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Afghanistan: Übersetzen gegen die Taliban

Tommy lernte die Sprache der Feinde heimlich: Seine Mutter flüsterte ihm Vokabeln beim Linsenkochen zu. Nun arbeitet er als Übersetzer für die US-Soldaten in Afghanistan. Sein Job ist gut bezahlt, aber gefährlich: Die Taliban hassen Kollaborateure wie ihn - und haben bereits seine Mobilnummer.

Von Carsten Stormer, Altimur

Es fängt an mit einem Kribbeln in den Zehenspitzen, es wandert die Venen hoch, bis zum Brustkorb. Dort drückt es ihm wie eine eiserne Hand den Herzmuskel zusammen, lässt den Atem flach und den Kopf leer werden. Für einen Augenblick wird er von der Vorstellung gelähmt, er könnte sterben. Er möchte sich klein machen, verstecken vor dem Tod, der in den Bergen und Tälern seiner Heimat lauert. Er sehnt sich nach Frieden, der unerreichbar scheint, nach Alltag, mit Freunden in Teestuben hocken oder Mutters Rosinenreis. Solche Gedanken rasen ihm in den letzten Sekunden vor jedem Einsatz durch den Kopf. Was hat Captain Jon Trowller gerade während der Lagebesprechung gesagt? Dass man die Augen aufhalten solle, weil man bisher immer auf den Patrouillen in den Kharwar Distrikt beschossen wurde. "Da draußen herrscht Krieg, und die wollen uns tot sehen." Er weiß wovon Trowller spricht, erlebt fast täglich die brutale Choreografie des Krieges; Minen, Sprengfallen, Granaten. Ein Potpourri des Terrors in seiner ganzen Vielfalt. Dann wackelt er kurz mit den Schultern, als könne er so die Angst abschütteln. In'Schallah, so Gott will, wird schon alles gut gehen.

"Nenn mich Tommy", sagt der junge Mann. Er trägt Baseballmütze und Bartstoppeln. Seinen richtigen Namen wagt er nicht zu nennen, denn Tommy hat einen der gefährlichsten Berufe im neuen Afghanistan - er ist Übersetzer im Dienste der US-Armee. Jeder, der mit der afghanischen Regierung, Amerikanern oder Koalitionstruppen zusammenarbeitet gilt bei den Extremisten und Fanatikern als Verräter, Kollaborateur. Ein Todgeweihter. Dutzende Soldaten, Polizisten oder Übersetzer wurden ermordet, entführt, ihre Familien bedroht. Seit zwei Jahren arbeitet er als Übersetzer und in dieser Zeit ist sein Blick hart geworden. Es sind die Augen eines alten Mannes.

Wie ein gefangenes Tier im Käfig

Er öffnet die schwere Tür des gepanzerten Humvees, drückt sich in den Sitz, senkt den Kopf und blickt auf seine Hände, dabei bewegt er die Lippen, als flüstere er ein Gebet. Er wirkt wie ein gefangenes Tier in einem Käfig. Dann rollt der Konvoi aus dem Stützpunkt der Amerikaner, rumpelt den Altimur Pass hoch, in die Berge des afghanischen Hinterlandes. Das Ziel ist der Kharwar Distrikt, dreißig Kilometer nördlich vom Stützpunkt; Talibanland. Hier, in diesem Paralleluniversum zur zivilisierten Welt, kämpfen afghanische, amerikanische, französische und tschechische Truppen für Freiheit, Frieden, Pluralismus, diese großen Wörter, die so wenig bedeuten, an Orten, an denen sich menschliche Bomben per Express ins zu ihrem Gott sprengen.

Der Konvoi holpert über Feldwege und Gebirgspässe und währenddessen erzählt Tommy seine Geschichte. Eigentlich möchte er nur fort von hier, raus aus dieser Baracke des amerikanischen Militärlagers Altimur, etwa fünfzig Kilometer südlich von Kabul, in der Provinz Logar. Fort von Staub und miesem Essen, Granaten und Minen. Zurück nach Kabul, um Journalismus zu studieren. Doch diesen Traum hat er vor einigen Jahren begraben. Zwei Monate lang studierte er an der Universität Kabul, doch das Geld reichte nicht. Die Mutter verdiente zu wenig, um ihn zu unterstützen. Es langte nicht einmal für Kost und Logis; für Bücher und Studiengebühren schon gar nicht. Dann gab es da noch das Problem mit der Korruption. Er kannte doch niemanden in der Regierung, war mit keinem hohen Beamten befreundet oder verwandt. "Ohne Beziehungen oder Geld bekommt man heutzutage keinen Job. Da kannst du die beste Ausbildung haben."

