Anschläge auf Friedensdschirga in Afghanistan Blutige Werbe-Veranstaltung in Kabul


Die Friedensdschirga in Afghanistan stand von Anfang an unter keinem guten Stern: Zu viele wichtige Teilnehmer erschienen erst gar nicht, und die Versammlung war ohnehin nur eine PR-Nummer für den Westen.
Eine Analyse von Christoph Reuter, Kabul

Mehr als 12.000 Polizisten hatten bereits in der Nacht zuvor Teile Kabuls abgesperrt. Ihre Sorge galt der Sicherheit der wenige Stunden später beginnenden Friedensdschirga. Doch ihre Bemühungen waren vergebens. Schon in den Morgenstunden sind Detonationen zu hören - von Raketen- und Granaten-Angriffen sowie einer Selbstmordattacke der Taliban, dazwischen das Prasseln von Schüssen. Selbst noch in kilometerweiter Entfernung.

Die Dschirga, eine stammesübergreifende Versammlung, wurde von der internationalen Gebergemeinschaft mit Millionen unterstützt. Sie war gedacht, um Afghanistans Regierung ein Mandat für Verhandlungen mit den Taliban zu geben. Als Präsident Hamid Karsai dann vor 1600 Teilnehmern seine Eröffnungsansprache beginnt, detoniert in der Nähe des Versammlungsorts die erste von drei Raketen. "Setzen Sie sich wieder", sagt er jenen, die sofort aufspringen, um sich in Sicherheit zu bringen. Es werde nichts passieren, versicherte er der handverlesenen Menge.

Doch ein paar Minuten später, der Lärm der Schüsse lässt immer noch nicht nach, enteilt das afghanische Staatsoberhaupt plötzlich in seinem gepanzerten Konvoi. Mit hoher Geschwindigkeit verlässt er den Tagungsort auf dem Gelände der Polytechnischen Universität im Westen Kabuls.

Zwei Selbstmordattentäter "sind in der Gegend unterwegs"

Nur wenig später, zwölf Uhr Mittags Ortszeit: Mittlerweile sind drei Raketen aufs Tagungsgelände abgefeuert worden, hat sich ein Selbstmordattentäter in der Nähe gesprengt, wird ein anderer von der Polizei erschossen. Zwei weitere, heißt es trocken in einem Lagebericht der Sicherheitskräfte, "sind in der Gegend unterwegs". Hubschrauber der Isaf kreisen über der Universität, die Dschirga geht weiter.

Eigentlich wurde die Veranstaltung schon im Vorfeld abgeschrieben, doch mit diesen dramatischen Ereignissen verleihen ihr nun ausgerechnet die Taliban eine Art von Substanz. In den Tagen zuvor hatten das Parlament, Abdullah Abdullah, Gegenkandidat Karsais bei den Präsidentschaftswahlen sowie andere Gruppen unisono erklärt, die Dschirga boykottieren zu wollen. Es hieß, die Teilnehmer seien undemokratisch ausgewählt worden und in der Tat wurden Beteiligten weitgehend geheim gehalten. Das Parlament wiederum beklagte sich, dass Karsai verfassungswidrig ein neues Wahlgesetz erlassen habe, das künftig Wahlfälschungen noch mehr erleichtern würde. Überdies weigere er sich, die immer noch ausstehenden elf Ministerposten zu besetzen, um deren vorgeschriebenen Bestätigung durch das Parlament vor der Sommerpause zu entgehen.

Selbst Karsais Verbündete blieben der Versammlung fern

Selbst Karsais Verbündete Raschid Dostum, Milizführer der Usbeken, und Mohammed Mohaqiq, Führer der Wahdat-Partei der schiitischen Hazara-Minderheit, verweigerten die Teilnahme. Und dann wurde noch der Vorschlag vieler Teilnehmer, einen Vorsitzenden zu wählen, von den Mitgliedern des Regierungskabinetts abschlägig beschieden. Sie bestimmten einfach, dass Ex-Präsident Rabbani der Versammlung vorstehen solle.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Welche Bedeutung hat die Versammlung überhaupt? Und kommt es überhaupt zu einem Ergebnis?

