VG-Wort Pixel

Komplett-Kopie im Metaverse "Wir werden als erster Staat rein digital existieren": Tuvalu versinkt im Meer und will sich in die Cloud retten

Die Inselnation Tuvalu zeigte eine Vorschau auf ihre virtuelle Versuin
Die Inselnation Tuvalu zeigte eine Vorschau auf ihre virtuelle Versuin
© Screenshot/Tuvalu
Die Techszene träumt von einer rein virtuellen Parallelwelt. Der Inselstaat Tuvalu sieht es indes als letzte Rettung. Weil das Land bald im Meer verschwinden wird, will es wenigstens in der digitalen Welt eine zweite Chance bekommen.

Es ist ein aussichtsloser Kampf um die eigene Existenz. Seit Jahren gehen Prognosen davon aus, dass der steigende Meeresspiegel den pazifischen Inselstaat versinken lassen wird. Außenminister Simon Kofe hat nun einen drastischen Plan verkündet: Tuvalu will als erster Staat eine komplette digitale Kopie erstellen – um so nach dem Untergang in der virtuellen Welt als Staat weiter existieren zu können.

Das verkündete Kofe im Rahmen des aktuellen Klimagipfels COP27. "Da die Welt nicht handelt, müssen wir selbst handeln", verkündete er dramatisch in einer Videobotschaft. Weil die Temperaturen weiter steigen, würden die Inseln langsam von Meer verschlungen. "Während unser Land verschwindet, haben wir keine Wahl, als die erste digitale Nation zu werden". Das Land, der Ozean und die Kultur seien der größte Schatz des Volkes. "Um sie vor Schaden zu schützen, egal was in der physischen Welt passiert, werden wir uns in die Cloud bewegen."

Rettung ins Metaverse

Stück für Stück wolle man das Land und seine Charakteristika in die virtuelle Welt kopieren. "Um Trost für unsere Menschen zu schaffen und unsere Kinder und Enkel daran zu erinnern, was unser Heim einst ausmachte." Doch für den kleinen Inselstaat geht es um mehr, als nur eine Art virtuelles Museum für seine Heimat zu schaffen. "Für uns geht es darum, unseren Status als Staat, unsere Souveränität und unsere Grenzen zu erhalten", führt Kofe aus. Als erster Staat will Tuvalu auch ohne real existierendes Land weiter bestehen bleiben. "Es ist wichtig, dass global am besten Szenario gearbeitet wird. Aber wir im Pazifik müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten."

Der Schritt in die virtuelle Welt wird damit zur letzten Rettung. Bisher wird das Metaverse vor allem als Erweiterung des Alltags gedacht, als weitere Ausbaustufe des Internets. Konzerne wie das mittlerweile in Meta umbenannte Facebook schwärmen davon, dass die Menschen in der virtuellen Umgebung gemeinsam interagieren, shoppen und arbeiten. Dass Menschen dort ihr ganzes Leben verbringen könnten, wird von den Pionieren vermutlich durchaus in Kauf genommen. Einen ganzen Staat nur noch virtuell existieren zu lassen, dürfte aber selbst Mark Zuckerberg noch nicht eingefallen sein.

Das Ende in Sicht

Für Tuvalu könnte es aber tatsächlich der letzte Ausweg sein. Das aus neun Inseln zwischen Australien und Hawaii bestehende Land kämpft seit Jahren an vorderster Front gegen den Klimawandel. Leider hat es selbst wenig Kraft, diesen zu erreichen: Tuvalu hat nur knapp unter 12.000 Einwohner, das gesamte Bruttoinlandsprodukt der Nation beträgt etwa 60 Millionen Euro. Die Regierung hatte – genau wie das benachbarte Kiribati – bereits versucht, für seine gesamte Bevölkerung Asyl in Australien oder Neuseeland zu bekommen und schrittweise auszuwandern. Doch obwohl es wie die beiden Länder Teil des britischen Commonwealth und König Charles III. offizielles Staatsoberhaupt ist, wurden diese Anträge abgelehnt. Nur einzelne Familien erhielten offiziell den Flüchtlingsstatus.

Mit dem Ziel eines virtuellen Staates strebt Tuvalu auch die Option an, souverän über die Grenzen des Inselreiches bestimmen zu können, ohne dass deren Landfläche noch als solche existiert. Nach Angaben von Kofe hätten bereits sieben Staaten zugesagt, die Grenzen und die Souveränität auch nach einem Untergehen respektieren zu wollen. Selbstverständlich ist das allerdings nicht, das internationale Seerecht sieht einen solchen Fall bislang nicht vor.

Aktivisten errichten riesige Pyramide aus Plastik in Ägypten

Dramatischer Appell

Wie weit das Projekt fortgeschritten ist, wird am Ende des Videos klar. Während die Kamera sich langsam vom weiter sprechenden Außenminister entfernt, erkennt man als Zuschauer, dass er sich gar nicht auf der echten Insel befindet – sondern in ihrer virtuellen Kopie gezeigt wurde. Nur durch globale Zusammenarbeit ließe sich der menschgemachte Klimawandel noch verlangsamen und ein Untergehen seines Landes und weitere dramatische Folgen für andere Länder noch verhindern. "Es ist schon lange Zeit zu handeln. Wir müssen noch heute damit beginnen, appelliert er. "Sonst wird Tuvalu nur noch an einem Ort existieren – hier."

Mehr zum Thema

Newsticker