AFGHANISTAN Der sanfte Aufstand der Frauen

Sie trotzen den Todesdrohungen der Taliban. Die sanften Rebellinnen von der afghanischen Widerstandsbewegung RAWA verhelfen Frauen und Mädchen zu Schulbildung, medizinischer Versorgung - und Selbstbewusstsein. Aus stern Nr. 46/2001.

Hamida entkam. Die 26-Jährige mit den scharf geschnittenen Gesichtszügen sitzt erschöpft und doch hellwach auf dem Boden eines Hauses in Peshawar, vor drei Tagen angekommen aus Kabul. Sechs Jahre lang war sie in der afghanischen Hauptstadt in einer Mission unterwegs, deren Beschreibung klingt wie die eines Guerillakommandos: »Wir haben alle paar Wochen den Ort gewechselt, auch die Uhrzeit. Alle mussten unauffällig das Haus betreten, einzeln, im Abstand einer Viertelstunde, damit niemand Verdacht schöpfte.«

Was Hamida und die anderen bei sich trugen, verborgen unter dem weiten Stoff ihrer Burkas, versteckten sie hinter Brettern, unter Decken. Kam die Sorge auf, sie könnten auffliegen, verschwanden sie jäh in alle Richtungen, und Hamida war tagelang unterwegs, den anderen Ort und Zeitpunkt des nächsten Treffens mitzuteilen.

Ihre Arbeit war bei Strafe verboten, lebensgefährlich, und doch: »Ich hatte keine Angst vor dem Tod, sondern vor ihren Gefängnissen - und davor, was sie mir dort antun würden.« Ihre Mission: Unterricht für Mädchen in Kabul. Ihre Waffen: Stifte, Schreibhefte, Bücher, von denen jedes Mädchen immer nur eines dabeihaben durfte, grün eingeschlagen wie der Koran. Ihre Organisation: RAWA, »Revolutionary Association of the Women of Afghanistan«.

Eine der letzten Widerstandsorganisationen

Seit Jahren ist dies eine der letzten und wichtigsten Widerstandsorganisationen gegen die Taliban. Von den 2000 Mitgliedern arbeitet ein großer Teil in Afghanistan: Sie organisieren geheime Schulen, filmen Hinrichtungen, schmuggeln die Bänder aus dem Land und verbotene Literatur hinein. Es gibt keine Zentrale, nur ein Postfach und wechselnde Handy-Nummern. Zu riskant ist die Arbeit von RAWA, selbst in Pakistan, wo sie eigentlich legal ist - wegen der Radikalislamisten unter geflohenen Afghanen. Zu Treffen mit den Organisatorinnen werden ausländische Journalisten abgeholt, Ort und Name ihrer Lager dürfen nicht bekannt werden.

Das Frauennetzwerk gilt als einzige zivile Opposition gegen das Fundamentalistenregime - und als ernst zu nehmende Kraft für einen demokratischen Neuanfang. Jetzt beginnen westliche Politiker und Medien, RAWA zu unterstützen; eine der zwölf Leiterinnen der Organisation erhielt gerade in New York den Preis einer Frauenzeitschrift - »Glamour«, ausgerechnet. »Ich bin hier im Namen der Tragödie, die Afghanistan heißt«, sagte die ausgezeichnete Tahmeena Faryal in ihrer Dankesrede und zitierte aus dem Gedicht einer 1987 ermordeten RAWA-Gründerin: »Ich bin die Frau, die erwacht ist. Ich habe meinen Weg gefunden, und ich kehre nie wieder um.«

In Peshawar hat RAWA für Flüchtlinge wie Hamida ein Übergangsquartier eingerichtet. Die Lehrerin aus Kabul und sieben weitere Frauen sitzen in einem kahlen Zimmer, aufgerollte Matten lehnen an der Wand. Ein sicherer Ort für die Partisaninnen: Da ist Nahiid, 28, die monatelang illegal Medizinerinnen mitten in Kabul ausbildete, indem sie die Frauen jeden Tag aufs Neue als Kranke, Besucherin oder Verwandte ins Frauenhospital schmuggelte. Die erleben musste, wie Patientinnen an einem entzündeten Blinddarm verreckten, weil keine Ärztin da war und sie keinen Arzt rufen durften, denn kein Mann darf eine Frau behandeln.

