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Kriminalbiologie: Kommissar Schmeißfliege

Wie der Insektenkundler Mark Benecke den Todeszeitpunkt von Verbrechensopfern ermittelt - zum Beispiel im Prozeß gegen den Pastor Klaus Geyer.

Von Werner Mathes

Die drei Maden waren, in Formalin eingelegt, nach Amerika verfrachtet worden. Polizeiliche Spurensicherer hatten sie im Sommer vorigen Jahres auf der Leiche der erschlagenen Pastorengattin Veronika Geyer-Iwand gefunden. Am New Yorker Institut für Rechtsmedizin wurden die Tierchen eingehend untersucht. Der Befund sollte am Montag in Braunschweig verlesen werden, wo der des Totschlags an seiner Frau angeklagte Klaus Geyer vor Gericht steht. Doch jetzt muß Dr. Mark Benecke sein Gutachten über den Todeszeitpunkt selbst verlesen und erläutern. Von ihm vor allem hängt ab, ob der Pastor am Ende verurteilt oder freigesprochen wird - denn für den mutmaßlichen Tattag, den 25. Juli 1997, hat Geyer für mehrere Stunden kein Alibi. Anders am Tag darauf - da wollen Zeugen die vermisste Frau sogar noch gesehen haben.

Leichen werden "besiedelt"

Der deutsche Diplombiologe Mark Benecke, seit Herbst vorigen Jahres in New York, gehört zu den rund zwei Dutzend europäischer und amerikanischer Wissenschaftler, die sich auf einen kuriosen Fachbereich der Kriminalistik spezialisiert haben: Forensische Entomologie. Insektenkundler wie Benecke sind gefragt, wenn es darum geht, möglichst genau den Todeszeitpunkt eines Verbrechensopfers zu bestimmen. "Am besten sind unsere Ergebnisse, wenn die Leichen zwei Tage bis zwei Wochen alt sind", sagt der Wiener Gerichtsmediziner Professor Christian Reiter, Entomologe wie Benecke. Vorher seien Indikatoren wie Körpertemperatur und der Grad der Leichenstarre aussagekräftiger.

Leichen - besonders jene, die längere Zeit im Freien liegen - werden nach und nach von bestimmten Insektenarten "besiedelt". Zuerst lassen sich weibliche Schmeißfliegen nieder und legen ihre Eier. Die Latrinenfliege, die sonst im typischen Zickzackflug um die Stubenlampe schwirrt, zieht eine fortgeschrittene Fäulnis vor. Erst nach drei bis sechs Monaten kommt die gerade mal vier Millimeter große Käsefliege. Und ganz zuletzt, wenn kein Gewebe mehr da ist, frisst der Pelzkäfer den Rest von Haut und Haaren.

Aufzucht in der Plastikdose

Wie die Wissenschaftler bei der Bestimmung des Todeszeitpunkts vorgehen, illustriert ein Fall aus dem US-Staat South Carolina. Im August 1987 wurde dort in einem Wald das Skelett eines offenbar ermordeten Mannes entdeckt. Ein Entomologe fand darauf unverpuppte Larven der Schwarzen Soldatenfliege. Die Tiere, die in einer Plastikdose aufgesammelt wurden, verpuppten sich, vier Wochen später schlüpften die ersten Fliegen aus. Bei einer am Tatort zur fraglichen Zeit errechneten Durchschnittstemperatur von 21,7 Grad Celsius braucht eine Soldatenfliege 52 Tage, um zu schlüpfen. Die Insektenkundler zogen nun die 30 Tage in der Plastikdose ab und addierten die 20 bis 30 Tage hinzu, nach denen die Soldatenfliege ihre Eier auf einer Leiche abzulegen pflegt. Der Tod des Mannes mußte also 42 bis 52 Tage vor dem Fund des Skelettes eingetreten sein.

"Das ist nichts für Leute mit schwachen Nerven", sagt Biologe Benecke, der im Kölner Institut für Rechtsmedizin über den genetischen Fingerabdruck und seine Typisierungen promovierte. Weil er nur zwei Türen vom Obduktionssaal entfernt saß, konnte er "direkt riechen, wann wieder eine Faulleiche auf dem Sektionstisch lag". Die wissenschaftliche Neugier trieb ihn zu den toten Körpern, auf und in denen er Maden und anderes Kleingetier entdeckte und untersuchte. Als die Gerichtsmediziner Benecke immer häufiger um Hilfe bei der Todeszeitbestimmung baten, machte der die Forensische Entomologie schließlich zu seinem Beruf.

Ermittler mit sechs Beinen

Mark Benecke und sein österreichischer Kollege Christian Reiter sind bislang noch die einzigen Gerichtlichen Insektenkundler im deutschsprachigen Raum. Das dürfte sich ändern: Denn zunehmend interessieren sich polizeiliche Ermittler, Rechtsmediziner und Juristen für diese Disziplin und ihre faszinierenden Möglichkeiten bei der Aufklärung von Straftaten. So sind Spurensicherer und Bestatter nun stets gehalten, aufgefundene Leichen mitsamt der tierischen Population zu bergen. Und zwar möglichst lebend, damit sie großgezogen werden können. Benecke hofft, "daß die Untersuchung von Gliedertieren bald ihren festen Platz im Repertoire der rechtsmedizinischen Praxis findet." Denn der sechsbeinige "Kommissar Schmeißfliege" deckt nicht nur den Todeszeitpunkt eines Mordopfers auf, sondern findet auch heraus, wenn Tatort und Fundort nicht identisch sind.

In Österreich wurden auf der Leiche einer Prostituierten, die auf einer ländlichen Müllkippe lag, Maden der Grünen Schmeißfliege Lucilia sericata, eines typischen Großstadtinsekts, entdeckt. Mit dieser Information ermittelte die Kripo, daß die Hure tatsächlich in Wien umgebracht und dann aufs Land gefahren worden war. Die stummen Zeugen müssen noch nicht mal leben. Die drei Maden, die Benecke aus Braunschweig zur Begutachtung bekam, waren in Formalin eingelegt - also tot. Kein Problem für den Wissenschaftler: "'Man kann auch aus toten Maden genug Informationen gewinnen." Benecke hatte schon Fälle, wo es nur Eier oder Flügel einzelner Fliegen gab: "Selbst dieses Material gibt eine ganze Menge her."

Mord oder Selbstmord?

Im amerikanischen Bundesstaat Tennessee fand man im ausgebrannten Wrack eines Autos eine verkohlte Leiche. Obwohl alles für einen Verkehrsunfall sprach, wurde der Tote obduziert. In seinem Schädel stießen die Gerichtsmediziner auf verkochte tote Maden. Die Leiche hatte also länger gelegen, bevor sie angezündet worden war - sonst wären keine gekochten Maden im Schädel gewesen. Die misstrauischen Obduzenten machten schließlich winzige Messerstichmarken an der Wirbelsäule aus- der Autofahrer war etwa 18 Tage vor der Entdeckung der Leiche erstochen worden.

Insektenkundler sind mitunter sogar in der Lage, Selbstmorde von Morden zu unterscheiden. Wenn das Gewebe eines Verstorbenen eine toxikologische Analyse nicht mehr zulässt, wird "Kommissar Schmeißfliege" auf die Überreste gesetzt. Später können in den Fliegenlarven, die sich ins Faulfleisch eingegraben haben, exakt jene Gifte bestimmt werden, mit denen sich der Selbstmörder ins Jenseits befördert hat.

Quelle: stern vom 5.3.1998

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