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Attacke auf Beck: "Tötet Schwule!"

Mit Entsetzen hat die Öffentlichkeit verfolgt, wie der Grünen-Politiker Volker Beck, ein bekennender Homosexueller, vor laufenden Kameras in Moskau verprügelt wurde. Für stern.de beschreibt ein Augenzeuge, was passiert ist.

Es ist Samstag, 14 Uhr Ortszeit in Moskau. Die Polizei sperrt den Zugang zum Grab des Unbekannten Soldaten an der Mauer des Kreml. Menschenrechtler und Schwulenaktivisten wollen dort Blumen niederlegen - aus Protest gegen die "Faschoisierung" der russischen Gesellschaft, wie sie sagen. Die Polizei hindert sie daran.

In diesem Moment rücken Dutzende Neonazis und ältere Frauen an. Sie rufen "Moskau ist nicht Sodom!" und "Tötet Schwule!" und greifen die Aktivisten an. Die Polizei nimmt Nikolaj Alksejew fest, Chef des Interessensverbandes Gay-Russia. Er hatte eine schwul-lesbische Konferenz in Moskau mitorganisiert, die mit einer Parade enden sollte. Doch die Moskauer Stadtverwaltung hatte die Parade verboten. Selbst die Blumen-Aktion ist ihr zuviel.

"Russland von Homosexuellen befreien"

Nach Rangeleien mit der Polizei und der aufgebrachten Menge ziehen die Aktivisten zum Moskauer Bürgermeisteramt weiter. Dort hat sich bereits Nikolaj Kurjanowitsch postiert, Abgeordneter des russischen Parlaments und Mitglied des parlamentarischen Sicherheitsausschusses. Von Kamera-Teams und Rechtsradikalen umringt feuert er die Menge an: "Wir werden Russland nicht nur von Homosexuellen befreien, sondern von allen Seuchen, die in den letzten 15-20 Jahren unser Land überfallen haben." Jewgenija Debrjanskaja, eine lesbische Aktivistin, steht nur wenige Meter vor ihm entfernt und gibt Interviews. Kaum zwei Minuten vergehen bis sie von speziellen Einsatzkommandos der Polizei weggezerrt wird. Die Kommandos verhaften auch einige junge Frauen, die ihrer Meinung nach "lesbisch" aussehen. Zugleich versucht die Polizei, Rechtsradikale und Journalisten von dem Platz zu drängen. Vor allem Bildjournalisten werden massiv bedroht.

"Ist mir scheißegal"

Der deutsche Grünen-Politiker Volker Beck ist ebenfalls vor Ort und gibt gerade dem tschechischen Fernsehen und der ARD ein Interview, als ihn ein schwerer Faustsschlag ins Gesicht trifft. Die Polizei zerrt ihn aus der Menge und zwingt in einen Bus. Beck wird von einem Polizisten getreten. Der Einsatzleiter, ein Oberst des russischen Innenministeriums, reagiert auf die Information, dass seine Kräfte gerade einen deutschen Abgeordneten verhaftet haben, mit den Worten: "Das ist mir scheißegal". Beck blutet im Gesicht und muss mindestens zwei Stunden im Polizeibus verbringen, ohne medizinische Hilfe oder diplomatischen Beistand. Dem Deutschen geht es nicht viel besser als einem Reporter der russischen Internetzeitung "Gazeta", der von der Polizei festgenommen, geschlagen und gezwungen wird, die Fotos auf seiner Kamera zu löschen. "Die Demokratie endet in meinem Bus", höhnt einer der Polizisten, so die "Gazeta". "Ihr könnt Euch beschweren, wo ihr wollt."

"Die Lage ist ruhig"

Russische Nachrichtenagenturen melden, dass es überall in der Stadt zu heftigen Zusammenstößen kommt: auf der Twerskaja Strasse, vor dem Gebäude der Duma, vor dem Bürgermeisteramt, in zahlreichen zentralen U-Bahn-Stationen, auf dem Puschkin-Platz. Nach Angaben der russischen Medien werden rund 100 Rechtsradikale sowie 50 Teilnehmer der ursprünglich geplanten schwulen Parade festgenommen. Gegen 16 Uhr räumt die Polizei den Platz vor dem Bürgermeisteramt. Gegen 17 Uhr meldet sich dann Sergej Zoj, der Pressesprecher des Moskauer Bürgermeisters, zu Wort. Er sagt der Nachrichtenagentur Interfax wörtlich folgendes: "Die Lage in der Stadt blieb ruhig, sie ist unter vollen Kontrolle der Stadtverwaltung… Die Zahl der kriminellen Taten war normal für ein Wochenende. Die Polizei hat sehr professionell gearbeitet… Nichts hat die Ruhe der Menschen gestört."

Beck kann sich von Arzt der deutschen Botschaft in Moskau behandeln lassen - und wird schließlich freigelassen. Verletzt fährt er in sein Hotel.

Der Augenzeuge ist der Redaktion des stern bekannt - er will aus Gründen des Eigenschutz nicht, dass sein Name veröffentlicht wird

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