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Umwelt: Mysteriöses Bienensterben im Rheintal

Nach der Mais-Aussaat im Rheintal verendeten Millionen Bienen. Das ist nicht der erste Fall eines mysteriösen Bienensterbens: Vor allem in Europa und den USA bedroht der massenhafte Tod der Insekten die Milliardenindustrie der Landwirtschaft.

Von Nicole Simon

Der Imker-Verband spricht vom schlimmsten Bienensterben in der Region "seit 30 Jahren". Das Sterben setzte in den vergangenen Tagen unvermittelt mit der Mais-Aussaat ein. Eine mögliche Ursache: Viele der Samenkörner waren vor der Aussaat zur Insekten-Bekämpfung mit dem giftigen Wirkstoff Clothianidin der Firma BayerCropscience behandelt. Das könnte der Killer sein, vermuten die Imker. Regierung, Industrie und Forschungsinstitute arbeiten seitdem an der Aufklärung des Phänomens.

Das Bienensterben ist nicht nur für Tierfreunde schrecklich, sondern hat auch verheerende ökonomische Folgen. Denn die Landwirtschaft lebt von der Arbeit der fleißigen Helfer: 80 Prozent aller Nutzpflanzen werden von Bienen bestäubt. Und wo es keine Bienen gibt, reifen keine Früchte heran. Der Nutzwert der Tiere wird daher allein für Deutschland mit etwa vier Milliarden Euro beziffert. Besonders betroffen von dem massenhaftem Bienentod wären vor allem die Rapsbauern in Schleswig-Holstein. Dort ist Raps die wirtschaftliche Grundlage für die 2500 Imker und ihre rund 25.000 Bienenvölker.

Den Verdacht gegen das Nervengift aus dem Bayer-Konzern begründet der stellvertretende Vorsitzende des Imker-Verbands Manfred Raff mit ähnlichen Erfahrungen italienischer Imker, bei denen die Mais-Aussaat schon vor einigen Wochen erfolgte. Dort fand sich in verendeten Bienen das Clothianidin. Der Wirkstoff ist als "bienengefährlich" eingestuft. Allerdings sollen die nützlichen Insekten bei sachgerechter Anwendung nicht mit dem Gift in Kontakt kommen. Clothianidin ist ein Bestandteil des Agrargiftes Poncho Pro, welches in Deutschland für Kartoffeln, Mais, Zucker- und Futterrüben, Getreide und Raps eingesetzt wird. Hierzulande ist es seit zwei bis drei Jahren auf dem Markt.

Clothianidin bildet einen Schutzfilm um das im Boden liegende Saatkorn und schützt auch vor dem im vergangenen Jahr erstmals aufgetretenen und gefürchteten Maiswurzelbohrer. Daher setzten Landwirte den Wirkstoff dieses Jahr verstärkt ein. Die Imker vermuten nun, dass die von den Saatmaschinen aufgewirbelten Stäube auf blühende Rapsfelder und Blumenwiesen wehten, wo das Gift von den Bienen aufgenommen wurde.

Parasiten als Ursache ausgeschlossen

Nach einem Brief der badischen Imker an den Stuttgarter Agrarminister Peter Hauk (CDU) untersuchte das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Braunschweig tote Bienen auf Giftrückstände. Imker Raff befürchtet das Schlimmste. "Ich habe einige meiner Bienen als Erster untersuchen lassen: Die Todesursache war zu 80 Prozent Nervengift", sagt er.

Das baden-württembergische Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum gab heute erste Ergebnisse bekannt: "Unsere Wissenschaftler fanden zwar Rückstände von Clothianidin, die waren allerdings so gering, dass es noch immer nicht klar ist ob, der Wirkstoff die Ursache des Bienensterbens ist." Bienenseuchen und Parasiten konnten die Forscher jedoch ausschließen. Zudem zeigte sich, dass große, gut entwickelte Bienenvölker besonders betroffen sind.

Vier Wochen wird es wohl noch dauern, bis die Experten zu Ergebnissen kommen. „Wir werden die Untersuchungen mit allem Nachdruck vorantreiben. Solange die Ursache nicht klar feststeht, müssen wir alle Möglichkeiten ergreifen, die ein mögliches Risiko für die Bienen reduziert", sagte Peter Hauk. Auch BayerCropscience beteiligt sich: "Wir nehmen das Problem sehr ernst, arbeiten mit Imkern und Bundesbehörden zusammen und forschen selbst mit Hochdruck an der Aufklärung", sagt Utz Klages, Pressesprecher von BayerCropscience.

Bienen sollen umgesiedelt werden

Die französischen Veterinärämter warnten schon zu Frühjahrsbeginn: Sie rieten den Imkern eindringlich, mit ihren Bienenvölkern die Gebiete, in welchen das Gift eingesetzt wurde, für Jahre zu meiden. Im Elsass demonstrierten bereits Imker für ein Verbot von Clothianidin. Auch Agrarminister Hauk empfahl als Vorsorgemaßnahme bereits Anfang der Woche, zur Wanderung vorgesehene Bienenvölker früher aus den betroffenen Gebieten herauszunehmen oder in andere Gegenden umzusetzen. Eine Ausweisung großräumiger "No-Go-Gebiete" für Imker und ihre Bienen würde jedoch auf die Landwirte mit voller Wucht zurückschlagen:Sie hätten aufgrund der fehlenden Bestäubung ihrer Pflanzen mit massiven Ernteeinbußen zu rechnen.

Verheerende ökonomische Folgen

Auch die amerikanische Landwirtschaft hat mit sterbenden Bienen zu kämpfen. "Colony Collapse Disorder" (CCD) wird der massenhafte Tod von Bienen in den USA genannt. Imker haben dort seit 2007 etwa jedes vierte der 2,4 Millionen US-Bienenvölker verloren. Für dieses Jahr werden noch größere Verluste erwartet. Den durch Bienen-Bestäubung erwirtschafteten Wert schätzen Forscher allein für die USA auf bis zu 18 Milliarden Dollar. Deshalb investieren dort mittlerweile auch Industriesponsoren in die Klärung des Massensterbens.

Doch die Forscher stehen bis heute vor einem Rätsel. Selbst Handystrahlung wurde schon als Ursache vermutet. Viele amerikanische Wissenschaftler nennen das wahrscheinlich aus Australien eingeschleppte Virus IAP als Hauptverdächtigen. Aber auch andere Stressfaktoren könnten das Sterben auslösen, wie eben der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, weil sie das Nervensystem der Insekten angreifen können. Sind die Tiere derart geschwächt, können Erreger verheerender wirken - etwa die berüchtigte Varroa-Milbe, die jeden Winter in den Stöcken der Honigsammlerinnen wütet. Neben den belastenden Chemikalien gibt es jedoch noch einen weiteren potentieller Feind: Zunehmend werden gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut und wie die sich auf die Gesundheit der Brummer auswirken, ist noch völlig unklar.

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