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Andreas Petzold: #DasMemo: Wie die neue Willkommenskultur Deutschland verändert

Die Welt ist gerührt davon, wie Deutschland derzeit Flüchtlinge aufnimmt. Doch wie werden die Deutschen langfristig damit umgehen, fragt stern-Herausgeber Andreas Petzold.

Von Andreas Petzold

Ein Flüchtlingsmädchen wird am Hauptbahnhof in München mit Teddy und Luftballon begrüßt

Flüchtlinge, die kurz zuvor mit einem Zug angekommen sind, werden am auf dem Hauptbahnhof in München von zahlreichen Menschen begrüßt

Wenn wir nicht gerade Fußball-Weltmeister werden oder eine WM ganz großartig organisieren, leidet Deutschland unter einem immer wiederkehrenden Komplex. Das Ausmaß der Anerkennung bleibt meist hinter dem Maß an Bedeutung zurück. Das hat sich über Nacht geändert. Die Aufnahmen von erschöpften Flüchtlingen, die mit Teddybären, rhythmischem Klatschen, High Five und herzlichem Lächeln empfangen werden, rühren den Rest der Welt. Und ja, wenn die geschundenen Frauen und Männer mit Kindern an den Händen auf den Bahnhöfen wie Schlafwandler durch die Korridore der plötzlich erwachten Willkommenskultur strömen - das hat schon etwas von Geiselbefreiung. Hier sind Sie sicher vor ungarischen Knüppeln, Schleppern, Assads Bomben und Taliban-Attentaten. Voll des Lobes schreibt beispielsweise der britische "Guardian", nach der internationalen Karriere der Begriffe "Kindergarten" und "Blitzkrieg" könnte eine neues deutsches Wort in den angelsächsischen Sprachgebrauch einfließen: "Willkommenskultur".

Selbst Griechen kommen ins Grübeln

Es war ja immer eine lohnende Versuchung, politischen Tun einer deutschen Regierung mit Analogien aus dem Dritten Reich zu verzerren. Halb Südeuropa hatte Merkel in dem vergangenen Jahren ein Hitlerbärtchen unter die Nase gepappt, weil sie die Milliarden-Garantien für die Schuldensühner nur unter strengen Konditionen rausrücken wollte. Doch nun skandieren Syrer auf den Straßen der Insel Kos "We love Merkel" und schwenken Bilder mit Kanzlerin-Konterfei. Das bringt nicht nur Briten sondern selbst Griechen in Grübeln.

Alles in allem: wie sich dieses Land derzeit präsentiert, das berechtigt zu einem gewissen Stolz auf die Großzügigkeit, die aber auch zwingend ist, wenn die Verfassungsgrundsätze gelebt werden sollen. Die Fähigkeit zur Selbstorganisation dieser Zivilgesellschaft ist bemerkenswert. Und auch die Berliner Politik, die spät aber nun mit den richtigen Weichenstellungen die Tore nach Deutschland geöffnet lässt, hat Mut bewiesen und den richtigen Ton getroffen. "Realismus" im Umgang mit dem Flüchtlingsthema haben Merkel und Gabriel angemahnt. Aus gutem Grund. Wer nüchtern auf dieses Land blickt, der weiß: In den Stolz wird sich Skepsis mischen.

Was kommt danach?

Der Soziologe Armin Nassehi hat einen erklärenden Blick in die deutsche Seele formuliert: "Wer aus politischen Gründen zu uns kommt, bestätigt unsere zivilisatorische Überlegenheit, wer aus wirtschaftlichen Erwägungen kommt, wird ein Konkurrent, auch noch einer, der staatliche Zuwendungen .... erhält, während wir uns dies selbst erarbeiten müssen." Hier genau lauert die Gefahr: dass Teile der Bevölkerung auch politische Flüchtlinge als Konkurrenten wahrnehmen, wenn in den kommenden Jahren Hunderttausende ein Bleiberecht erhalten. Jetzt durchleben wir noch Zeiten der spontanen Entscheidungen, der rührenden Momente, die sich aber abnutzen werden. Was kommt nach der Hilfsbereitschaft auf der einen Seite und der Dankbarkeit auf der anderen Seite? Wie lange bleibt der Wähler geduldig, wenn jahrelang Milliarden für die Flüchtlinge ausgegeben werden müssen. So steht heute auf Seite 1 in der "Welt": "Kraftakt für den deutschen Steuerzahler". Das stimmt. Aber gibt es einen besseren Grund, Geld auszugeben, um die Not von Menschen zu lindern?

Wenn die CSU das Sommermärchen zum Albtraum erklärt

Natürlich wird sich auch das politisch-konservative Lager aufmachen und die Angst schüren, dass zu viel Fremdheit in der Nachbarschaft gefährlich ist, dass die Konkurrenz der vielleicht höher motivierten Ausländer die eigene Entfaltung bremst. Es ist ein glücklicher Umstand, dass die Flüchtenden während einer wirtschaftlichen Schönwetter-Periode kommen. Man mag sich nicht ausmalen, wie die Debatten gelaufen wären, hätten wir noch fünf Millionen Arbeitslose wie vor zehn Jahren. Erwartungsgemäß war es mal wieder die CSU, die das Sommermärchen zum Albtraum erklärte. Bayern-Chef Seehofer hat sofort auf Angriff geschaltet und Angela Merkel allein dafür gescholten, dass sie Tausende Flüchtlinge aus Ungarn einreisen ließ. Dabei gibt es in Bayern kaum ernst zu nehmende politische Konkurrenz von ganz Rechtsaußen. Die polternde Kritik der CSU offenbart lediglich eine anachronistische Denke: Seehofer unterstellt seinen Bayern, in die Arme rechtsradikaler Ausländerhasser zu flüchten, falls er nicht selbst markige Worte findet. So gering schätzt er die soziale Kompetenz seiner Bürger ein, deren Fähigkeit, den Zustrom eher als Chance - auch für Bayern -  zu verstehen? Das ist ein armseliges Politikverständnis.

Deutschland wird Neuland

Stattdessen sollte Politik die ehrliche Perspektive einer bevorstehenden unruhigen Dekade entwerfen: Deutschland wird sich verändern. Die Hilfsbereitschaft wird nicht ewig auf diesem Niveau bleiben, die dankbaren Angekommenen werden irgendwann auch Ansprüche formulieren. Es kann zu Auseinandersetzungen kommen, es kann laut und hässlich werden.

Es wird etliche Milliarden kosten, den Flüchtlingen Deutsch beizubringen, ihre Kinder in Schulen und Universitäten aufzunehmen. Aus den Flüchtlingen werden Mitbürger, Steuerzahler und Wähler, die ihre Kulturkreise importieren und Moscheen bauen. Deutschland wird Neuland.

Eine Kur gegen die Vergreisung

All das wirkt wie ein Vitamin-Cocktail, der dieser Gesellschaft gerade noch rechtzeitig verabreicht wird, bevor die Alterspyramide den Wohlstand in Gefahr bringt. Er schützt uns davor, eine Rollator-Gesellschaft zu werden, zu verkrusten, er bewahrt vor Engstirnigkeit und Ideenarmut. Aber das kann nur gelingen, wenn diese Willkommenskultur Normalität wird, eine alltägliche Bereitschaft des Kümmerns, zur Toleranz und Gelassenheit. Denn es dürfte Jahre dauern, bis auch der letzte Skeptiker erkennt, dass sich die Aufnahme der Flüchtlinge nicht nur menschlich sondern auch ökonomisch auszahlt. Bis dahin müssen die Weltoffenen den Engstirnigen klar machen, dass sie in der Minderheit sind.