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Religion: Stammvater Abraham - das Experiment Gottes

Milliarden fromme Juden, Christen und Muslime verehren ihn noch heute als ihren Ahnherrn. Doch gab es den legendären Abraham überhaupt?

Die bekannte Opferungsszene gemalt von Michelangelo Merisi da Caravaggio.

Die bekannte Opferungsszene gemalt von Michelangelo Merisi da Caravaggio.

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Der katholische Theo­loge Ludger Schwien­horst-Schönberger ist Professor für Alttestament­liche Bibelwissenschaft an der Universität Wien. Mit ihm sprach Martin Scheufens für P.M. History.


Judentum, Christentum und Islam nennt man auch die "abrahamiti­schen Religionen". Wer ist dieser Abraham, auf den sich gleich drei Weltreligionen berufen?

Im Buch Genesis ist Abraham ein No­made aus Mesopotamien, zu dem Gott spricht. Der Herr verheißt ihm, dass er viele Nachfahren haben werde. Ihnen gibt Gott das Land Kanaan – also das spätere Palästina – zum Besitz. Damit beginnt die Geschichte des Volkes Is­raels. Weil Abraham Gott vollkommen vertraut, gilt er zudem als Prototyp des Gläubigen und als erster Monotheist.

Hat Abraham tatsächlich existiert?

Nach dem aktuellen Stand der For­schung ist Abraham keine historische Gestalt, sondern eine literarische, in der sich allerdings geschichtliche Er­fahrungen Israels bündeln. In diesem Sinne ist er gewissermaßen als literari­sche Figur eine historische Gestalt.

Aber kann man dann seine Geschich­te überhaupt ernst nehmen?

Die Bibel zieht ihre Bedeutung nicht aus der historischen Richtigkeit. Anhand der Person Abraham wer­den komplexe Fragen des Glaubens diskutiert, etwa das Problem der Gerechtigkeit und des Vertrauens. Auch werden an ihm Glaubenserfah­rungen veranschaulicht, die Menschen zuteil wurden. Auf diese Weise sind die Geschichten wahr, wenn auch nicht in einem eng geführten historischen Sinn.

Also sagen auch die Kirchen, dass die Bibel von Menschen gemacht wurde?

Ja, streng genommen ist die Bibel nicht das Wort Gottes, sie ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist Gottes Wort in den Worten von Menschen. Deshalb bedürfen die biblischen Erzählungen auch immer der Interpretation.

Was ist Abrahams Rolle in der Bibel?

Das Buch Genesis beginnt mit einer mythischen Geschichte der ganzen Menschheit: Gott erschafft die Welt und Adam und Eva, doch schon bald bricht Gewalt unter den Menschen aus. In der Sintflut wird die Gewalt gleich­sam ertränkt. Mit dem Noahbund sta­bilisiert Gott die Welt in einem ersten Schritt. Mit Abraham startet er dann noch einmal neu durch, indem er ihn erwählt und eine besondere, persönli­che Beziehung zu ihm aufbaut.

Die Geschichte Israels beginnt in der Fremde: Abraham stammt aus Meso­potamien. Erst auf Befehl Gottes zieht er nach Kanaan. Warum erschufen die Israeliten diesen Mythos?

Die heutige Forschung verortet die Ent­stehung der Geschichte Abrahams im 6. Jahrhundert, als die Babylonier das heutige Palästina eroberten und ein Teil der Juden ins Exil nach Babylon musste. Als ihnen schließlich die Rück­kehr gestattet wurde, wollten wohl viele bleiben, andere wollten zurück. Letzteren könnte Abraham als Identifi­kationsfigur gedient haben: er, der von Mesopotamien in jenes Land zog, das der Herr ihnen zugewiesen hat.

Durch den Bund mit Abraham macht Gott ein einzelnes Volk zu "seinem". Ist das nicht ungerecht? Sollte er nicht für alle Menschen da sein?

Gott bevorzugt nicht ein Volk und benachteiligt die anderen. Gott startet mit Abraham und seinen Nachkommen ein Experiment. Ihnen offenbart er sich, an ihnen will er zeigen, wie ein gottgefälliges Leben gelingen kann. Und dies soll als Vorbild in die Welt strahlen. Nicht ohne Grund sagt Gott zu Abraham: "Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen."

Was unterscheidet dieses Gottesbild von jenem der Nachbarvölker?

Die alten Religionen verehrten die Natur, etwa Sonne, Mond und Wind. Das Alte Testament dagegen erzählt nur noch von einem Gott – die Naturer­scheinungen selbst sind keine Götter mehr, die Sonne ist nur noch eine gro­ße Leuchte. Die Welt wird säkular. Das Alte Testament berichtet also auch von einem ersten Schritt der Aufklärung.

Ein unsichtbarer Gott – das klingt abstrakt, unnahbar.

Überhaupt nicht. Bei den Griechen sind die Götter mit sich selbst beschäftigt, ein Drunter und Drüber. Der Gott des Alten Testaments hingegen sucht eine persönliche, ja intime Beziehung zu den Menschen. Dies steckt hinter der Idee des Bundes.

Und Abraham ist sein erstes Ziel?

