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Archäologie: Das Geheimnis von Point Rosee

Auf Satellitenbildern will eine US-Archäologin einen Posten der Wikinger auf Neufundland entdeckt haben. Eine Sensation? Die ersten Grabungsresultate sind widersprüchlich.

Von Frank Ochmann

Bei ersten Grabungen in Point Rosee suchte die US-Forscherin Sarah Parcak nach Wikingerspuren

Bei ersten Grabungen in Point Rosee suchte die US-Forscherin Sarah Parcak nach Wikingerspuren 

Manchmal braucht es Abstand, um den besten Blick zu haben. Gut 600 Kilometer Distanz wählt die US-Archäologin Sarah Parcak gewöhnlich, um in Geschichte und Kulturen einzudringen. In dieser Höhe umrunden die Kameras an Bord des Satelliten World- View-3 die Erde und liefern Fotos mit Details von nur 30 Zentimeter Durchmesser. Wichtiger noch ist für Forscher wie Parcak, dass die Augen des Satelliten nicht nur optisch sehen, sondern auch für Wärmestrahlung – "Infrarot" – empfindlich sind. Weil Materialien unterschiedliche Wärmeeigenschaften haben können, obwohl sie sich optisch ähneln, werden im Infraroten oft Strukturen sichtbar, die auf einem normalen Foto unentdeckt bleiben. 

Ägypten hatte sich das Team von der University of Alabama in Birmingham schon vorgenommen und nach verschütteten Pyramiden und Siedlungen gesucht. Der antike römische Hafen Portus war ein weiteres Ziel für die "Weltraum-Archäologie" Parcaks. Solche Projekte werden über ihre Firma "Spectral Globe Technologies" (SGT) auch von finanziellem Interesse beflügelt. SGT bietet Klienten wie der BBC, der National Geographic Society oder auch dem Pentagon modernste satellitengestützte Analyseverfahren an.

Wer sich heute allein auf klassische Archäologie verlasse, heißt es auf der SGT-Website, "fahre auf einem Einrad, statt mit einem Maserati durch die Gegend zu kreuzen". Parcaks neuestes Projekt: die Wikinger. Und wie schon zuvor an Nil und Tiber meldet das Team auch diesmal Erfolg. Vergangene Woche wurde er als Wissenschaftskrimi in einer fast zweistündigen Dokumentation im amerikanischen und britischen Fernsehen präsentiert. Wie andere derartige Großprojekte wird sie zweifellos auch bald nach Deutschland kommen. Als neuester Scoop der Archäologie.

Auf einer schmalen Halbinsel namens Point Rosee an der südwestlichen Spitze von Neufundland soll laut Parcak ein Ort liegen, an dem die Wikinger bei ihren Amerikafahrten bleibende Spuren hinterließen. Über ihre Erlebnisse westlich von Grönland berichten zwar "Sagas" der Nordmänner, die vom 13. Jahrhundert an verfasst wurden. Und der Mönch Adam von Bremen schrieb in einer 1073 begonnenen Chronik über eine Insel im Ozean, auf der nach dänischen Erzählungen köstlicher wilder Wein wachse – "Vinland". Doch erst 1960 gelang es Archäologen, eine Wikingersiedlung auf amerikanischem Boden nachzuweisen: L’Anse aux Meadows an der Nordspitze Neufundlands, etwa 500 Kilometer von Point Rosee entfernt. Der aus den Sagas berühmte Leif Eriksson soll sich hier vor rund 1000 Jahren aufgehalten haben.

Eine schwierige Spurensuche

Es ist für Forscher nicht leicht, solche Spuren zu entdecken. Anders als Ägypter oder Römer errichteten die Wikinger keine imposanten Bauten. Aus Stein waren allenfalls die Fundamente ihrer Holzhäuser. Erdwälle oder Gras- und Torfplatten auf den Dächern verfielen mit den Jahren. Da die Wikinger keine Literatur kannten und die "Sagas" erst entstanden, als sie selbst schon Geschichte waren, ist bis heute nicht einmal ihr Name erklärt. Vermutlich leitet er sich von "vík" ab, was im Nordischen "Bucht" bedeutet. Es waren viele Buchten und Flussmündungen, die die Wikinger ansteuerten – als Händler. Und als Räuber.

