HOME

Anschlag auf internationales Hilfsteam: Der Tod kam mit den Taliban

Sie kamen als Helfer und wurden von den Taliban wegen "Spionage" ermordet: Im Nordosten Afghanistans sind mehrere Ärzte einer christlichen Organisation erschossen worden, unter den Opfern ist auch eine Deutsche.

Ihre Hilfe für die Afghanen bezahlten sie mit dem Leben: Taliban-Kämpfer haben im Nordosten des Landes eine Deutsche, sechs Amerikaner und zwei Afghanen erschossen, die für eine Augenklinik arbeiteten. Ein weiterer ausländischer und zwei afghanische Mitarbeiter der Augenklinik seien ebenfalls erschossen worden, sagte der Polizeichef der Provinz Badachschan, Agha Nur Kentus.

Die Opfer arbeiteten nach Angaben der Polizei für die Augenklinik Noor in Kabul. Sie gehörten zur christlichen Hilfsorganisation International Assistance Mission (IAM). Sie hätten in der Region medizinische Hilfe geleistet. Offiziell bestätigen könne IAM den Tod aber erst nach einer vollständigen Untersuchung.

Die Bundesregierung hat am Samstag bestätigt, dass es sich bei einem Opfer um eine Deutsche handele. Nach Informationen von stern.de war das Team am 22. Juli in Faisabad aufgebrochen, Hauptstadt der ruhigen Provinz Badachschan. Sie hatten vor, Richtung Süden in das Dorf Naw zu fahren, sowie die Dörfer Istewe und Fruns ganz im Norden von Nuristan, einer weitaus gefährlicheren Provinz, zu besuchen.

Täglich eine Verbindung in die Zentrale

In Naw sind sie am 28. Juli angekommen und haben täglich via Satellitentelefon mit ihrer Zentrale in Verbindung gestanden. Wegen der sintflutartigen Regenfälle in den vergangenen Wochen mussten die Helfer ihre Fahrzeuge zurückgelassen und waren vermutlich mit Pferden weitergezogen. Anschließend sind sie für fünf, sechs Tage in den Dörfern Istewe und Fruns geblieben. Danach ist das Team nach Naw zurückgekehrt, von wo aus es zum letzten Mal am 4. August mit der Kabuler Zentrale Kontakt hatte. Da die Morde am Morgen des 6. August gemeldet wurden, geht die Polizei davon aus, dass das Team vermutlich am 5. August entführt und erschossen wurde.

Für Verwirrung hatte zunächst der Polizeichef der Region gesorgt, da er von sechs getöteten Deutschen, zwei Amerikanern und zwei Afghanen gesprochen hatte. Nachdem die Leichen geborgen waren, korrigierte er seine Angaben. Kentus sagte, ein Afghane aus der Gruppe, der den Überfall überlebte, habe sich zur Polizei durchgeschlagen. Die Leichen seien neben den Geländewagen der Opfer gefunden worden.

Taliban finden angeblich Spionagedokumente

Die Taliban bekannten sich zu der Tötung der Helfer. Ein Sprecher der Aufständischen sagte der Nachrichtenagentur DPA per Telefon, es habe sich um "christliche Missionare" gehandelt, die Geheimdienstinformationen in der Gegend gesammelt hätten. "Wir haben Spionagedokumente bei ihnen gefunden." In der Region sind neben Aufständischen auch kriminelle Banden aktiv. Die IAM sagte, sie hoffe nicht nach 44 Jahren im Land die Arbeit einstellen müsse. Die deutsche Christoffel-Blindenmission, die mit der IAM zusammenarbeitet, will ihre Projekte in dem Land zunächst aussetzen.

Die Bundesregierung verurteilte den "feigen Mord" und forderte die Bestrafung der Täter. Der Vorfall unterstreiche die Notwendigkeit, "weiter zielstrebig auf eine Stabilisierung der Lage in Afghanistan hinzuwirken", sagte Vize-Regierungssprecherin Sabine Heimbach.

"Lage noch immer schwierig und gefährlich"

Unions-Fraktionschef Volker Kauder sagte, der brutale Akt zeige, dass die Lage in Afghanistan noch immer schwierig und gefährlich sei. "Die afghanische Polizei muss nun alles daran setzen, um die Täter dingfest zu machen und zu bestrafen. Zugleich muss daran gearbeitet werden, dass die Afghanen die Sicherheit in ihrem Land garantieren können." Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin forderte die Bundesregierung auf, klar zu machen, woran sie bis zum Abzug der internationalen Kampftruppen 2013/2014 in Afghanistan interessiert sei - "an zivilem Aufbau, an Polizeiausbildung - und zu welchen Bedingungen sie einen politischen Kompromiss mit den Taliban schließen" wolle.

Christoph Reuter/nik/DPA/DAPD / DPA