Ja, er wird zum "Freund Gottes". Das ist neu. Ab dem 10. Jahrhundert v. Chr. nahm eine historische Zäsur ihren Anfang: Nicht nur der Monotheismus entstand, sondern auch die Vorstellung eines gerechten, liebevollen Gottes, die in den drei Weltreligionen bis heute lebendig ist. Dafür steht Abraham.

Auch die Araber stammen angeblich von ihm ab. Wie erklärt die Bibel das?

Abraham bleibt bis ins hohe Alter kinderlos, weil seine Frau Sara un­fruchtbar ist. Eines Tages erlaubt sie ihm, einen Sohn mit der ägyptischen Sklavin Hagar zu bekommen: Ismael. Später wird dieser vertrieben, lebt in der Wüste und wird zum Stammvater der Araber. Dies ist ein typisches Motiv der Bibel: Die damaligen Völker sollen alle von einem Paar abstammen. Eine friedliche Vorstellung: Alle Völker sind miteinander verbunden.

Als Sara 90 Jahre alt ist, verkündet Gott, dass sie doch noch einen Sohn von Abraham bekommen wird: Isaak. Ein Wunder. Soll das heutzutage noch ernsthaft jemand glauben?

Solche Erfahrungen gibt es auch heute noch: Ein Mensch steckt in einer tiefen Krise, verzweifelt, ohne Hoffnung. Dann aber tritt eine Wende ein, die ihm wie ein Wunder vorkommen muss. Die Botschaft ist: Gott kann uns aus schein­bar aussichtslosen Situationen führen. Er kann uns eine Zukunft schenken, wo wir mit unseren menschlichen Möglichkeiten am Ende sind.

Medizinisch ist eine Schwangerschaft in diesem Alter absurd.

Ja, natürlich! Es geht hier aber nicht um Magie. Gott bricht nicht die Natur­gesetze, weil wir ihn darum bitten. Die Erzähler nutzen märchenhafte Motive, um eine existenzielle Wahrheit zu veranschaulichen. Solche Geschichten kann sich selbst ein Kind gut merken.

Der Auszug von Abraham von József Molnár.

Der Auszug von Abraham von József Molnár.

In der verstörendsten Episode befiehlt Gott Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern. Und tatsächlich ist dieser dazu bereit, erst im letzten Moment hält Gott ihn auf. Was soll das?

Liest man nur diese Geschichte, erscheint sie in der Tat grausam und absurd. Doch der erste Satz lautet: "Gott stellte Abraham auf die Probe." Wer die vorangehende Erzählung von der Rettung Ismaels gelesen hat, geht mit der Erwartung der Rettung auch an die Geschichte von der Bindung Isaaks.

Aber warum tut Gott das?

Gott will wissen: Liebt Abraham ihn wirklich oder nur wegen seines per­sönlichen Vorteils? Ob Abraham ihm Vollkommen vertraut, zeigt sich nur in einer existenziellen Krise. Deshalb soll der Greis das Wertvollste opfern, was er besitzt: seinen Sohn. Abraham bewährt sich, er legt seine Zukunft in Gottes Hand, und im Gegenzug schenkt der Herr ihm und Isaak unzäh­lige Nachkommen.

Wie brutal ist der Gott des Alten Testaments?

Wenn er eingreift, dann nur, um sein Volk zu retten. Nicht, um andere zu un­terwerfen. Im Angesicht von Unrecht und Unterdrückung darf Gott nicht ohnmächtig sein. Deshalb werden die Gewalttätigen von ihm – notfalls auch mit Gewalt – in Schach gehalten.

Widerspricht dies nicht der Friedens­botschaft des Neuen Testaments?

Im Gegenteil, das Alte Testament erzählt eine zivilisatorische Wende: die Bindung der Gewalt an das Recht. Allein der Staat, damals der König, darf Gewalt ausüben, aber um das Recht durchzusetzen. Auf diesem Gewaltmo­nopol beruht bis heute unser Rechts­staat. Doch damals ist das eine ganz neue Idee, ein Fortschritt.

Der Gott des Alten Testaments wirkt so anders als der des Neuen.

Theologisch betrachtet ist es aber derselbe Gott, der sich den Menschen immer mehr offenbart. Das Volk Israel lernt ihn nur immer besser kennen. Dieser Prozess lässt sich im Alten und Neuen Testament nachvollziehen.

Angeblich wurde Abraham in Hebron bestattet. Ausgerechnet an seinem Grab ist der Nahostkonflikt besonders heftig. Trennt Abraham die Religio­nen heute mehr, als dass er vereint?

Nein. Erst durch die Personen, die nach Abraham auftraten, unterscheiden sich die Religionen. Abraham steht für das, was sie verbindet: den ursprünglichen, einfachen Glauben, das Vertrauen auf den einen Gott.

Was kann man heute von ihm lernen?

Das unbedingte Vertrauen auf Gott und die Bereitschaft, sich und sein Leben Gott anzuvertrauen. Abrahams Weg ist nicht gradlinig: Er versucht viel und irrt oft. Zeitweise ist er hoffnungslos. Aber er bleibt immer offen für die Stimme Gottes, er lässt sich leiten und stirbt deshalb auch "alt und lebens­satt". Die Botschaft der Bibel: Ein Le­ben, in dem man sich von Gott führen lässt, gelingt am Ende auch.


Der Text stammt aus dem Magazin P.M. History. Mehr Informationen finden Sie hier.

Von:

Martin Scheufens