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NS-Zeichen: Zwei gekreuzte Granaten – so verehren Neo-Nazis den schlimmsten Sadisten der SS

Ganz offen wurde beim Neonazi-Festival in Ostritz das Zeichen von zwei gekreuzten Stielhandgranaten gezeigt. Das Zeichen der Sturmbrigade Dirlewanger – einer Bande von Verbrechern, die der Haft entkam und unter den Nazis hemmungslos morden konnte.

Links: Männer der Sturmbrigade Dirlewanger in Warschau. Rechts: Ordner in Ostritzt.

Links: Männer der Sturmbrigade Dirlewanger in Warschau. Rechts: Ordner in Ostritzt.

AFP

Zwei gekreuzte Stielhandgranaten – kaum ein Zeichen ist unter Neo-Nazis so beliebt wie dieses. Auch in Ostritz wurde es am vergangenen Wochenende auf dem Neonazi-Festival "Schild und Schwert" ganz offen getragen. Weil die rechte Veranstaltung bundesweit für Aufsehen sorgte, ging der Polizei vor Ort irgendwann dann doch auf, dass es sich um ein NS-Emblem handeln könnte, danach musste der "arische" Sicherheitsdienst die T-Shirts ablegen.

Auf jeden Betrachter wirkt das Symbol martialisch, aber nur die wenigsten Nicht-Nazis wissen, was es bedeutet. Es ist nicht irgendein Zeichen des Dritten Reiches, es ist das Truppen-Emblem der schlimmsten und entmenschlichsten NS-Einheit überhaupt. Die SS Sturmbrigade Dirlewanger zeigte die gekreuzten Granaten.

Aus einer Art Karl May-Idee geboren

Oskar Dirlewanger im Jahr 1944.

Oskar Dirlewanger im Jahr 1944.

Oskar Dirlewanger einen Nazi zu nennen, tut ihm fast zu viel der Ehre an. Oskar Dirlewanger war eine zerrüttete Persönlichkeit, ein grausamer Sadist, der die Möglichkeiten des Krieges im Osten ausnutzte, um seine perversen Neigungen auszuleben.

Der Historiker Knut Stang schrieb über Oskar Dirlewanger: "Bei ihm verbanden sich eine amoralische Persönlichkeit, zusätzlich zerrüttet durch Alkoholismus und eine sadistische sexuelle Veranlagung, das Fronterlebnis des Ersten Weltkrieges, rauschhafte Gewalt und Barbarisierung."

Der Beginn seiner Einheit war eher harmlos, sie wurde aus einer Art von "Karl May"-Idee herausgeboren. und Adolf Hitler hatten den Einfall, eine Art leichter Jägertruppe aufzustellen, die allein aus Wilderern bestehen sollte. Wer, wenn nicht Wilddiebe, wäre geeigneter, auf sich allein gestellt Kommando-Einsätze durchzuführen und Partisanen zu jagen, lautete wohl das Kalkül. In den Zuchthäusern des Reiches wollte man diese unerschrockenen Schützen rekrutieren. Himmler schrieb am 29. März 1940: "Der Führer verfügt, dass sämtliche Wildschützen (…) durch Dienst in der SS angegliederten besonderen Scharfschützenkompanien für die Dauer des Krieges von der Abbüßung ihrer Strafe befreit und bei guter Führung amnestiert werden können."

Dahinter steckte allerdings mehr Wilddieb-Romantik aus der des 19. Jahrhunderts als kriminologische Forschung.

Das Unternehmen drohte schon daran zu scheitern, dass viel zu wenig inhaftiert waren. Mit ihnen hätte man ein Kommandounternehmen starten, aber keineswegs eine größere Formation aufbauen können. Mehr als 250 Wilddiebe brachte man nicht zusammen. Also wurden weitere Leute angeworben - darunter alle möglichen Schwerkriminellen.

Kampf gegen Zivilisten

Als Führer der Einheit wurde Oskar Dirlewanger ausgewählt. Er hatte Anerkennung im Ersten Weltkrieg erworben, galt als "Alter Kämpfer" der NSDAP. Für den Einsatz als Truppenführer musste Dirlewanger allerdings erst als "wehrwürdig" erklärt werden. 1934 war er wegen der Vergewaltigung eines Kindes und anderer Straftaten verurteilt worden.

Die Sturm-Brigade Dirlewanger wurde im Osten zur Partisanen-Bekämpfung eingesetzt. Deutsche Militärs hatten immer Zweifel an den angeblichen Erfolgen der Einheit im Kampf gegen Partisaneneinheiten. Tatsächlich ermordeten sie wahllos die Dorfbewohner und fingen Zwangsarbeiterinnen ein. Für jeweils zehn Frauen erhielten sie zwei Flaschen Schnaps.

Am bekanntesten ist ihr Einsatz bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944.

