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"Markus Lanz" AfD-Frontfrau Alice Weidel bei "Markus Lanz": alles lässig, alles gaga

Alice Weidel bei "Markus Lanz" vom 4. Mai 2021
Vor dem TV-Studio wartet ein Polizeiaufgebot – rund 30 Protestler waren wegen Alice Weidels Auftritt bei "Markus Lanz" gekommen
Wenn Markus Lanz jemanden einlädt, um ihn "zu grillen", wird er zum nervigen Querulanten. Alice Weidels Strategie: Ausweichmanöver. Im diffusen Diskussionsgeschehen demontiert sich die AfD-Frontfrau selbst.

Man fragt sich, während sie so redet und redet, warum sie dabei permanent lächelt. Sie hat lässig einen Pullover über die Schultern geworfen, die Beine lässig übereinander geschlagen, überhaupt ist alles so unglaublich lässig – ist es doch, oder? Während Alice Weidel sich bei Markus Lanz so gibt, als würde sie am liebsten in Gartenzeitschriften blättern, dann, wenn sie gerade mal nicht den Thermomix anschmeißt, also ganz auf "Ich bin bürgerliche Mitte" macht, gibt's vor dem Hamburger Ferhsehstudio ein Polizeiaufgebot. Der Grund sind rund 30 Protestler. Für sie ist's ein Skandal, dass eine AfD-Frontfrau eine ZDF-Plattform bekommt.

Man kann diese Position vertreten, so wie man überhaupt alle möglichen Ansichten haben darf, auch dass Markus Lanz ein Top-Moderator wäre – allerdings müsste man dann schon blind sein für seine penetranten Talk-Manöver. Um seine Querulanten-Attitüde "Ich quatsche meinen Gästen rein, wann und wie's mir passt" zu zelebrieren, holt er sich, auch das hat Tradition, dann und wann Sidekicks – am Dienstagabend war das "Spiegel"-Redakteurin Ann-Katrin Müller, die die verbale Reingrätsch-Quote munter nach oben trieb. Allein: Wenn Müller "Lüge" ruft und Weidel später "Quatsch", dann muss man über Stilnoten nicht streiten.

Ein diffuses Diskussionsgeschehen

Dabei muss dieser Aufwand – wie etwa synchron auf die Antagonistin einreden – nun wirklich nicht sein: Alice Weidel offenbart ganz von selbst, wie sie so tickt. Oder anders: Man darf darauf vertrauen, dass die Zuschauer keine Blödel sind. Es passt eins nicht ins andere, was die AfD-Politikerin sagt, profunde Argumente fehlen, wenig scheint durchdacht und wenn sie mal, mit Lanz gesprochen, "einen Punkt" hat, scheint das mehr Zufall als Kalkül. Kurz: ein diffuses Diskussionsgeschehen. Und eine ziemlich plumpe Inszenierung; nicht mal Weidels Ausweichmanöver sind geschickt gemacht. Ob Andreas Kalbitz aus ihrer Sicht ein Rechtsradikaler wäre? Weidel verweigert ein klares Statement. Und was ist mit Björn Höcke, von dem sie 2017 noch wollte, dass er aus der Partei fliegt? Der habe sich, behauptet sie, "in den letzten Jahren doch zurückgehalten".  Und wie steht sie zu den Querdenker-Demos? "Die Demos der Linken sind viel gewalttätiger", so Weidel. Beteuert aber, die AfD sei nicht der politische Arm der Querdenker-Szene.

AfD-Politiker Thomas Ehrhorn

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Besonders hanebüchen: Weidel hat keine Ahnung, welches Einwanderungsmodell ihre eigene Partei propagiert. Auf dem Parteitag im April in Dresden sprach sich die AfD für das japanische Einwanderungsmodell aus. Und das ist strikt; rein darf so gut wie keiner, es sei denn, er nutzt der Gesellschaft. Hingegen insistiert Weidel, man wolle das kanadische Einwanderungsmodell umsetzen, also ein Punktesystem einführen. Und was ist mit dem Einwanderungsmoratorium, das die AfD-Delegierten für Menschen außerhalb der EU beschlossen hatten? Darin war – es wurde inzwischen zurückgenommen – zu lesen, dass Menschen, die weniger als fünf Millionen Euro haben, nicht einwandern dürfen. Weidel lacht darüber und kommentiert: "Bei uns ist wenigstens was los."

Wenn Humor falsche Harmlosigkeit suggeriert

Das ist eh schon alles gaga. Lanz macht es aber auch nicht wirklich besser mit seinen gewollt witzigen Kommentaren. In Anspielung auf die aus Sri Lanka stammende Partnerin Weidels meint er: "Da fällt ihre Lebensgefährtin ja mal flach, was?" Oder habe die fünf Millionen Euro mitgebracht? Haha, meint Lanz. Haha, antwortet Weidel. Irgendwie verlieren sich immer mehr die Fäden, falls die überhaupt je da waren. Doch das Parteiprogramm der AfD ist beileibe keine Unterhaltungsshow. Das Fatale: der Humor suggeriert eine falsche Harmlosigkeit.

Lanz findet zudem Gefallen daran, die Positionen der AfD zur Corona-Politik mit jenen der FDP zu vergleichen – ebenfalls Talkgast ist Liberalen-Generalsekretär Volker Wissing – um festzustellen, dass die gar nicht "so weit voneinander entfernt" seien. Beide sprechen sich gegen die Testpflicht in Unternehmen aus, um sie nicht noch weiter unter Druck zu setzen und ihnen noch mehr Kosten und Bürokratie aufzubürden. Und beide sind strikt gegen die Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr.  Lanz: "Herr Wissing, wo ist der Unterschied zur AfD?" Der antwortet: "Wir leugnen nicht die Gefahr, die von Corona ausgeht." Und was sagt Alice Weidel? Sie lächelt. Ist doch alles ganz lässig hier. Ach, so, und weil Sie's sind: "Die Spitzenkandidatur mit Tino Chrupalla, das werde ich wohl machen, Herr Lanz." Das waren bei der Aufzeichnung am Nachmittag immerhin noch "Hot News".

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