Ihr Zeitalter beginnt für viele Historiker mit der Plünderung des nordenglischen Klosters Lindisfarne im Jahr 793. Und es endet mit einem Pfeil im Hals des norwegischen Königs Harald des Harten bei der Schlacht von Stamford Bridge im Jahr 1066. Bis heute ruft die Ära der Wikinger wilde Fantasien hervor – und taugt damit besonders gut zur medialen Inszenierung.

"Wenn ich die übertriebene Theatralik sehe, die mit ihnen verbunden wird, muss ich immer lachen", sagt Birgitta Linderoth Wallace. Die kanadische Archäologin mit skandinavischen Wurzeln gehörte zu jenem Team, das L’Anse aux Meadows ausgrub. Beim Thema Wikinger in Amerika gilt Wallace bis heute als Koryphäe, obwohl sie offiziell schon 1997 in den Ruhestand ging. Sie erzählt von den Vorbereitungen einer Ausstellung vor einigen Jahren. "Da waren wir im Team alle überrascht, als wir feststellten, dass keiner von uns den Wikingern in Amerika große Bedeutung zusprach." Denn weder wurde durch diese Landung das Leben in Amerika in irgendeiner Weise verändert noch das in den nordischen Ländern.  Bemerkenswert sei nur, dass es diesen Seefahrern zum ersten Mal geglückt war, den Atlantik zu überqueren.
So abgeklärt kann man am Ende eines reichen wissenschaftlichen Lebens reden. Für eine Forscherin eher am Anfang der Karriere wie Sarah Parcak stellt sich die Lage aufregender dar. Eine zweite amerikanische Wikingersiedlung wäre für sie eine große Sache. "Meist schreibst du als Archäologe im Buch der Geschichte nur eine Fußnote", sagt sie. "Aber das hier wäre der Anfang eines neuen Kapitels." Tausende von Kilometern Küste suchte sie auf den hochauflösenden Satellitenfotos ab. Dann fiel ihr Point Rosee ins Auge. Eine längliche Struktur erhob sich da auf der flachen Landzunge. Die Abmessungen – 22 mal 7 Meter – waren ähnlich denen des Langhauses in der Siedlung L’Anse aux Meadows. Und dann gab es da noch eine auffallende Struktur mit einem rechten Winkel. Vielleicht die Reste eines Walls?

Deutlicher werden die Strukturen in dieser Infrarotaufnahme

Deutlicher werden die Strukturen in dieser Infrarotaufnahme


Satellitenfotos zeigen bereits im normalen Licht blasse Veränderungen der Vegetation

Satellitenfotos zeigen bereits im normalen Licht blasse Veränderungen der Vegetation, die auf Strukturen im Boden hinweisen könnten


Ein Grabungskrimi

Auch wer mit Satelliten arbeitet, kann solche Fragen nur am Boden beantworten. Vierzehn Tage gewährten die kanadischen Behörden vergangenes Jahr für Probegrabungen. Aber wonach sucht man, wenn man beweisen will, dass Wikinger vor Ort waren? Nach Schlacke oder Nägeln zum Beispiel. Neufundland war zu dieser Zeit zwar schon besiedelt, aber nur die Nordmänner beherrschten die Metallverarbeitung. Das mussten sie auch, denn ihre Schiffe wurden von bis zu 7000 Nägeln zusammengehalten. Für Archäologen sind auch Früchte, Samen oder Holzkohle spannend, deren Alter man im Labor bestimmen kann. Dabei dient die radioaktive Kohlenstoffart C-14 als Zeitmesser. In toten Organismen zerfällt der natürliche C-14- Anteil mit erforschtem Maß und eignet sich darum zur Altersbestimmung. 

