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Anschlagsversuch in den USA: Die Geschichte des Modellbaubombers

Er wollte das Pentagon in die Luft sprengen - und verriet seinen Plan ausgerechnet einem Undercoveragenten des FBI. Jetzt wurde der selbsternannte "Emir" von Massachussets verhaftet.

Von Manuela Pfohl

Gestern war nicht Rezwan Ferdaus Tag. Dabei sah es noch am Morgen so gut aus. Der 26-Jährige aus Ashland in Massachussets hatte endlich die rund zwölf Kilo Plastiksprengstoff bekommen, die er bestellt hatte. Auch die sechs vollautomatischen Sturmgewehre und etliche Granaten waren eingetroffen. Damit hatte der Physiker nach fast anderthalb langen Jahren Vorbereitungszeit alles beisammen, was er brauchte, um sein großes Ziel zu erreichen: erst das Pentagon und das Capitol in die Luft zu sprengen, dann so viele Leute wie möglich zu erschießen und schließlich in die Geschichte des islamistischen Terrors einzugehen. Doch dann klingelte es an der Tür und einige Herren vom FBI erklärten ihm, er sei vorläufig festgenommen.

Am Donnerstagmorgen sagte US-Justizministerin Carmen Ortiz auch, warum. Ferdaus stehe im Verdacht, aus einem religiösen Hass heraus Gewaltakte gegen die USA geplant zu haben. Eine ernsthafte Gefahr habe allerdings zu keiner Zeit bestanden. Denn Ferdaus hatte im Januar 2011, etwa ein Jahr nachdem er den Plan zum "Jihad" gefasst hatte, ausgerechnet einen Undercoveragenten des FBI ins Vertrauen gezogen. Der hatte ihm erzählt, er habe gute Kontakte zu Mittelsmännern von al-Kaida und könne bei dem Vorhaben behilflich sein. Tatsächlich ging er mit viel vermeintlichem Elan an die gemeinsame Umsetzung der Verschwörung und berichtete den US-Terrorismusbekämpfern gleichzeitig regelmäßig vom Stand der Dinge.

"Mitten im Chaos feuern wir in die Massen"

Glaubt man den eidesstattlichen Erklärungen des verdeckten Ermittlers, dann begann Rezwan Ferdaus, der gerade sein Studium der Physik an der Northeastern Universität mit dem Diplom abgeschlossen hatte, schon 2010 damit, seinen Plan umzusetzen. Er besorgte sich zunächst Handys, die er so umbaute, dass sie per GPS als Auslöser für Sprengsätze funktionieren. Im Januar 2011 gibt er dem Undercover-Kumpel die Telefone, auf dass dieser sie an die Al-Kaida-Jihadisten im Irak weiterreiche. Dort sollen die Geräte dazu verwendet werden, US-Soldaten zu töten. Ein kleines Geschenk an die Brüder im Geiste und nur der "Einstand" für den eigentlichen Anschlag auf das Pentagon, den Ferdaus schon Monate zuvor ausgetüftelt hatte.

Dabei sollen mit Sprengstoff gefüllte Modellflugzeuge ebenfalls per GPS in das Headquarter der US-Landesverteidigung gesteuert werden. "Mit diesem Angriff können wir es effektiv schaffen, wichtige Bereiche des Pentagon zu zerstören und dann, mitten im Chaos, wenn die Leute versuchen zu fliehen, feuern wir in die Massen", schildert der Attentäter in spe dem FBI-Mann begeistert das geplante Szenario.

Doch damit nicht genug. Im April 2011 hegt Ferdaus Expansionspläne und überlegt offenbar, auch gleich noch das Capitol zu attackieren. In seiner eidesstattlichen Erklärung gibt der Undercoveragent jedenfalls zu Protokoll, Ferdaus habe zu diesem Zeitpunkt jede Menge Zeugs gesucht, im Internet bestellt und schließlich gekauft, was er brauchte, um sein Vorhaben umzusetzen. Bei einem Treffen im Mai habe Ferdaus ihm stolz die zwei Triebwerke, die detaillierten Angriffspläne und die Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Terrorcoup gezeigt.

Ein Physiker will Terrorchef werden

Es ist die Zeit, in der Ferdaus sich offenbar massiv in seine Angriffspläne steigerte. In Gesprächen, die die Ermittler aufzeichnen, redet er immer wieder von der "großen psychologischen Wirkung" eines Anschlags gegen die Feinde Allahs. Er sagt: "Ich kann einfach nicht mehr aufhören, es gibt keine andere Wahl für mich." Ferdaus macht nun keinen einzigen Schritt mehr ohne seine "Schatten" von den mehr als 30 beteiligten Anti-Terrorbehörden, die ihn im Blick haben.

Im Mai reist der Single-Terrorist von Boston nach Washington, DC, um seine Angriffsziele auszuspähen. Er macht den East Potomac-Park als ideales Startareal für seine Terrordrohnen aus. Zurück in Ashland ist er vollkommen aus dem Häuschen und erzählt seinem Kumpel, dass er den Plan erweitern will. Nicht nur ein Luftangriff soll das Pentagon erschüttern. Auch eine ganze Bodenoffensive steht an. Und Ferdaus will nicht mehr nur als "Ein-Mann-Terrorzelle" agieren, sondern gleich eine ganze Jihadistengruppe aufstellen. Mindestens sechs Personen mit automatischen Waffen bewaffnet, die in zwei Teams agieren, sollen an seinen Plänen beteiligt sein. Und weil er als neuer Terrorchef nicht mehr als Nobody das Kommando geben will, nennt er sich fortan "Emir" von Massachussets, was soviel heißt, wie "ich bin hier der Boss". Er packt seine kompletten Pläne auf einen USB-Stick, den er dem FBI-Agenten streng konspirativ zusteckt, damit der seine Kontakte zu den richtigen Vertrauenspersonen für den Job aktiviert.

Ein Schulungsvideo als Geschenk für Al-Kaida

Und wirklich: Die erste internationale Anerkennung scheint im Juni zum Greifen nah. Während eines Treffens berichtet ihm der Undercover-Islamist, eines der Handys, die er im Januar präpariert hatte, habe im Irak drei Soldaten getötet und vier oder fünf verletzt. Der "Emir" dankt Allah und das FBI seinerseits sichert auch diesen Gesprächsmittschnitt.

Wenig später beobachten die Ermittler, wie Ferdaus in Framingham, Massachussets unter falschem Namen ein Lager anmietet, wo er seine Flugzeuge präparieren und die restliche Ausrüstung zusammenstellen will. Im August berichtet der Polizeiagent seinen Vorgesetzten, dass die Modellflugzeuge inklusive der Fernbedienungen geliefert worden seien. Ferdaus macht einige Tests und ist ganz zufrieden. Deshalb fertigt er schließlich am 20. September ein Schulungsvideo an, das er dem FBI-Spezi gibt, und in dem anschaulich zu verfolgen ist, wie man einen Handyzünder bastelt. Er soll es den Al-Kaida-Brüdern zukommen lassen als Anregung für ihre Aktionen gegen US-Soldaten in Afghanistan.

Eine reichliche Woche später inspiziert der "Emir" mit dem FBI-Mann noch ein letztes Mal das gesammelte Arsenal. Mit der Lieferung der letzten Sturmgewehre und Granaten ist nun alles für den Big Bang da. Es ist Mittwoch, der 28. September. Minuten später wird der "Emir" verhaftet und Richard Deslauriers, Spezialagent des FBI in Boston erklärt: "Wir werden weiter fleißig arbeiten, um die Bürgerrechte aller Amerikaner zu schützen."

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