»Darunter kann man alles schmuggeln«

Da ist Asina, 30, die der Burka sogar etwas abgewinnen kann: »Darunter kann man alles schmuggeln.« Sie ist als Kurierin gefährlicher Fracht unterwegs: Jeden Monat bringt sie einen Stapel »Payam-e-Zan«, die »Botschaft der Frau«, nach Kabul; auf schlechtem Papier, fast ohne Bilder erscheint das Magazin von RAWA, doch wie eine Kostbarkeit wandert jedes Heft von Hand zu Hand, werden Artikel abgeschrieben und auswendig gelernt.

»Die Taliban spüren, dass ihre Zeit abläuft«, sagt Hamida. »Trotz des Krieges gibt es immer mehr Razzien, die Gefängnisse sind voll, als ob die Taliban nichts anderes zu tun hätten. Es war zu gefährlich, noch länger zu bleiben.«

Dabei ist eigentlich nicht die Organisation radikal - die Verhältnisse sind es. Als RAWA 1977 gegründet wurde, »waren wir eine Gruppe von Frauenrechtlerinnen, die Gleichberechtigung forderten«, erinnert sich die Hausherrin Tahira. Das Gesicht gezeichnet von drei Jahren im Gefängnis, erzählt sie von den 70er Jahren wie vom Paradies, als Kabul eine freie Stadt war: wie sie mit dem Fahrrad zur Uni fuhr und es genoss, den Wind im Haar zu spüren. War sie zum Essen bei ihrem traditionsstrengen Onkel eingeladen, ging sie verschleiert, »weil es ihm Freude machte und weil ich ihn mochte - und es meine freie Entscheidung war«.

Sie, eine der noch lebenden RAWA-Gründerinnen, die schon vor Jahren ins Exil nach Peshawar floh, organisiert Obdach für andere Flüchtlinge: »Wir trugen das Wort ,revolutionär« im Namen, aber wir waren nicht gegen den Staat. Damals gab es Professorinnen, Parlamentarierinnen, Ärztinnen in Kabul. Was wir wollten, waren Reformen.»

Seite an Seite mit den Mudschaheddin

Was kam, war der Einmarsch sowjetischer Truppen. Die Frauen von RAWA kämpften wie die Mudschaheddin gegen die Invasoren. Vermutlich ermordeten Agenten des KGB-gelenkten afghanischen Geheimdiensts KHAD die RAWA-Gründerin Meena Kishwar Kamal 1987 im westpakistanischen Quetta.

Kaum waren die sowjetischen Soldaten abgezogen, begann der Bürgerkrieg der siegreichen Warlords untereinander. Die Hoffnung der Frauen, erinnert sich Tahira mit bitterem Lächeln, bestand nicht mehr darin, gleiche Aufstiegschancen im Staatsdienst zu erhalten - sondern im nackten Überleben; darin, dem Schicksal zu entgehen, verschleppt, vergewaltigt, umgebracht zu werden von marodierenden Milizen, die zunehmend einen Krieg der Volksgruppen führten.

»Es war die Tochter unserer Nachbarn«, sagt Tahira, »und es war der Lärm ihres Hochzeitsfests, der die Männer anlockte. Tadschiken aus der Truppe von Ahmed Schah Massoud, die sie vor den Augen ihres Vaters vergewaltigten und mitnahmen.« Sie tauchte nie wieder auf, genau wie die anderen, die tadschikischen, usbekischen, paschtunischen Milizen in die Hände fielen. Jede Frau im Raum kennt eine ähnliche Geschichte aus den Bürgerkriegsjahren, es gab keine Ordnung, kein Recht.

