aber auch bei Indonesien oder vor Pakistan gibt es ein Risiko. Wo Platten auseinander driften, wie am Mittelatlantischen Rücken, sind die Gefahren ziemlich gering.

Selbst in der Karibik und im Mittelmeer, Lieblingsziele von Millionen Touristen, stoßen Kontinentalplatten aufeinander. Kann es dort ähnliche Tsunamis geben wie jetzt im Indischen Ozean?

Das kann schon passieren, die Karibik und auch die Küsten vor der Türkei, vor Griechenland und Italien sind potenzielle Seebebengebiete. Trotzdem würde ich keinem Urlauber abraten, dorthin zu reisen. Und ich würde auch niemanden davon abhalten, in nächster Zeit nach Südostasien zu fahren - jedenfalls nicht wegen der Tsunamigefahr. Dann können Sie auch nicht nach Tokio oder San Francisco fliegen, dort gibt es immerhin auch ein nicht zu unterschätzendes Erdbebenrisiko. Wer all diesen Gefahren aus dem Weg gehen will, sollte an die Ostsee fahren. Da ist es tektonisch ziemlich ruhig. Allerdings fehlen da auch die Palmen.

Tsunamis können nicht nur durch Seebeben entstehen. Geologen befürchten, dass es zu einer gewaltigen Welle kommen könnte, wenn eines Tages auf La Palma der Vulkan Cumbre Vieja ausbricht und Teile seines Kegels ins Meer stürzen.

Ja, ja, es gibt da Horrorszenarien von einer mehrere hundert Meter hohen Flutwelle, die über die Kanaren schwappen und selbst in New York noch mit 25 Meter Höhe auflaufen würde. Aber bitte keine Panikmache! Es kann auch ein Meteorit auf unseren Planeten krachen und eine gigantische Flutwelle auslösen, die Millionen umbringt. Wenn man sich vor diesen Risiken, die keiner derzeit seriös abschätzen kann, schützen will, darf man auch nicht mehr ins Auto steigen. Da lauert viel größere Gefahr.

Die Nordseeanrainer kennen Sturmfluten. Werden sie sich auch auf Tsunamis einstellen müssen?

Es ist ein tektonisch ruhiges Gebiet, es gibt hier keine Plattengrenzen. Allerdings können auch im europäischen Meer Flutwellen entstehen, wenn unterseeische Landmassen abrutschen. So können zum Beispiel eines Tages Teile des norwegischen Kontinenthanges in die See gleiten. Doch hätte das bei weitem nicht einen solchen Tsunami wie jetzt in Südostasien zur Folge. Außerdem haben wir Deiche.

Sollte man nicht überall Frühwarnsysteme bauen, wo eine Tsunami-Gefahr droht?

Im pazifischen Raum gibt es das ja bereits, und es funktioniert hervorragend. Aber so ein System lässt sich nicht überall so einfach aufbauen. Selbst wenn man die Technik installieren würde, müsste es entsprechende Kommunikationssysteme in den Ländern vor Ort geben. Das war ja auch jetzt das Problem. Von Seismologen wurde sehr schnell die Gefahr einer Flutwelle erkannt, aber es fehlten die Ansprechpartner vor Ort. Viele Länder schaffen es kaum, die nötige Infrastruktur aufzubauen. Es ist meist auch ein finanzielles Problem. Aber sicher ist es wichtig, in den betroffenen Gebieten zumindest die Menschen besser aufzuklären, damit sie sich im Ernstfall richtig verhalten.

In den Mittelmeerländern wenigstens wäre doch Geld für ein Warnsystem da.

Ja, aber hier in Europa ist die Wahrscheinlichkeit eines Tsunamis ja nicht sehr hoch. Da gibt es vielerorts eine Menge Dinge, die man vorher angehen sollte. In Italien beispielsweise ist bei einem der letzten größeren Erdbeben eine Grundschule eingestürzt. Das hat das Leben von vielen Kindern gekostet. Es macht wahrscheinlich mehr Sinn, dort anzusetzen und erst einmal sichere Gebäude zu bauen.

Interview: Horst Güntheroth print

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