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Luftmessungen: Schmutziges Spiel

Luftmessungen zeigen seit Jahren, dass die zulässigen Werte für feinstaub überschritten werden. Alle, die das hätten ändern können, sahen weg.

Am 27. Februar registriert die Luftmessstation am Augsburger Königsplatz einen alarmierenden Wert: Die Konzentration von Feinstaub in der Luft ist zu hoch. Schon wieder. Die von der EU festgelegte Schwelle von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft wird in diesem Jahr schon zum 35. Mal - der zulässigen Maximalzahl - überschritten.

Doch der Alarm

vom Königsplatz bleibt öffentlich ungehört. Er ereignete sich im Jahr 2003. Damals galt zwar schon die EU-Richtlinie, doch sie war noch im Probelauf. Ihre Umsetzung wird erst seit Januar 2005 verlangt. Die Werte waren besorgniserregend. An 132 Tagen enthielt die Augsburger Luft übermäßige Mengen krank machender Feinstaubpartikel, im Schnitt an jedem dritten Tag. Der Jahresmittelwert lag bei 47,1 Mikrogramm - hauchdünn unter jenen 50 Mikrogramm, die den einmaligen Tagesmaximalwert bilden sollen. Und nicht nur in Augsburg herrschte dicke Luft: Weitere 139 von damals 368 Messstationen im ganzen Land überschritten an jeweils mehr als 35 Tagen den Grenzwert. Soll also niemand sagen, man hätte nicht wissen können, was auf die Deutschen durch die EU-Richtlinie 1999/30/ EG zukäme. Die Aufregung, seit in München und Düsseldorf 2005 die Grenzwerte jeweils zum 35. Mal überschritten wurden: pure Heuchelei. Vorschläge wie Fahrverbote, City-Maut, Straßensperrungen: pure Reflexpolitik.

Die Wahrheit ist: Es war reichlich Zeit, sich auf den Feinstaubalarm vorzubereiten - sie ist nutzlos verstrichen. Die Richtlinie stammt aus dem Juli 1999. Ernsthaft diskutiert wurde sie seit 1997. Sie war in allen Sprachen der EU kostenlos verfügbar und hätte jedem in Politik und Automobilwirtschaft bekannt sein müssen. In ihr steht klar drin, welche Luftgrenzwerte gelten (für Feinstaub 50 Mikrogramm), wie oft sie überschritten werden dürfen (bis zu 35-mal im Jahr) und wie und wo gemessen werden muss.

Anfangs wurden die Vorgaben brav umgesetzt: Das Messnetz zur Erfassung der Luftbelastungen haben Landesbehörden und Umweltbundesamt in Rekordzeit aufgebaut. Es umfasst heute fast 400 Stationen; wie vorgeschrieben mal an einer viel befahrenen Münchner Pendlerroute, mal auf einem einsamen Berggipfel im Harz. Schon seit dem Jahr 2000 melden die meisten Stationen Daten. Und regelmäßig reißen einige die Jahreshöchstgrenze. Erst waren es 30, dann 46, dann 96 und im Jahr 2003 schon 140 Orte mit zu viel Feinstaub in der Luft. In Braunschweig wurden an einer Stelle 226 Mikrogramm im Tagesmittel gemessen - viereinhalb Mal so viel wie der Grenzwert. Klar war auch: An verkehrsreichen Straßen, wo die Belastung besonders hoch ist, verursacht Dieselruß etwa 50 Prozent des Staubes - so ermittelte es das Umweltbundesamt.

Die Werte wurden nach Brüssel gemeldet. Sonst geschah nichts: Politiker ignorierten die gesundheitsgefährdenden Feinstaubwerte. In den Zentralen der Autoindustrie setzten die Messwerte Staub an. Der Einbau von Rußfiltern wurde herausgezögert wie einst die Einführung des Katalysators. Führender Aussitzer: VW-Chef Bernd Pischetsrieder, der stets beteuerte, man erreiche mit "innermotorischen Lösungen", also einem besseren Verbrennungsprozess, die Grenzwerte.

Fatale Folge:

Die Autoindustrie ist selbst schuld, dass Politiker nun über Diesel-Fahrverbote, Tempo-30-Zonen und City-Maut reden. Und dass die Kunden verunsichert sind. Immerhin war zuletzt fast jeder zweite in Deutschland verkaufte Pkw ein Diesel. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen glaubt, dass die Kunden künftig zögern werden: "Dieselfahrzeuge ohne Filter werden in Zukunft schlechter verkäuflich sein." Einen weiteren Absatzeinbruch kann sich die Branche nicht leisten: In den ersten Monaten des Jahres ging die Zahl der Pkw-Neuzulassungen um drei Prozent zurück. So beeilen sich alle Hersteller nachzulegen und stoßen auf Lieferengpässe bei den Herstellern der Keramikfilter. Nur Mercedes sieht sich imstande, alle Diesel ab Sommer serienmäßig mit Filter auszurüsten.

Mit dem Aufrüsten von Neuwagen ist das Abgasproblem aber kaum behoben. Immerhin fahren rund neun Millionen Dieselfahrzeuge ohne Filter auf deutschen Straßen. Und bisher bietet kein Hersteller eigene Nachrüstlösungen an. Zwar gibt es unabhängige Anbieter, doch deren Systeme sind unterschiedlich effizient, und unter Umständen droht der Verlust der Garantie. So zeichnet sich ab, dass das Umrüstgeschäft wohl erst 2006 gemacht werden kann. Dabei wäre es eine rasch wirksame Konjunkturspritze: Bei im Schnitt 600 Euro Umrüstkosten pro Diesel-Pkw lockt ein Markt von 5,4 Milliarden Euro.

Jan Boris Wintzenburg / print