Die Stunde der Taliban

Das war die Stunde der Taliban, und als sie 1996 Kabul einnahmen, etablierten sie ihre Ordnung: Mit immer neuen Edikten des »Ministeriums zur Förderung der Tugend und zur Verhütung des Lasters« wurden Frauen aus dem Leben verbannt. Sie durften - bis auf wenige Ausnahmen in Krankenhäusern - nicht mehr arbeiten, nicht ohne einen männlichen Angehörigen Taxi fahren, nicht zur Schule gehen, nicht im Rundfunk zu hören sein, keine farbenfrohe Kleidung, keine hohen Absätze tragen und

nicht laut lachen: Das könnte Männer erregen. Das Betreten von Balkonen, das Maßnehmen beim Schneider, selbst die Puppen der Mädchen, die falsche Götzen seien, alles wurde verboten. »Die Menschen müssen lernen, uns zu gehorchen!«, sagte 1997 Sher Abbas Stanakzai, stellvertretender Außenminister der Taliban. Der Weg dahin führt in der wirren Logik der Eiferer über das Verschwinden der Frauen, die nur noch in der knöchellangen Burka das Haus verlassen dürfen.

Keine legale Ausbildung für Frauen

Hatte die Alphabetisierungsrate unter Frauen schon vorher nicht einmal zehn Prozent betragen, so gibt es seither überhaupt keine legale Ausbildung mehr. Nicht, dass sich bei alldem die Moral im Land verändert hätte: Es gibt Bordelle im Afghanistan der Taliban, wenn auch hochgeheim, und alle Formen von Prostitution aus tiefster Not. Sie selbst habe gesehen, sagt Hamida, wie eine junge Bettlerin in einen Laden kam und der Besitzer bereit war, etwas zu geben - wenn er ihre Brust anfassen dürfe.

Es ist ein auswegloser Wahn: Frauen dürfen keinem Beruf nachgehen. Ausländische Hilfsorganisationen wurden ausgewiesen. Witwen, von denen allein in Kabul Zehntausende leben, verkaufen ihre Kinder, die sie ohnehin nicht mehr ernähren können. Viele bleiben trotz Bomben in den Städten, weil selbst zur Flucht das Geld fehlt. Werden sie im Bordell verhaftet, bedeutet es den Tod. RAWA-Frauen gelang es, heimlich die Hinrichtung einer Frau im Fußballstadion von Kabul zu filmen: Auf Knien, in himmelblauer Burka, wurde sie erschossen.

Soweit es irgend geht, versuchen die RAWA-Frauen in Afghanistan weiterzuarbeiten. Die Revolution aber, die sie im Namen tragen, geschieht auf der pakistanischen Seite der Grenze, in Flüchtlingslagern und Privathäusern, wo RAWA Dutzende Schulen, Werkstätten, Alphabetisierungskurse betreibt.

Revolution der kleinen Schritte

Es ist eine Revolution der kleinen Schritte. Kinderschritte. Sie beginnt jeden Morgen um sieben und hinterlässt Spuren im puderfeinen Lehmstaub. Manche von ihnen barfuß, laufen Dutzende Mädchen über den Weg, der zwei Lager verbindet - ein paar hundert Meter nur, aber mit einer ganzen Welt dazwischen. Denn ihr Lager wird von Taliban regiert. Das andere mehr oder weniger von der Frauengruppe, die dort eine Schule, ein Waisenhaus und eine kleine Klinik betreibt. Deren Arzt - es arbeiten auch Männer für RAWA - erinnert sich an den Kampf um die Schule vor ein paar Jahren: als Maulana Nabi, der Lagergeistliche von nebenan, mit einer Abordnung vor seinem Hospital aufmarschierte. »Sie hatten eine Fatwa herausgegeben, dass es Gottes Wille sei, unsere Schule zu schließen«, sagt Adel, der Arzt, und lächelt. »Wir erbaten Bedenkzeit - und schickten ihnen nach zwei Tagen unsere Fatwa: dass es Gottes Wille sei, diese Schule zu betreiben.«

