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Klimawandel: Tuvalu will nicht untergehen

Die Tuvaluer kämpfen gegen den steigenden Meeresspiegel, der immer mehr Strandabschnitte wegspült. Noch mehr Sorgen bereiten ihnen die Wasserströme, die sich unter dem Sand vorarbeiten und weiter im Inland wieder zu Tage treten.

Während auf der UN-Konferenz für regenerative Energien in Bonn noch über die Abhängigkeit der Weltwirtschaft vom Öl und deren Folgen diskutiert wird, sind die klimatischen Veränderungen im Pazifik längst erschreckende Realität. Auf den Inselstaaten Tuvalu, den Marshall-Inseln und Kiribati können die Menschen schon jetzt täglich beobachten, was eine weltweite Erwärmung des Klimas für sie bedeutet. Sie müssen zusehen, wie der Meeresspiegel steigt und Inseln und Lagunen im Pazifik verschwinden.

Früher Pfützen, heute Seen

Auf der Insel Funafuti, gleichzeitig Hauptstadt Tuvalus, versinken immer größere Küstenabschnitte im Meer. Noch mehr Sorgen bereiten den Einwohnern die Wasserströme, die sich unter dem Sand vorarbeiten und dann weiter im Inland wieder zu Tage treten. "Früher waren es Pfützen, heute sind es Seen", sagt die örtliche Meteorologin Hilia Vavae.

Während des 20. Jahrhunderts stiegen die weltweiten Meeresspiegel bis zu 2,5 Zentimeter alle zwölf Jahre an. Auf Funafuti sind es seit 1993 zwischen fünf und sechs Millimeter pro Jahr. Hinzu kommt eine weitere Gefahr: Einige Insel sinken unter ihrem eigenen Gewicht in sich zusammen. "Auf vielen Inseln passiert beides: Wasserspiegel und Landmasse sinken ab", sagt der Ozean-Forscher Roger Lukas von der Universität von Hawaii.

Flut wird gefährlich

Eine umstrittene Faustregel besagt, dass jeder Millimeter des ansteigenden Wassers bis zu 1,5 Meter Strand schlucken kann. Einige Experten glauben jedoch, dass ein geringfügig ansteigender Pazifik die Inseln zwar verändern, aber nicht vollständig auslöschen wird.

Doch selbst kleine Veränderungen stellen die Bewohner von Funafuti vor fast unlösbare Aufgaben. So erzählt der 75-jährige Lototele Malie, wie die Flut vor einem Monat sein Haus direkt am Strand unter Wasser setzte. Für ihn und seine 15-köpfige Familie gibt es kaum eine Möglichkeit umzuziehen. Nur 300 Meter von der Rückwand des Hauses entfernt beginnt eine Lagune. "Es wird gefährlich", sagt Malie.

Kinder mussten zur Schule schwimmen

Betroffen ist auch der Flughafen von Funafuti. "Die Leute machen sich besondere Sorgen, seit die Landebahn überschwemmt wurde", sagt Margaret Bita. "Das ist neu." Der Flughafen liegt an der breitesten Stelle der elf Kilometer langen Insel, auf der die Hälfte der 11.000 Einwohner Tuvalus leben. 600 Meter ist die Insel an dieser Stelle breit, anderswo sind es nur knapp 50 Meter. Als im Februar die Flut die Hauptstraße überspülte, schwammen die Kinder zur Schule.

Noch in den 80er Jahren habe es solche Ausmaße der Flut nur im Januar und Februar gegeben, sagt die Meteorologin Vavae. Jetzt donnerten sie von September bis Mai an die Strände. Wegen des eindringenden Salzwassers bewirtschaften viele Bewohner schon seit langem ihre Gärten nicht mehr, auf der Nachbarinsel Vasafua sind die Kokosnussbäume abgestorben, die unbewohnte Insel Tepuka Savilivili ist bereits in den Wellen verschwunden. "Sie ging im Zyklon von 1997 unter", sagt Vavae.

Vertrauen auf Gott - und Neuseeland

Auf Tuvalu, streng christlich seit den Tagen der Missionare, sprechen die Menschen jedoch nicht nur vom Treibhauseffekt, sondern auch vom Buch Genesis. Sie erinnern an Gottes Versprechen an Noah: Solange der Regenbogen am Himmel steht, wird es keine gewaltigen Fluten mehr geben. "Gott wird uns schützen", sagt eine Frau vor der Kirche.

Der Ministerpräsident von Tuvalu, Saufatu Sopoanga, kann jedoch nicht nur in die Bibel schauen, sondern muss den Tatsachen ins Auge blicken. Er spricht gerade mit Neuseeland über eine "Arche des 21. Jahrhunderts", einen Plan für eine Massenauswanderung, sollte Tuvalu tatsächlich einmal im Meer versinken. "Es wird erwartet, dass die Inseln in 50 bis 100 Jahren untergehen. Was können wir tun?" Er sagt es und blickt in den strahlend blauen Himmel, an dem nach dem morgendlichen Regen wieder ein Regenbogen zu sehen ist.

Charles J. Hanley, AP / AP / DPA
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