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ÖFFENTLICHE AUTOPSIE: Proteste gegen öffentliche Sezierung in München

Die Proteste gegen die Pläne des Anatomie-Professors Gunther von Hagens, auch in München eine Leiche öffentliche zu sezieren, nehmen zu.

Kirche: Menschenwürde angetastet und Totenruhe gestört

Die Proteste gegen die Pläne des Anatomie- Professors Gunther von Hagens, auch in München eine Leiche öffentliche zu sezieren, nehmen zu. Nach der katholischen Bischofskonferenz habe auch die Evangelische Kirche Deutschlands die Pläne kritisiert, berichtet die »Welt am Sonntag«. Der Sprecher Christof Vetter sagte der Zeitung: »Mit der Obduktion um des reinen Events willen wird die Totenruhe gestört und die Menschenwürde angetastet. Wir werden sicher nicht nur beobachten, sondern einschreiten.«

Auch der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel, Mitglied des Nationalen Ethikrats, übte deutliche Kritik: »Eine Obduktion, bei der die Zuschauer bezahlen müssen, macht den Leichnam zum Objekt ökonomischer Aktivitäten und tangiert damit die Menschenwürde, deren Schutzwirkung über den Tod hinaus wirkt.« Das zuständige Kreisverwaltungsreferat in München kündigte an, ein mögliches Verbot der Aktion zu prüfen.

Der wegen seiner »Körperwelten«-Ausstellungen umstrittene Hagens will nach eigenen Angaben demnächst eine Leiche in München öffentlich sezieren. Er hatte am Mittwochabend in London trotz Verbots der britischen Behörden den Körper eines 72 Jahre alten Deutschen vor laufenden Kameras und 650 Zuschauern öffentlich zerlegt.

Weitere Ermittlungen gegen von Hagens in Großbritannien

Gegen den deutschen Anatomie-Professor Gunther von Hagens (57) wird in Großbritannien weiter ermittelt. Das hat eine Sprecherin von Scotland Yard klargestellt. Von Hagens hatte zuvor behauptet, die Polizei in London habe ihm mitgeteilt, dass »zum gegenwärtigen Zeitpunkt« nicht mehr wegen seiner umstrittenen öffentlichen Leichen-Zerlegung gegen ihn ermittelt werde. Unterdessen mehren sich in Deutschland die Proteste gegen die Pläne des Professors, auch in München eine Leiche öffentlich zu sezieren.

Nach einem Bericht der »Sunday Times« untersucht die Polizei in der ehemaligen Sowjet-Republik Kirgisistan Vorwürfe, wonach von Hagens 500 Leichen aus der von ihm mitfinanzierten medizinischen Akademie der Hauptstadt Bischkek »gekauft« hat. Ein Teil der Leichen sei für seine »Körperwelten«-Ausstellung verwendet worden. Von Hagens komme dabei die Rechtslage in Kirgisistan zugute, wonach Leichen zur medizinischen Forschung verwendet werden können, wenn sie nicht binnen 30 Tagen von den Angehörigen eingefordert werden.

Die kirgisische Polizei will nach Angaben der »Sunday Times« nach London reisen, um dort zu untersuchen, ob von Hagens Leichen aus Bischkek für seine »Körperwelten«-Schau präpariert hat. Von Hagens bestreite, das getan zu haben. In der sibirischen Stadt Nowosibirsk müsse sich ein russischer Chirurg dafür verantworten, von Hagens mit 56 Leichen »versorgt« zu haben.

»Independent«: Von Hagens hat uns die Medizin näher gebracht

Zu der von Gunther von Hagens vorgenommenen öffentlichen Leichen-Obduktion schreibt die linksliberale britische Zeitung »The Independent on Sunday« (London):

»Das medizinische Establishment ist sich uneins in der Bewertung dieses Ereignisses. Von Hagens? Gegner berufen sich darauf, dass er Unterhaltung statt Belehrung biete. Doch sie sollten sich daran erinnern, woher sie kommen: Die Pioniere der modernen Medizin waren Knochenbrecher, Leichendiebe, Showleute und wissenschaftliche Fanatiker von beispielloser Unverfrorenheit.

Und wie jeder Medizinstudent weiß, hat von Hagens weniger Galgenhumor an den Tag gelegt als die meisten Anatomie-Lehrer. Von Hagens? öffentliche Veranstaltung hat uns ein deutlicheres Bild davon gegeben, was eine Autopsie ist. Und für viele, die anwesend waren, hat er dieser so überaus notwendigen medizinischen Handlung etwas von ihrer Furcht einflößenden Mystifizierung genommen.»