Plötzlich zuckt er zusammen

Kabul hat ihm trotzdem gefallen. Dort gab es geteerte Straßen, Bazare, Teestuben, wunderschöne Mädchen, grüne Parkanlagen, in denen man sich heimlich an der Hand halten konnte. "Kabul!", er spricht den Namen der Hauptstadt ganz langsam aus, lässt ihn über die Zunge rollen. Plötzlich zuckt er zusammen, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht. Die Stadt ist weit weg, unerreichbar. Stattdessen ist er an dieses verdammte Lager gefesselt, das mehrmals die Woche mit Granaten beschossen wird.

"Sieh mich an", sagt er. "Ich bin 21 Jahre alt und sehe aus wie vierzig, ganz dünn und grau." Sieben Jahre ist es her, dass die Amerikaner die Taliban vertrieben. Der Tag, an dem die ersten Bomben fielen, sei der glücklichste Tag seines Lebens gewesen, sagt Tommy. Weil von nun alles besser werden würde; Frieden, Aufschwung, Bildung, Internet und Mobiltelefone würden folgen, so dachte er, damals - ein vierzehnjähriger Junge, der zum ersten Mal von der Zukunft träumte. Seitdem wartet er darauf, dass die Versprechen eingelöst werden.

Identität versteckt hinter der Sonnenbrille

Tommy sitzt auf der Rückbank des Humvees, knetet nervös seine Hände und blickt durch Panzerglas auf die "Qualas", die fensterlosen Lehmgehöfte der Einheimischen, vor deren Bewohnern er seine Identität hinter Sonnenbrille und Baseballmütze verstecken muss. In seinen Armeehosen, der schusssicheren Weste und dem Helm wirkt er eher wie jemand aus einer Spezialeinheit gegen Terroristen als ein Übersetzer. Die Amerikaner und die Nato würden es ja gut meinen, davon ist Tommy überzeugt. "Es ist richtig, dass sie hier sind. Aber es dauert zu lange, bis sich etwas ändert." Er sagt dies wie jemand, der die perfekte Frau getroffen hat, aber sich doch nicht in sie verliebte.

Unter den Taliban musste er Turban tragen und die Suren des Korans auswendig lernen, alles andere, Englisch, Mathematik, Chemie, Physik, war verboten. Das nannten sie Schule. Die Sprache der Ungläubigen brachte ihm seine Mutter bei, die Lehrerin gewesen war, heimlich. Bis die Turbankrieger die Macht über Afghanistan gewannen, Männer hinter Bärte und Frauen unter Burkas zwangen. "Junge", sagte die Mutter. "Wenn du willst, dass es dir einmal besser ergeht, dann musst du die Sprache der Amerikaner lernen." Und so flüsterten sie sich täglich in der Küche englische Vokabeln zu, während die Mutter Linsen und Reis zubereitete.

Zwanzig Stockhiebe wegen zweier Kassetten

Tommy ist gläubiger Moslem aber die Taliban hat er schon immer gehasst - weil sie ihm ihre Weltanschauung aufzwingen wollten. Mit fünfzehn wollte er einmal gemeinsam mit einem Freund nach Pakistan fahren, um einen Onkel in Peschawar zu besuchen. An einem Checkpoint, kurz vor der Grenze, verhaftete man die beiden Halbwüchsigen, weil man bei Tommy zwei Kassetten mit indischen Liebesliedern gefunden hatte. Der Taxifahrer hatte die beiden Jungs an die Taliban verpfiffen. Nach zwei Tagen Knast und zwanzig Stockschlägen auf die Handflächen durften sie weiterreisen. Als sie zehn Tage später aus Pakistan zurückkamen, waren das Gefängnis und die Taliban verschwunden. Die Amerikaner hatten begonnen, Afghanistan zu bombardieren und Tommy fing an, die verbotenen Lieder zu singen.

Achthundert Dollar verdient Tommy im Monat, dafür, dass er sein Leben riskiert, sechs Tage die Woche. Immerhin ist es ein Vielfaches des afghanischen Durchschnittsgehalts von knapp 400 Dollar - im Jahr. Sparen kann er trotzdem kaum etwas. Weil er die Familie unterstützen muss, die Mutter ohne Rente und den Bruder, der nach Schweden fliehen musste; einer dieser ungezählten afghanischen Desperados, die über Pakistan, Iran, die Türkei und Griechenland nach Nordeuropa geschmuggelt werden. "Meine Schuld", sagt Tommy. Als die Taliban erfuhren, dass er für die Amerikaner arbeitet, begannen sie, seine Familie zu bedrohen. Dreimal versuchten sie, den jüngeren Bruder Anayatullah zu ermorden. Einmal traf ihn eine Kugel in den Oberschenkel. Das war zuviel. Tommy konnte es nicht ertragen, dass Anayatullah seinetwegen getötet werden könnte, raffte sein gesamtes Erspartes zusammen, zehntausend Dollar, und bezahlte eine Schleuserbande, die den 17-jährigen in Sicherheit bringen sollte. Jetzt sitzt Anayatullah in einem Asylbewerberheim in Stockholm und wartet auf seine Aufenthaltsgenehmigung. Schweden sei ein gutes Land, mit liberalen Einwanderungsgesetzen, habe er gehört. "Es sieht gut aus", sagt Tommy. Ab und zu können die Brüder übers Internet chatten.

