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Weltklimakonferenz: Mit Geheimdienstmethoden und losen Kanonen

Wie bringt man seine Widersacher zur Erschöpfung? Was ist der "Beichtstuhl"? Und warum können russische Delegierte zur "losen Kanone" werden? stern.de sprach mit Hermann Ott vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie über taktisches Geschick beim Klimagipfel auf Bali.

Im großen Sitzungssaal der Bali-Verhandlungen haben in den vergangenen Tagen Tausende von Delegierten miteinander debattiert. Wie funktioniert so etwas?

Die Debatten im großen Saal sind eher Showveranstaltungen, auf denen die Positionen der Teilnehmer vorgestellt werden.

Und wo wird richtig verhandelt?

Es gibt hier 36 Kontaktgruppen, in denen die strittigen Fragen erörtert werden – und in denen es mitunter auch zu heftigem Streit kommt. Die wirklich bedeutenden Verhandlungen finden aber bei solchen Konferenzen meist in noch kleineren Zirkeln in den Fluren und in den Hinterzimmern statt.

Kann an diesen Gesprächen jeder Konferenzbesucher teilnehmen?

Nein, selbst Delegierte erfahren es häufig nicht, wenn solch ein Treffen stattfindet.

Wer kommt denn dann?

Es sind meist die so genannten „Freunde des Vorsitzenden“, also Vertraute der Verhandlungsleiter, die hohes Ansehen genießen. Können sie keine Entscheidung herbeiführen, treffen sich die ranghöchsten Politiker, die anwesend sind; auf Bali sind das die Umweltminister. In den letzten Stunden einer solchen Konferenz sind üblicherweise auch die Regierungschefs in der Heimat für Rücksprachen telefonisch erreichbar.

Mancher Minister findet sich auf dem "Beichtstuhl" wieder…

Ja, wenn der Konferenzvorsitzende – auf Bali ist das der indonesische Umweltminister Rachmat Witoeler – hochrangige Teilnehmer in Einzelgesprächen ins Gebet nimmt, sprechen wir vom "Beichtstuhl".

Trotz solch individueller Vorbehandlung gehen die entscheidenden Debatten oft bis in die Morgenstunden. Ist man dann überhaupt noch entscheidungsfähig?

Konzentration, Nerven und Aussprache leiden, das lässt sich nicht leugnen. In solchen Situationen treten aber auch schon mal Verbrüderungserscheinungen zwischen den Teilnehmern auf. Denn alle eint die Hoffnung auf den baldigen Schlussapplaus.

Manche Staaten nutzen die Entkräftung ihrer Gegner aus. Sie tauschen ihre Delegierten gegen Mitternacht aus, so dass sie frischer sind.

Einige verzögern die Verhandlungen gezielt, um ihre Widersacher zur Erschöpfung zu bringen. Doch es ist für jeden Delegierten von Vorteil, die ganze Zeit dabei zu sein, um kein Detail zu verpassen. Man entwickelt dann ein besseres Gefühl für die anderen Teilnehmer.

Liegt es nur an der Erschöpfung, dass so oft in den Nachtsitzungen die entscheidenden Fortschritte gemacht werden?

Die Extremsituation gibt erstaunlicherweise neue Impulse. Es beginnt damit, dass irgendwann die Dolmetscher nach Hause gehen; ihre Arbeitszeit ist beschränkt. Da nützt auch der obligatorische Protest von Chinesen und Franzosen nichts. Ohne Dolmetscher sprechen die Delegierten nicht mehr über Bande, sondern sind zum direkten Austausch gezwungen. Das beschleunigt die Entscheidungsfindung ungeheuer.

Legendär sind die Nachtsitzungen der Kyoto-Verhandlungen.

Ja, im Verhandlungssaal in Kyoto herrschte eine unglaublich intensive Atmosphäre. So was muss man mal erlebt haben! Es war eng, die Luft war schlecht, Dutzende Kameras waren auf die Teilnehmer gerichtet. Später stellte sich heraus, dass der Vorsitzende Raul Estrada, ein sehr erfahrener argentinischer Diplomat, die unangenehmen Bedingungen bewusst herbeigeführt hatte. Er wählte einen kleinen Raum, ließ die Fenster schließen und Kameras aufstellen, um die Delegierten unter Druck zu setzen. Und Estrada reizte unsere Nerven sogar noch mehr, indem er ständig mit einem Kugelschreiber in sein Mikrophon klackerte.

Inwiefern beeinflussen nationale Besonderheiten den Verhandlungsverlauf?

Bestimmte Eigenarten können den Prozess erschweren. Die russischen Teilnehmer etwa sind für ihre Schweigsamkeit bekannt. Man muss auf sie zugehen, um sie einzubeziehen. Wenn niemand erfährt, wie die Russen abstimmen wollen, schlingern sie als "lose Kanone" im Konferenzgebäude herum – dann sind böse Überraschungen möglich. Die Japaner haben das Handicap, dass ihre Delegationsmitglieder nach ihrem heimischen Recht alle drei Jahre ausgewechselt werden müssen. Die Delegierten können deshalb kaum Beziehungen aufbauen. Und so hat Japan, gemessen an seiner eigentlichen politischen Bedeutung, auf Klimaverhandlungen weniger Einfluss als zu erwarten wäre.

Welchen Einfluss haben die Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die zu Hunderten an den Verhandlungen in Bali teilnnehmen?

Ihre Wirkung ist groß, denn sie sind meist gut informiert und vernetzt. Oft wird aber vergessen, dass weitaus mehr Industrielobbys als Umweltschutzgruppen zu UN-Klimakonferenzen kommen.

Wie nehmen die NGOs Einfluss auf die Verhandlungen?

Ihre Leute stehen auf den Fluren. Manche arbeiten regelrecht mit Geheimdienstmethoden. Sie hören sich in den Verhandlungsgruppen um und informieren Delegierte, von denen sie meinen, dass sie ihre Sache vertreten. Vertreter der Ölindustrie zum Beispiel beliefern gerne Delegierte aus Erdölnationen mit Informationen, um Klimaschutz zu verhindern. Viele NGOs schreiben regelmäßig Redebeiträge für „ihre“ Delegierten – und sie stellen auch Kaffee bereit.

In vielen Kontaktgruppen sind Lobbyisten nicht zugelassen. Schmälert das nicht doch ihren Einfluss?

Seit es Handys und kabellosen Internetzugang gibt, bleiben Lobbyisten auch bei vielen Geheimverhandlungen auf dem Laufenden.

Sie betonen den Einfluss der Industrielobby. Aber haben nicht gerade die Umweltschutzgruppen aufgrund ihrer Popularität eine immense Wirkung auf die Verhandlungen?

Die Umweltgruppen haben großen Einfluss. Bedeutender ist aber, dass sich die Industrielobby in den letzten Jahren gespalten hat und somit geschwächt wurde. Viele Firmen verdienen Geld mit erneuerbaren Energien und energiesparenden Produkten. Die so genannte "grüne Industrie" fordert sogar mehr Klimaschutzmaßnahmen.

Machen Verhandlungen wie jetzt auf Bali auch ein bisschen Spaß?

Manchmal wird es ja durchaus gesellig. Klimakonferenzen sind tatsächlich auch wie Familientreffen. Ein Paar, das sich zwischen den Debatten auf der Kyoto-Konferenz kennen lernte, hat kürzlich sogar Nachwuchs bekommen – vielleicht ist das eine der nachhaltigsten Folgen von Kyoto.

Interview: Axel Bojanowski

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