Der Streit eskalierte, mit Waffen marschierten die Taliban auf, mit Waffen erschienen die Verteidiger der Schule vor den

Hütten. Eine Woche dauerte der Nervenkrieg, dann zogen die Taliban ab. Eine Weile lang geschah nichts - doch nach zwei Jahren begannen die ersten Eltern aus dem Talibanlager, ihre Töchter in die gottlose Schule zu schicken. »Mittlerweile kommt ein Drittel der Schülerinnen von dort drüben«, sagt Adel, »und das Beste ist: Maulana Nabis Töchter sind unter ihnen.«

450 Mädchen lernen hier jeden Vormittag lesen, schreiben, Mathematik, Physik. Und etwas noch Wichtigeres: dass ihnen ein eigenes Leben gehört. Auf die Frage, was sie damit anfangen wollen, sprudeln die Antworten durcheinander: »Ich will Richterin werden! Ich Ärztin! Lehrerin!« Und es ist zu hören, was es in Afghanistan nicht geben darf: Mädchenlachen.

»Was hätte ich sonst tun sollen?«

Wahida, eine der Lehrerinnen, erzählt, weshalb sie selbst mit 25 lesen und schreiben lernte: »Mein Mann zog an die Front gegen die Sowjets, und er wünschte sich, dass ich ihm Briefe dorthin schickte.« Also besorgte sie sich ein Schulbuch - eines der russischen Besatzer -, um ihrem Mann versichern zu können, dass sie ihn vermisse und dass die Maulbeerbäume gediehen. Als sie gerade begann, den Sinn der Schnörkel und Linien zu verstehen, schlug eine Granate in seinen Unterstand ein. Wahida lernte weiter, verbissen, verzweifelt - »was hätte ich sonst tun sollen?«

Und so wurde sie selbst Lehrerin, steht hier vor 50 Mädchen und Frauen, deren Finger stockend über die Zeilen fahren. Die Schule, ein Rondell aus Lehmhütten, platzt aus allen Nähten, nicht mal für die Hälfte gibt es Stühle, aber das stört niemanden. Die zwölfjährige Layla strahlt über die ersten selbst geschriebenen Wörter: »Bald kann ich etwas, was noch nie eine Frau in unserer Familie konnte!« Darauf seien Mutter wie Vater stolz.

»Wir sitzen zwischen allen Lagern«

»Wir sitzen zwischen allen Lagern«, resümiert Sahar, Anfang 30, aus dem RAWA-Führungskomitee. Sie sagt in perfektem Englisch: »Wir sind gegen die Taliban - und wir sind genauso gegen die US-Bombardements. Wir haben die Taliban nicht gewählt, haben bin Laden nicht eingeladen, aber unsere Familien sterben.« Ihre Hoffnungen lägen auf einer von allen Volksgruppen getragenen, demokratischen und zivilen Regierung. »Ja, ja, ich weiß, das klingt illusorisch«, sagt sie - aber sei es deswegen falsch?

Es ist so wenig und so viel, was Afghanistans revolutionäre Frauen fordern: Gerechtigkeit für die vergessene Hälfte ihres Volkes. Während Sahar gerade die düstere Gegenwart erörtert, ist eine resolute Mädchenstimme zu hören: Manischa blickt frech in die Runde. Während die jüngeren Mädchen sich aneinander schmiegen und mit großen Augen aus ihren Schals und Tüchern schauen wie ein Schwung aus dem Nest gefallener Vögel, erzählt die 16-jährige Manischa stolz, weshalb sie gerade Hals über Kopf Kabul verlassen musste. Taliban-Sittenwächter hatten sie auf der Straße festgehalten. Der Ansatz ihres Busens sei zu erkennen, sie müsse ab sofort Burka tragen. »Ich habe ihn am Bart gezogen, dass er gestolpert ist.«

Da wusste Manischa, dass sie ihren Weg gefunden hatte und nie wieder umkehren würde.

Christoph Reuter und Tiane Doan Na Champassak


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