Tiere Nachts, wenn die Wölfe heulen


Der Wolf wird wieder heimisch in Deutschland. An der Grenze zu Brandenburg und Polen haben sich aus Polen eingewanderte Tiere angesiedelt. Die "Wolfsfrauen" Ilka Reinhardt und Gesa Kluth sind den scheuen Tieren auf der Spur.

Ein bisschen sieht es aus, als wäre hier kürzlich die Arche Noah beladen worden: Dutzende Spuren von Wildschweinen, Rehen, Hirschen und Hunden zeichnen sich auf dem Sandboden am Rande des Truppenübungsplatzes Oberlausitz ab. Und doch sticht für die Biologinnen Ilka Reinhardt und Gesa Kluth aus dem scheinbaren Wirrwarr eine Spur heraus: Ein junger Wolf ist vor kurzem in raschem Schritt über die Lichtung gelaufen. Eines von mittlerweile vermutlich 18 Tieren, die in der sächsischen Region an der Grenze zu Brandenburg und Polen, einzigartig in Deutschland, heimisch geworden sind.

Die Wölfe stören sich kaum an den Schüssen der Bundeswehr

Eine Heimat gefunden haben hier mittlerweile auch Kluth und Reinhardt, inzwischen oft die "Wolfsfrauen" genannt. Im Auftrag des sächsischen Umweltministeriums beobachten die beiden seit Mitte 2002 die ursprünglich aus Polen eingewanderten Wölfe und leisten Aufklärungsarbeit: Sie informieren die Öffentlichkeit über die Tiere und beraten Schäfer, wie sie ihre Herden vor den Räubern schützen können. So ganz nebenbei lenken sie mit ihrer Arbeit auch noch ein bisschen das Interesse auf die strukturschwache Region, wo die Wölfe den Tourismus ankurbeln könnten.

Zusammen mit ihrem Jagdhund Jacques bewohnen die Wolfsforscherinnen eine Wohnung in der ruhigen Gemeinde Neustadt im Landkreis Kreis Kamenz. Im Arbeitszimmer sind ganze Regale mit Büchern und Videos über Wölfe gefüllt, auf dem Tisch liegen sauber in Plastiktütchen verpackte Kotreste der Tiere. In der Region um Neustadt erstrecken sich ausgedehnte Wälder, die für die Öffentlichkeit zum großen Teil gesperrt sind, weil die Bundeswehr dort ihre Truppen schult. Die Wölfe haben so vor Spaziergängern ihre Ruhe und finden in den großen Wildbeständen genügend Futter. Dass es bei den militärischen Übungen schon mal knallt, scheint sie nicht zu stören: "Sie können scheinbar ganz gut einschätzen, dass das nicht ihnen gilt", sagt Kluth.

Wiederholt stellte sich schon Nachwuchs ein

Aus einem 1998 zugewanderten Wolf und einer 1999 dazugekommenen Wölfin sind mittlerweile zwei Rudel geworden, im Frühjahr stellte sich bereits zum wiederholten Mal Nachwuchs ein. Kommendes Jahr werden sich einige der jüngeren Tiere auf Wanderschaft begeben: "Jeder Wolf will gerne ein eigenes Rudel bilden", sagt die 37 Jahre alte Reinhardt. Wohin die Reise der Jungtiere geht, lässt sich nicht voraussagen. Womöglich weiter nach Westen, "kann aber auch sein, dass sie wieder nach Polen gehen".

Ein findiges Unternehmen hat bereits einen Likör mit dem Namen "Lausitzer Wolfsheuler" auf den Markt gebracht. Sonst hält sich der Rummel um die Wölfe vor Ort noch in Grenzen. Kluth und Reinhardt führen im Januar erstmals Wochenendseminare durch, bei denen sich Interessierte in Neustadt mittels Vorträgen und Exkursionen auf die Spuren der Tiere begeben können. Offensives Marketing sehen die Wolfsforscherinnen dagegen nicht als ihre Aufgabe. "Wir reagieren auf Nachfrage, wir schüren sie nicht", sagt Reinhardt.

Wenn die Seminarteilnehmer dann im Januar nachts in ihren Betten liegen, kann es gut sein, dass sie aus den angrenzenden Wäldern die Wölfe heulen hören. Kürzlich hätten Einwohner von Neustadt von einem solchen Erlebnis berichtet, erzählt Reinhardt - die Wolfsfrauen haben die schaurige Vorstellung zu ihrem eigenen Ärger schlicht verschlafen.

Von Marc Strehler, dpa


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