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Generalprobe für Weltklimagipfel: Wenn jedes Wort zählt

Im Dezember blickt die Welt auf Paris: Dort will man sich auf ein Abkommen einigen, um die Erde vor dem Klimakollaps zu bewahren. Zur Vorbereitung gibt es diese Woche eine Konferenz in Bonn - und Streit um einzelne Wörter.  

Auf völlig vertrocknetem Boden wächst eine kleine Pflanze

Die Klimaerwärmung hat katastrophale Folgen für die Erde. In vielen Ländern regnet es im Sommer deutlich seltener, anderswo gibt es Überschwemmungen. Beides kann zu Hungersnöten führen. 

Die Zeit drängt, da sind sich alle einig. Und doch sind Weltklimaverhandlungen kein ganz einfaches Geschäft. Die Stellung eines einzelnen Wortes in den Vertragstexten kann schnell zum Politikum werden. Damit das beim großen Weltklimagipfel in Paris im Dezember nicht passiert, treffen sich in dieser Woche rund 2000 UN-Unterhändler in Bonn. Das Scheinwerferlicht bei der Konferenz ist nicht ganz so grell, wie es einige Wochen später in Paris sein wird. Dafür sind die Ergebnisse umso bedeutender, denn das Treffen ist die letzte Vorbereitungskonferenz vor Paris. Hier wird die Richtung bestimmt und die Ziele abgesteckt: Wenn der Gipfel im Dezember kein Flop werden soll, müssen die Klimadiplomaten aus aller Welt in Bonn schon einen möglichst konkreten Entwurf für das Schlussdokument erarbeiten. Wenn dies nicht gelingt, droht ein ähnliches Debakel wie 2009 in Kopenhagen. Damals reichte es nur für einen Minimalkonsens mit vagen Klimaschutzzielen.

Dass das nicht reicht, spüren viele Menschen am eigenen Leib: Dürre, Hunger, Überschwemmungen - von der Entwicklung des Weltklimas hängt mit ab, welche Naturkatastrophen den Planeten künftig heimsuchen könnten. 

Das erklärte Ziel des Pariser Klimagipfels - und damit auch der Bonner Konferenz - ist es, die Erderwärmung auf unter zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Der Ausstoß an Treibhausgasen soll sinken. Gelingt das nicht, könnte das irreversible Folgen haben. "Wir verurteilen unsere Kinder dazu, auf einem Planeten zu leben, den sie nicht mehr reparieren können.“, wie US-Präsident Barack Obama es formulierte. 

Kleinigkeiten mit Konfliktpotential

Die Länder müssen sich also einigen: Wenn nur ein einziges Land den vorliegenden Entwurf vollständig ablehnt, würden die Verhandlungen komplett ausgebremst. Hier ist Diplomatie und eine Menge Geduld gefragt. Für den Laien wirken jedoch manche Verhandlungspunkte geradezu pingelig. Zum Beispiel steht zu Diskussion, wie genau man die Begrenzung der Erderwärmung formulieren sollte. "Auf unter 2 Grad Celsius" oder etwas ambitionierter "unter 2 oder 1,5 Grad Celsius"? Für die Politiker und vor allem für das Klima könnten solche kleinen Unterschiede spürbare Auswirkungen haben. An vielen Stellen geht es aber vor allem um die Verbindlichkeit der Abmachung - und da können einzelne Wörter entscheidend sein. Zum Beispiel, ob am Ende in dem englischen Vertragswerk "should" oder "shall" steht. Im Deutschen bedeutet beides "sollte", der Klima-Experte Martin Kaiser von der Umweltschutzorganisation Greenpeace erklärt jedoch: "'Shall' ist eine Verpflichtung, 'should' hätte eher Aufforderungscharakter. Und ist damit weniger verbindlich." Und an der Verbindlichkeit scheiterte es bereits häufiger bei Klimaverhandlungen.

Einige Probleme für die Diplomaten in Bonn sind bereits absehbar. Indien, das nach den USA und China den dritthöchsten Kohlendioxidausstoß hat, erklärte bereits, der vorgeschlagene Text für die Verhandlungen sei "ziemlich enttäuschend", und man wolle ihn ablehnen. Bei solchen Äußerungen stellt sich allerdings stets die Frage, ob sie nicht auch dazu dienen, eine gute Verhandlungsposition zu eröffnen. Bei der Klimapolitik geht es zwar um den ganzen Planeten - aber eben auch um viel taktisches Geschick.

vs / DPA