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Ölpest im Golf von Mexiko: Auch BP macht die Katastrophe jetzt Angst

Die Verzweiflung wird immer größer: Nachdem auch die Aktion "Top Kill" gescheitert ist, gibt es kaum Hoffnung auf ein schnelles Ende der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. BP und die Politik wirken gleich verzweifelt und hilflos – und bereiten sich auf das Schlimmste vor.

Von Lea Wolz

Das Bild alleine sagt mehr als tausend Worte: Schwarz sprudelt das Öl noch immer aus dem Leck am Meeresboden im Golf von Mexiko. Gespenstisch gleichmäßig und unaufhaltsam drängt die schwarze Brühe an die Oberfläche. Man könnte weinen, wenn man die Aufnahmen aus 1500 Metern sieht. Oder wütend werden - auf den Ölkonzern BP, der dieses Desaster zu verantworten hat. Und die US-Regierung, die mit großen Gesten und mächtigen Worten den Konzern verurteilt und Hilfe verspricht, tatsächlich allerdings an der Expertise der BP-Experten hängt wie ein Schwerkranker am Tropf.

Seit gestern Nacht ist klar: Die jetzt schon schlimmste Ölkatastrophe der US-Geschichte kann noch Monate dauern. Auch der neueste Versuch mit dem martialischen Namen "Top Kill" ist gescheitert, die Ölquelle nicht geschlossen. Dabei war das Vorgehen als entscheidende Aktion im Kampf gegen die Ölpest gewertet worden. In der Nacht zum Sonntag musste BP-Manager Doug Suttles allerdings vor den Kameras verkünden: "Wir konnten den Ölfluss nicht stoppen." Was er dann sagte, erschüttert fast noch mehr. "Es verängstigt uns alle, dass wir es nicht schaffen, die Quelle zu schließen." Angst statt Ahnung, das sind keine guten Vorzeichen für die kommenden Wochen.

Seit Mittwoch hatte der Konzern versucht, Spezialschlamm, Gummireste und Faserabfälle in das Leck zu schießen, es so zu stopfen und anschließend mit Zement zu versiegeln. Um die Ergebnisse zu überprüfen, wurden die Arbeiten stundenlang unterbrochen. Dann verließ nur noch eine braune Schlammwolke das Loch, Hoffnung keimte auf. Doch jetzt mussten die Arbeiten abgebrochen werden. "Wir wissen nicht genau, warum es nicht geklappt hat", sagte Suttles.

Eine erfolglose Alternative folgt auf die andere

Genauso wenig scheint BP zu wissen, wie viel Liter Öl tatsächlich täglich das Meer verschmutzen. Immer wieder musste der Konzern seine Angaben nach oben korrigieren. Erst hieß es, es trete gar kein Öl aus, dann waren es rund 160.000 Liter täglich, danach 800.000 Liter. Es könnte auch fünf Mal so viel Öl sein, erklärten Wissenschaftler jetzt. Bis zu 151 Millionen Liter Öl sind seit Beginn der Katastrophe ins Meer gelangt - mehr als bei dem Unfall des Tankers "Exxon Valdez" 1989 vor Alaska. Mindestens 270 Kilometer Küste und 13 Hektar des empfindlichen Marschlandes im Mississippi-Delta sind verschmutzt. Viele Vögel, Schildkröten und Meeressäuger sind verendet. Für die Fischer in Louisiana ist die Fangsaison verloren, ihre Existenz steht auf dem Spiel. Natur und Mensch leiden - und das wohl noch länger.

Zwar zaubert BP nach jedem Scheitern eine weitere Alternative aus dem Hut. Doch was dabei verloren geht, ist neben der Geduld aller Beteiligten auch das Vertrauen in den Konzern. Noch dazu ist der Alternativplan, der jetzt zum Einsatz kommen soll - eine Stahlkuppel über dem Leck zu platzieren und das Öl damit aufzufangen - ein alter Bekannter. Schon vor einigen Wochen war der Konzern mit einem ähnlichen Versuch gescheitert, da vereistes Methanhydrat die Leitungen verstopfte. Zwar habe man das Verfahren verbessert und eine kleinere Kuppel komme diesmal zum Einsatz, heißt es bei BP. Doch ob es klappt, ist ungewiss. Experten befürchten zudem, dass das dabei eingesetzte Absägen des Steigrohres das Leck noch vergrößern könnte. "Wenn sie da kein Ventil drauf bekommen, dann wird es noch viel schlimmer", sagte Philip W. Johnson von der Universität von Alabama.

Endgültig gelöst wäre das Problem auch dann nicht, das Leck würde weiter sprudeln. Zum Versiegen käme die Quelle - so hoffen BP und die US-Regierung - durch eine Entlastungsbohrung, die jedoch frühestens im August fertig ist.

An Sicherheitsvorkehrungen gespart

An den Küsten bereitet man sich daher auf das Schlimmste vor. Die Zahl der Helfer - bislang 20.000 - soll verdreifacht werden, kündigte Obama an. Denn das nächste Problem, das den Helfern den Einsatz erschweren könnte, naht: An diesem Dienstag beginnt die Hurrikan-Saison.

Unterdessen gerät auch US-Präsident Barack Obama immer mehr unter Druck. Denn Kritiker werfen Mister "Yes we can" ein schlechtes Krisenmanagment vor. Zwar reiste er nun zum zweiten Mal in die betroffene Region und versprach den Menschen am Freitag in Grand Isle: "Ich bin hier, um Euch zu sagen, dass ihr nicht allein seid." Doch noch kurz vor dem Unfall war er der Meinung, dass die Tiefseebohrungen sicher und umweltverträglich seien. "Ich habe mich geirrt", sagt er heute. Das Scheitern von "Top Kill" sei "herzzerreißend" und mache ihn wütend, sagte Obama.

Anlass zur Wut geben auch interne Papiere des BP-Konzerns, die nun aufgetaucht sind. Wie die "New York Times" schreibt, hatte das Unternehmen offenbar schon Monate vor der Katastrophe Sorge um die Sicherheit der Bohrinsel. Wie die Zeitung berichtet, hätten BP-Ingenieure bereits am 22. Juni 2009 ihre Bedenken darüber geäußert, dass eine Metallverschalung, die am Bohrloch installiert werden sollte, unter großem Druck kollabieren könnte. Entgegen der konzerneigenen Sicherheitsbestimmungen habe BP an der Verwendung festgehalten. Wohl aus dem Antrieb, Geld zu sparen.

Die Schlamperei bei den Sicherheitsvorkehrungen muss der Konzern nun allerdings teuer bezahlen: Mit der Summe von bis jetzt 930 Millionen Dollar (759 Millionen Euro), auf die sich die Kosten für die Eindämmung der Ölpest und die die Entschädigungen bis jetzt belaufen, und einem Imageschaden, der bodenlos ist.

"Es ist wie ein schlechter Film, der nie endet", sagte Billy Altman, ein Mechaniker aus New Orleans, der "New York Times". "Man glaubt, sie haben den Bösewicht endlich erschossen und dann kommt er wieder lebendig zurück."

Mit Agenturen