Versammlung stand unter keinem guten Stern

Die stammesübergreifende Versammlung stand schon länger unter keinem guten Stern, welche Bedeutung soll nun also diese Dschirga haben, die von den Geberländern in Europa und Amerika als wichtiger Schritt gepriesen wird? Immerhin hatte Deutschland extra noch das alte Tagungszelt von 2002 für 480.000 Euro mit neuer Übertragungstechnik und Stühlen versehen. Zudem sind Dutzende ausländischer Journalisten angereist, geschickt von ihren Heimatredaktionen, um über das große Ereignis, den Wendepunkt hin zum Frieden, zu berichten. Gibt es überhaupt etwas zu berichten?

Es ist das chronische Dilemma des Westens, sich stets neue, PR-trächtige Ereignisse auszudenken, die einen Fortschritt in Afghanistan signalisieren sollen - ohne sich dafür zu interessieren, ob der auch tatsächlich existiert. Dschirga klingt gut, klingt afghanisch. Aber wer sollte berechtigt sein, daran teilzunehmen? Wer würde die Tagesordnung bestimmen? Welche bindende Wirkung würden die Beschlüsse haben? Nichts davon war bis zum Beginn klar. Dass Deutschland das Zelt, also die Hülle bezahlt, ist dafür ein typisches Symbol: Was in Afghanistan passiert, welche Inhalte, welche Personen und welche Maßnahmen die Politik des Landes bestimmen sollen, das entscheiden die inner-afghanischen Machtkämpfe.

Oder, und das ist das eigentliche Problem, sie entscheiden eben nicht. Dass etwa das Gesundheitsministerium seit einem halben Jahr führungslos vor sich hin dümpelt, weil weder Karsai noch die korrupten Abteilungsleiter Interesse an einem integren, professionellen Gesundheitsminister haben - stört augenscheinlich niemanden.

Der Plan, die Taliban einzubinden, war wenig überlegt

Der Plan ausländischer Regierungen und Hamid Karsais, mit den oberen Rängen der Taliban um Machtteilhabe zu verhandeln und das Fußvolk mit Geld zum Überlaufen zu bewegen, ist überdies alles andere als überlegt: Warum sollten die Kämpfer sich für die "Taliban-Abwrackprämie" zur Aufgabe bewegen lassen, wenn ihre Bewegung als Verhandlungspartner offenbar ernst genommen wird? Warum nicht das Geld nehmen und weiterkämpfen?

Und was die Nato-Militärmission angeht: Was derzeit an verschiedenen Orten stattfindet, ist ein erklärter Verdrängungswettbewerb. Die Taliban mögen sich doch bitteschön woanders hin verziehen. Was sie dann auch tun: Sie fluktuieren derzeit von Provinz zu Provinz - ohne, dass sich am Kräfteverhältnis insgesamt viel verändern würde.

Ergebnisse sind nicht weiter wichtig

So ist es für den weiteren Gang der Dinge von wenig Belang, mit welchem Ergebnis die Dschirga aufwarten wird - so sie denn überhaupt zu irgendeinem Ergebnis kommen wird. Die Taliban, Adressaten des geplanten Verhandlungsmandats, haben von vornherein klargemacht, gegen die Dschirga zu sein. Ein Abzug der ausländischen Truppen, so ihr Credo, könne nicht das Ergebnis von Verhandlungen sein, sondern deren Vorbedingung.

Der internationale Druck auf Karsai aber, die Anzahl von weiblichen Teilnehmern der Dschirga von ursprünglich vorgesehenen 30 auf knapp 300 zu erhöhen, dürfte ihnen wiederum gefallen haben: Denn die Selbstmordattentäter hätten sich, so die afghanische Polizei, in Burkas verkleidet, also als Frauen getarnt, eingeschlichen.


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