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Zum Tod von Stéphane Hessel: Ein Leben als Engagement

Er wurde gefoltert, entkam dem KZ und machte es sich zur Lebensaufgabe, Frieden zu stiften: Mit dem Tod des deutsch-französischen Denkers Stéphane Hessel geht ein Vorkämpfer für Menschenrechte.

Mit seiner Streitschrift "Empört Euch!" hat der ehemalige Widerstandskämpfer, Diplomat und Essayist Stéphane Hessel weltweit Millionen Menschen aufgerüttelt und Protestaktionen gegen die Auswüchse des Finanzkapitalismus ausgelöst. Der Titel des Buches, von dem mehr als vier Millionen Exemplare in 35 Ländern verkauft wurden, war auch das Leitmotiv im Leben des deutsch-französischen Intellektuellen, der in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 95 Jahren in Frankreich starb. Bis zu seinem Tod empörte sich Hessel über Missstände und Ungerechtigkeiten.

Selbst ein Schwächeanfall im vergangenen April, der ihn mehrere Wochen ans Bett fesselte, konnte Hessels Engagement nicht bremsen. Er unterstützte im französischen Wahlkampf 2012 den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten François Hollande und unterzeichnete im Oktober beim Parteitag der französischen Sozialisten einen Leitantrag gegen die "Falle der Sparpolitik". Noch in diesem Januar nahm der gesundheitlich schwer angeschlagene Vorkämpfer für Menschenrechte eine CD mit Gedichten auf, deren Erlös einer französischen Hilfsorganisation für Ausländerkinder zugute kommt.

Zusammen mit Mitstreitern, unter ihnen der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk, forderte Hessel im vergangenen Jahr in dem Buch "Wege der Hoffnung" eine solidarischere Welt, gemeinsam mit dem französischen Genetiker Albert Jacquard setzte er sich für eine "vollständige atomare Abrüstung" ein. Mit seiner Kritik an der israelischen Besatzungspolitik zog sich Hessel den Zorn jüdischer Organisationen zu - und bekam den Titel eines palästinensischen Ehrenbürgers, der ihm im vergangenen Oktober verliehen wurde.

Stoff für mehrere Drehbücher

Zum Erfolg seiner Streitschrift "Empört Euch!" sagte Hessel, das Buch sei in einem "historischen Moment" erschienen. "Die Gesellschaften sind verloren, sie fragen sich, wie sie zurechtkommen können und suchen nach einem Sinn im Abenteuer der Menschheit."

Hessels eigenes Leben war so abenteuerlich, dass es Stoff für mehrere Drehbücher liefern könnte. Sein Vater war der deutsche Schriftsteller Franz Hessel, Sohn einer jüdischen Familie. Seine Mutter war die aus einer protestantischen Familie stammende Journalistin Helen Grund, die den französischen Regisseur François Truffaut zu seinem Erfolgsfilm "Jules und Jim" inspirierte - die Geschichte zweier Freunde, die dieselbe Frau lieben.

Geboren wurde Hessel am 20. Oktober 1917 in Berlin. Als er acht Jahre alt war, zog die Familie nach Paris. Dort schaffte Hessel, der 1937 die französische Staatsangehörigkeit erhielt, den Sprung auf die Elite-Hochschule für Geisteswissenschaften Normale Sup. 1939 wurde er in die französische Armee eingezogen, kam in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der ihm die Flucht nach London gelang. Dort lernte er den späteren Staatschef Charles de Gaulle kennen, der von London aus den französischen Widerstand organisierte.

Lebenslanges Appell für eine bessere Welt

1941 schloss sich Hessel in Frankreich der Résistance an, wurde von der Gestapo verhaftet, gefoltert und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Er wurde wegen Spionage zum Tode verurteilt und überlebte nur, weil er sich mit Hilfe eines Kapos eine falsche Identität verschaffen konnte. Beim Transport in das KZ Bergen-Belsen bei Hannover im April 1945 sprang Hessel aus dem Zug und schlug sich nach Paris durch. Dort kam er im Mai 1945 an - nach der Befreiung der Stadt durch die Alliierten.

Hessel bekam einen Posten beim Generalsekretariat der Vereinten Nationen, wo er an der Allgemeinen Menschenrechtserklärung mitarbeitete und eine Diplomatenkarriere begann. Sein politisches Engagement hinderte ihn nicht daran, sich weiter schriftstellerisch zu betätigen. Noch im vergangenen Jahr erschien ein Buch, an dem Stéphane Hessel mitwirkte - das Protokoll einer Unterredung mit dem Dalai Lama. Der Titel "Wir erklären den Frieden" steht stellvertretend für Hessels lebenslangen Appell für eine bessere Welt.

Von Myriam Chaplain-Riou, AFP / AFP