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"Geliebtes dunkles Land": 320 Seiten Afghanistans

30 Mal ist die Journalistin Susanne Koebl nach Afghanistan gereist. Nun, kurz vor der Abstimmung über die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes, erscheint ihr Buch "Geliebtes dunkles Land". Es erklärt eindrucksvoll worum es in dem Land geht. Und auch, worum es nicht geht.

Von Rupp Doinet

Der alte Mann mit dem verfilzten weißen Bart und den flinken Augen hat lange geredet. Über die Pflicht, eines jeden wahren Gläubigen, den Islam mit dem Leben und mit selbstmörderischen Anschlägen zu verteidigen. Darüber, dass der amerikanische Präsident Bush den Tod verdient hätte, "geköpft werden muß" und dass sich die westliche Allianz nicht halten könne. Das, so sagt Maulana Noor Mohammed, einer der radikalsten Taliban-Lehrer im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, sei "so sicher, wie Allah der allein Mächtige ist". Dann blickt er hinüber zu der Frau aus Deutschland, die mit ordentlich verhülltem Haar vor ihm kauert und macht ihr ein Angebot: "Kommen Sie zu uns. Sie könnten ihr Schicksal verbessern."

Das Schicksal hat es anders gewollt. Susanne Koelbl, Auslandsreporterin beim "Spiegel" flog zurück in die Heimat, nahm einen langen, unbezahlten Urlaub und schrieb gemeinsam mit ihrem ehemaligen Kollegen Olaf Ihlau ein Buch über ihre etwa 30 Reisen in dieses Land, über Begegnungen mit Präsidenten, westlichen Militärs, Kriegsfürsten, Drogenbauern, Schmugglern und den Elitesoldaten des geheimen Kommandos Streitkräfte (KSK) aus Deutschland, das am Rande der Legalität in Afghanistan operierte, lange bevor die Bundesrepublik offiziell Truppen in die Krisenregion schickte.

Was wollen die Taliban, was will die Politik?

Das Buch "Geliebtes dunkles Land - Menschen und Mächte in Afghanistan" erscheint pünktlich zur Bundestagsdebatte um eine Verlängerung des umstrittenen Kriegseinsatzes der Bundeswehr am Hindukusch. In ihren Reportagen und Analysen erklären die Autoren, was die Taliban wirklich wollen, wer sie sind, welche politischen Kräfte und Stämme in diesem landschaftlich wunderschönen Land um Einfluss und Macht ringen und wo die historischen Wurzeln für diesen Konflikt liegen. Dabei offenbaren sie auch den Mangel einer gemeinsamen Strategie des Westens, der, so glauben die Autoren, diesen Krieg militärisch nicht gewinnen kann. Dazu sei auch eine zivile internationale Anstrengung notwendig, die alle Länder der Region einbezieht, also auch Indien und vor allem Pakistan, das den wieder erstarkten Taliban inzwischen als Rückzugsstation dient.

Das Buch, sagt Egon Bahr, Bundesminister für besondere Aufgaben unter Willy Brandt und einer der Architekten der deutschen Ostpolitik, "ist Pflichtlektüre für die Mitglieder des deutschen Bundestags", eine "Röntgenaufnahme", "erschreckend und besorgniserregend" zugleich. Niemand könne mehr sagen, er wüsste nicht, "worum es in Afghanistan geht", glaubt "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. "Sehr, sehr gerne gelesen", knarzte Ex-Außenminister Joschka Fischer, der das Buch vor wenigen Tagen in Berlin vorstellte.

Oft sind es die kleinen Geschichten, jenseits der politischen Analysen, die es lesenswert machen. Der Leser erfährt, wie dieses Land, das seit Jahren die Nachrichten beherrscht, "riecht", wie es "schmeckt", worüber die Menschen lachen, meistens aber weinen. Man hört einen ehemaligen Taliban erzählen, wie und warum er zehn Jahre lang tödliche Anschläge auf die westlichen "Kreuzritter" verübte, bevor er die Fronten wechselte. Nun lebt er in einem gesicherten Haus in einem gesicherten Viertel und rechnet dennoch damit, jederzeit bei einem Racheakt getötet zu werden, wie so viele der sogenannten "guten Taliban".

Abdul Rashid Dostum, das ist der Kriegsfürst, der im Jahre 2001 einige hundert gefangene Koranschüler in der Wüste von Laili in Containern ersticken oder verdursten ließ, "entschuldigt" sich in seinem betörend schönen Rosengarten bei grünem Tee: "Wir hatten nichts anderes als Container. Es war Krieg".

Und dann gibt es noch die Geschichte von Malai Kakar, der ersten Polizistin in Kandahar, die unter der blauen Burkha mit dem Stoffgitter vor den Augen eine Pistole trägt, Handschellen, Schlagring und die sich die Fingernägel lackiert. Als Chefin einer kleinen Truppe von Polizistinnen kümmert sie sich um Frauen, die von ihren Männern misshandelt wurden, die wegen "Untreue" ins Gefängnis kamen, nachdem sie vergewaltigt worden waren. Allein dass es Malai Kakar und ihre Helferinnen gibt, ist eine der wenigen Erfolgsgeschichten aus diesem fernen Land.

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