Am fünften Tag in Point Rosee entdeckt Parcaks Team einen größeren Stein, der über seine ganze Länge aufgerissen ist. Offensichtlich wurde er von der Hitze eines Feuers gespalten – vielleicht ein erstes Indiz für einen Schmiedeofen. Drei weitere Tage dauert es, bis den Forschern etwas wie Schlacke in die Hände kommt. Magnetometer- Messungen deuten zudem auf Metall. Wieder fünf Tage später zeigt sich eine Ascheschicht. Kein Zweifel, hier hat ein Feuer gebrannt. Aber wann? Und wozu?
Zumindest über den Zeitpunkt könnten drei Beeren Aufschluss geben, die ebenfalls im matschigen Erdreich liegen. Nach fünf über das Areal verteilten Grabungen wecken schließlich Streifenmuster im Boden die Neugier der Forscher: hell, dunkel, hell, dunkel, fast wie mit dem Lineal gezogen. Das erinnere ihn an Wall-Strukturen auf Island, sagt der hinzugezogene Anthropologe Douglas Bolender von der University of Massachusetts in Boston.

"Wären wir auf Island, würde ich kein zweites Mal darüber nachdenken." Doch diese Streifen liegen in Neufundland. Birgitta Wallace drückt ihren Zweifel deutlicher aus. "Diese Schichten liegen im Vergleich zu gewöhnlichen Wällen auf der Seite und scheinen mir zu lang. Eine natürliche Ursache lässt sich nicht ausschließen." Trotzdem gibt es noch Hoffnung für Point Rosee: die Laborbefunde. Sie habe die Nächte zuvor kaum schlafen können, gibt Sarah Parcak zu. "Ich bin sehr nervös."

Dann das Resultat für die Beeren: Bei Mittelung aller Messdaten ergibt sich als Ursprungsjahr 1781. Weit daneben. Es beweise aber auch nicht, dass sie eine Feuerstelle aus der Kolonialzeit Amerikas gefunden habe. Die Beeren könnten vom Wasser in die Schicht mit den Feuerspuren geschwemmt worden sein. Und was ist mit der Schlacke, die auf Metallverarbeitung deuten würde? Die Schlacke ist keine, erklären die Geologen, sondern natürliches Gestein. Auch Partikel, die zunächst für Metall gehalten wurden, sind in Wahrheit steinern. Die Beeren zu jung, die vermeintliche Schlacke zu alt, Partikel aus Stein – ein deprimierendes Resultat.

Ein einziger Fund gibt da noch zu denken: ein "geröstetes" Stück Raseneisenstein. Wikinger nutzten diese Erzart, um Metall zu gewinnen. Wasser und Verunreinigungen wurden zuvor im Feuer beseitigt. Genau diese Geschichte könnte die Feuerstelle von Point Rosee erzählen – oder eine andere. "Raseneisenstein kommt in Neufundland sehr häufig vor", sagt Archäologin Wallace. "Jeder, der dort ein Lagerfeuer anzündet, kann unabsichtlich ein Stück Raseneisenstein 'rösten'." Es waren wenig ermutigende Befunde, die bislang präsentiert wurden. Doch könnten Befunde bewusst zurückgehalten worden sein, um die Spannung aufrechtzuerhalten.
So diktiert das Marketing den Lauf der Wissenschaft. Denn, so war aus dem Umfeld des Teams zu erfahren, es gibt jenseits der ausgestrahlten Dokumentation durchaus Hinweise darauf, dass in der Feuerstelle von Point Rosee nicht aus Versehen Erz lag. Auch Holzkohle, die offenbar verbrannt wurde, um Raseneisenstein zu rösten, wurde entdeckt. Und eine neue C-14-Datierung rückt nun eine Zeit um das Jahr 1271 in den Blick. Auch wenn die Wikinger da ihren Zenit schon weit überschritten hatten, unterhielten sie noch Siedlungen auf Grönland. Vielleicht auch weiter westlich?
Die Feuerstelle auf Point Rosee soll jedenfalls jenen ähneln, die auch auf Grönland und Island gefunden wurden. Dabei könnten Metall-Handwerker etwas abseits einer Farm einen einfachen Ofen genutzt haben, nahe jenem, auf dem auch gekocht wurde.  Ohne ein Dach über dem Kopf. Abstand zu den hölzernen Gebäuden wurde in solchen Fällen offenbar aus Angst vor Feuer gehalten. Für den Sommer sind neue Grabungen am Point Rosee geplant. Ihre Resultate könnten belegen, ob es so war. Oder eben doch ganz anders.

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