Taliban drohen via Handy

Irgendwie haben die Taliban aus seinem Heimatdorf seine Mobiltelefonnummer herausgefunden. Deswegen erhält er immer wieder Drohanrufe. Wenn er nicht aufhöre, mit dem Feind zu kollaborieren, würde man ihn umbringen, sagen fremde Stimmen. Tommy sagt dann "Fuck you! Ihr seid die Feinde meines Landes, nicht ich", und legt auf. "Ich lass mich doch von diesen ungebildeten Halbaffen nicht einschüchtern." Aber lange halte er dieses Leben nicht mehr aus, "zwei Monate noch, dann höre ich auf und suche mir einen anderen Job." Was? Keine Ahnung. Egal.

Station in dem Dörfchen Anger. Es liegt in einem Talkessel, umgeben von staubbraunen Bergen. Ein paar Lehmhütten, Schotterstraßen, auf denen Männer mit weißen Turbanen auf Eseln reiten. An einem Berghang grast eine Kamelherde. Tommy steigt aus, zieht einen Empfänger, der aussieht wie ein Funkgerät, aus der Tasche und beginnt damit, den Funkverkehr der Extremisten abzuhören. Captain Trowller ist sich sicher, dass die Kerle irgendwo dort oben in ihren Bergverstecken hocken, den Konvoi beobachten und einen Angriff planen. Fünf Minuten lang ist nur Rauschen und Knacken zu hören, dann ertönen Stimmen und Tommy übersetzt:
Stimme Eins: "Habt ihr etwas vorbereitet, Bruder?"
Stimme Zwei: "Ja, wir sind bereit. Aber sie sind noch zu weit entfernt."
Stimme Eins: "Sei vorsichtig. Es sind sehr viele."
Stimme Zwei: "Allah-u-Akbar."
Dann rauscht es wieder und der Konvoi rollt in das Dorf, langsam, ganz langsam, schwere Maschinengewehre auf die Hänge und Lehmhütten gerichtet.

Sprengfalle und Kampfjets

Captain Trowller behält Recht. Kurz darauf fährt ein Fahrzeug auf eine Sprengfalle, zwei Granaten schlagen hundert Meter entfernt ein. Amerikanische Mörser feuern in die Richtung, in der sie die Stellungen der Extremisten vermuten und Captain Trawller fordert Luftunterstützung an. Zwanzig Minuten später donnern F-15 Kampfjets über das Tal. Nach einer halben Stunde ist der Spuk zu Ende. "In der Regel verziehen sich die Bastarde, wenn ein Kampfjet aufkreuzt", sagt Trowller.

Während sich Amerikaner und Taliban gegenseitig beschießen, liegt Tommy teilnahmslos im Schatten eines Panzerwagens und döst vor sich hin. "Daran habe ich mich gewöhnt. Was soll ich mich aufregen." Angst? Natürlich, aber "ich bin mit dem Krieg aufgewachsen. Wie die meisten Afghanen", sagt er. Erst das Gemetzel der Russen, dann legten verfeindete Kriegsfürsten den Rest des Landes in Schutt und Asche - und ihnen folgten die Taliban. Er streichelt die russische Pistole, die in einem Halfter an seiner schusssicheren Weste befestigt ist, schiebt ein Hosenbein bis über das Knie und zeigt eine Narbe, die vom Schienbein bis zum Knöchel verläuft. "Andenken an eine Mine." Zehn Hinterhalte der Taliban hat er bisher überlebt. Sein Leben nennt er einen Schwebezustand und ständig ermahnt er sich, dass es etwas Besseres geben muss. "Ich bin noch jung. Mein Traum ist es, Journalist zu werden." Irgendwann.

Keine Toten - ein guter Tag

Neun Stunden und einige Schrecksekunden später ist der Konvoi zurück im Lager. Keine Toten oder Verletzen. Ein guter Tag. Es dämmert schon und Tommy zieht sich in seine Baracke zurück, legt sich auf eine Pritsche und liest politische Biografien, die er so sehr liebt: Gandhi, Clinton oder Ahmed Schah Massoud, der Löwe des Pandschir Tals. Manchmal schreibt er auch Gedichte, die er in einem Schnellhefter aufbewahrt. "Um meinen Geist frisch zu halten", wie er sagt. Da durchschneidet ein schrilles Pfeifen die Luft, gefolgt von drei Explosionen. Eine Sirene heult. Camp Altimur wird mal wieder mit Granaten beschossen, wirbeln Stab auf, der sich auf die Armeezelte legt - wie ein Leichentuch.