Erinnerungen eines Belgiers

Matthias Schenk, ein belgischer Sturmpionier, wurde als Sprengstoffexperte zu Dirlewanger abkommandiert. In dem Dokumentarfilm des ZDF "Mathi Schenks letzte Reise nach Polen" von Dietrich Schubert erinnert er sich: "Dort in den Kellern von Warschau nannten wir ihn nur 'den Schlachter'. Heimlich, weil beim ihm der Strick nie weit weg war. Dirlewanger hatte die Angewohnheit, jeden Donnerstag irgendwelche Leute aufzuhängen. Polen oder seine eigenen Leute - das war egal. Für nichts. Oft trat er selbst die Stühle unter den Füßen seiner Opfer weg."

Dirlewangers Truppen, denen er den Weg frei sprengte, wirkten auf den Belgier wie Gestalten aus der Hölle. "Sie sahen aus wie Penner. Schmutzige und zerfetzte Uniformen. Nicht alle von ihnen hatten Waffen; sie nahmen sie von den Toten. Jeden Morgen bekamen sie Wodka." Wer bei Angriffen zurückblieb, wurde von Dirlewanger auf der Stelle erschossen.

Als Schenk das Eingangsportal eines großen Gebäudes sprengen wollte, öffnete sich das Tor.  Was dann folgt, ist eine grausame Beschreibung der Praktiken der Gruppe, Matthias Schenk formuliert: "Die Türen öffneten sich und eine Krankenschwester kam mit einer kleinen weißen Fahne raus. Wir gingen mit aufgepflanzten Bajonetten rein. Ein riesiger Saal mit Betten und Matratzen auf dem Boden. Da lagen überall Verwundete. Neben den Polen gab es auch verwundete Deutsche. Sie flehten die SS-Männer an, die Polen nicht zu töten.

Ein polnischer Offizier, ein Arzt und 15 polnische Rotkreuzschwestern übergaben uns das Lazarett. Die Dirlewanger-Männer sind uns gefolgt. Ich konnte eine der Schwestern schnell hinter einer Tür verstecken und schaffte es noch abzuschließen. Ich habe nach dem Krieg gehört, dass sie überlebt hat.

Die SS-Männer haben alle Verwundeten getötet. Sie haben ihnen die Köpfe mit den Gewehrkolben zerschlagen. Die verwundeten Deutschen schrien und weinten verzweifelt. Danach rannten die Dirlewanger-Männer den Schwestern hinterher; sie rissen ihnen die Kleider vom Leib.

Wir hörten Frauen schreien. Am Abend gab es ein so lautes Gebrüll wie bei Boxkämpfen. Also kletterten ich und mein Freund die Wand hinauf, um zu sehen, was dort geschah. Dirlewanger stand bei seinen Männern und lachte. Die Krankenschwestern aus dem Krankenhaus wurden nackt mit den Händen auf dem Kopf durch den Platz gehetzt. Blut lief ihnen über die Beine. Der Doktor wurde mit einer Schlinge am Hals hinter ihnen her geschleift. Alle wurden zum Galgen geführt, wo schon ein paar Leichen hingen. Als sie eine der Schwestern aufknüpften, trat Dirlewanger die Steine um, auf denen sie stand. Ich konnte mir das nicht mehr ansehen. Wir rannten zu unserem Quartier, aber bevor wir es erreichten, sahen wir Kaminskis Kosaken die Zivilisten hetzen. Eine schwangere Polin fiel nieder. Einer der Hiwis drehte sich um und peitschte sie, als sie versuchte, auf den Knien zu entkommen. Doch sie töteten sie, als sie mit den Pferden über trampelten."

Der entmenschten Soldateska fielen auch Helferinnen der deutschen Truppen und Stäbe zum Opfer, die das Unglück hatten, Dirlewangers Männern zu begegnen.

Verkörperung der Apokalypse

Aus diesem Grund werden die Zeichen auch heute noch gezeigt. In der Gestalt von Dirlewanger mischen sich nationalsozialistische Rassenwahn mit Motiven aus Horrorfilmen und einer apokalyptischen Welt wie aus einem Zombie-Film. Oskar Dirlewanger geriet nach dem Ende des Krieges in Gefangenschaft.

Dort wurde er erkannt und zu Tode geprügelt.

Ergänzung: Im Kult der Neo-Nazis ist das Truppenzeichen eng mit der Person Dirlewanger verbunden. Tatsächlich wurde es erst verliehen, als aus der Sturmbrigade Dirlewanger Ende Februar 1945 die 26. Waffen-Grenadier-Division der SS geformt wurde. Wegen einer Verletzung nahm Dirlewanger an den Einsätzen der 26. SS nicht teil. Im April 1945 wurde die Einheit im Kessel von Halbe aufgerieben.

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