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Anschläge in Indien: "Es wird zu Racheakten kommen"

Eine "ganze neue Qualität" hätten die Anschläge auf Hotels im Mumbai, sagt Indien-Experte Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Ohne Unterstützung aus dem Ausland wären sie nicht möglich gewesen. Welche Folgen die Attacken haben, erklärt er im stern.de-Interview.

Herr Wagner, eine Serie von Anschlägen hat Indien erschüttert, mindestens 100 Menschen sind getötet worden. Wer steckt Ihrer Meinung nach hinter den Anschlägen?

Wir hatten bereits in den vergangenen Monaten eine Reihe von kleineren Anschlägen. Die Angriffe jetzt haben aber eine ganz neue Qualität. Sie zeigen die Probleme, die Indien mit der muslimischen Minderheit hat.

Derzeit leben rund 150 Millionen Muslime in Indien, eine Bevölkerungsgruppe, in der es auch Radikalisierungstendenzen gibt. Der wirtschaftliche Aufschwung des Landes in den vergangenen Jahren ist an ihnen vorbeigegangen. Die Muslime sind schlechter gestellt, was Bildung, Wohlstand und die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs betrifft.

Diese Situation hat islamistische Gruppierungen hervorgebracht. Das Neue ist, dass sie nicht mehr von Kaschmir aus agieren, sondern sich in Indien selbst entwickeln. Dadurch bekommen die Anschläge eine ganz neue Dimension.

Eine ganz neue Dimension ist auch, dass gezielt Amerikaner und Briten als Geiseln genommen wurden.

Genau. Die Gruppierungen in Indien verfolgen natürlich die internationale islamistische Propaganda gegen Amerika und den Westen, deshalb stürmt man auch westliche Hotels. Das bringt deutlich mehr Aufmerksamkeit.

Sind die Anschläge also eher ein Auswuchs innerindischer Probleme und nicht ein neuer Höhepunkt des internationalen Terrorismus?

Ja, das würde ich so sehen. Die Forderung nach einer Freilassung aller in Indien inhaftierten Islamisten deutet genau darauf hin. Zudem wollen sich die Attentäter für die Zerstörung der Moschee in Ayodhya 1991 rächen - auch ein klassisch indisches Problem. Es besteht zudem zu befürchten, dass es in den kommenden Tagen zu weiteren Anschlägen, zu Racheakten von hinduistischen Extremisten kommt.

Überraschend ist auch, dass es sich offenbar um sehr junge Attentäter handelt, die zum Teil auch Studenten sein sollen.

Ja, es gibt seit längerem eine studentische Gruppierung, die Students Islamic Movement of India (Simi). Die Organisation hat in der Vergangenheit schon kleine Anschläge verübt. In dieser Größenordnung aber noch nicht. Ob sie hinter den Angriffen auf die Hotels steckt, ist auch noch unklar. Die Größe des Anschlags zeigt, dass die Attentäter Verbindungen zu Terror-Gruppen Pakistan und Bangladesh haben müssen, sonst ist eine solche Serie von Angriffen logistisch gar nicht machbar. Dazu wären die islamistischen Gruppen in Indien alleine nicht in der Lage.

Die in Pakistan agierenden Terroristen unterstützen die Islamisten in Indien wahrscheinlich mit großer Freude.

Natürlich, es wird jeder unterstützt, der in Ansätzen die gleichen Ziele, die gleiche Ideologie hat. Die Hilfe zeigt aber auch, wie verworren die Situation ist: Man greift die Amerikaner und Briten an. Das ist das islamistische Moment, wie es al Kaida vertritt. Dabei verfolgt man eigentlich innerindische Ziele.

Was kann Indien tun?

Das Problem kann nicht schnell gelöst werden, dazu ist das Kind zu tief in den Brunnen gefallen. Die wirtschaftliche Situation der Muslime lässt sich von heute auf morgen nicht verbessern. Da müsste die Politik sehr viel mehr tun. Und die Frage ist, ob sich solche radikale Gruppen davon überhaupt beeindrucken ließen.

Hinzu kommt, dass im kommenden Jahr in Indien Wahlen stattfinden. Sicherheit wird dabei natürlich ein zentrales Thema sein und nicht unbedingt die wirtschaftliche Situation der muslimischen Minderheit.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Indien ähnlich politisch instabil wird wie Pakistan?

Das ist natürlich ein Ziel der Attentäter. Aber die pakistanische Regierung hat schon deutlich gemacht, im Kampf gegen den Terrorismus mit Indien sehr eng zusammenzuarbeiten. Dass Indien wirklich politisch destabilisiert wird, davon ist nicht auszugehen. Das wäre ein Worst-Case-Szenario.


Interview: Marcus Gatzke