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AUSLAND: Heimat Hölle

Sie brauchen den Berg und sie hassen ihn: die Menschen am Ätna. Europas aktivster Vulkan herrscht über Sizilien. Gleichermaßen fasziniert und verängstigt blicken die Sizilianer auf ihren feuerspeienden Berg. Er spendet fruchtbare Erde - und droht jetzt wieder mit Vernichtung. Aus stern Nr. 31/2001.

Das Unheil rückt näher. An der Südseite des kochenden Kolosses begleitet sanftes Klirren herausgeschleuderter Brocken den Weg des rauchenden Lavastroms ins Tal. Wenn er Nicolosi erreicht, werden sich die ersten Häuser in der brodelnden Feuermasse wie Kekse in heißer Milch auflösen.

Wenn die Lava kommt, schultern die Gläubigen am Ätna seit Jahrhunderten wundertätige Marienbilder oder Statuen ihrer Heiligen und tragen sie der Naturgewalt entgegen.

In Nicolosi ist die »Chiesa Madre« überfüllt. Priester Don Carmelo schreitet mit dem Kreuz Jesu aus der Kirche. Hinter Don Carmelo geht Monsignore Salvatore Pappalardo, Bischof von Nicosia, der aus Nicolosi stammt und seiner alten Heimat unbedingt beistehen will. Er hält die Monstranz mit der Hostie hoch. Etwa 400 Gläubige folgen. Zwei Frauen sprechen Gebete. Die Menge wiederholt die Worte: »Ob unser Leben lang oder kurz ist, Dein Wille geschehe. Ob es uns gut geht oder schlecht, Dein Wille geschehe.« Die Menge umrundet die Piazza. Als die Prozession wieder vor der Kirche ankommt, hält der Bischof dem Ätna die Monstranz entgegen. Stille. Andacht.

Mittlerweile stehen mehr als 800 Menschen dicht gedrängt auf der Piazza. Die älteren Frauen bewegen mit ihren bunten Fächern die schwere Luft. Seitlich der Kirche ist der Ätna zu sehen. Eine Rauchwolke steigt empor, rot glühende Lava fließt den dunklen Berg hinunter. Auf dem Gipfel schleudert der Vulkan ununterbrochen Feuer heraus.

Glaube kann Berge versetzen

Zum Schluss der Prozession knien alle nieder und schlagen das Kreuz. Glaube kann Berge versetzen, heißt es. Alle auf Sizilien wissen, dass die großen Ausbrüche des Ätna Monate dauern können. Dass er so großflächig wie rasant Leben vernichten kann und dass seine Tollheiten selbst mit modernster Technologie nicht vorhersagbar sind; der Ätna ist einer dieser Berge, denen das Inferno innewohnt. 1669, bei einem der schlimmsten Ausbrüche, gab es 20000 Tote. Die Menschen in der Provinz Catania leben mit diesem Risiko. In den vergangenen Jahren siedelten sich hier viele junge Familien an, obwohl keine Agentur bereit ist, ihnen ihre Häuser und Grundstücke für den Fall einer Eruption zu versichern. In einem Paradies auf Zeit im Angesicht der Hölle.

Die Furcht vor der Lava schweißt die Menschen zusammen. Diesmal aber sind sie stocksauer. Die Bagger, sagen sie, würden an den falschen Stellen die Schutz-wälle auftürmen. Die Verantwortlichen des Naturschutzgebietes »Parcodell? Etna« hätten

mehr Einfluss auf die getroffenen Rettungsmaßnahmen als die Bürger von Nicolosi. Besitzer von Restaurants weit oben am Berg fühlten sich allein gelassen, als die Lava ihre Grundstücke zerstörte.

Nun laufen sie durchs Dorf, sammeln Unterschriften. Mehr als 600 der 5000 Einwohner unterstützen sie. Matteo Laudani ist einer der Initiatoren der Bewegung. Er bläst die Backen auf, als wäre er selbst ein kleiner Vulkan: »Die haben alle keine Ahnung vom Ätna. Wir kennen ihn, sie simulieren nur am Computer.« Laudani und seine Mitstreiter fordern, dass die Vulkanologen und der Zivilschutz endlich auf die erfahrenen Bergführer hören.

Bürgerinitiative findet Gehör

Die Bürgerinitiative findet Gehör. Am nächsten Morgen treffen einige von ihnen Franco Barberi. Der Leiter des Krisenteams und Vulkanologe hat kaum geschlafen. Auf seinem Schreibtisch quellen zwei Aschenbecher über. Barberi erklärt, warum er den Lavastrom nicht mit einer Sprengung in ein vorbereitetes Bett umleiten kann. Wie 1992 in Zafferana Etnea. »Das lag in einem Waldstück, in dem kein Mensch lebte«, sagt Barberi. »Jetzt würden wir mit so einer Aktion die Nachbardörfer von Nicolosi in Gefahr bringen.« So etwas verbietet ein Gesetz von 1669.

Im Ortszentrum von Nicolosi sind immer wieder Explosionen zu hören. Gase entweichen, dunkle Wolken trüben den Himmel. Auf der Piazza läuft ein fettleibiger Typ in einem blauen Leibchen herum. Darauf steht in weißer Schrift: »disaster manager«. Der Mann, der die Katastrophe bewältigen soll, heißt Alfio Borzi. Er ist Vermessungstechniker und versichert: »Es gibt keine Panik.«

Was er nicht erzählt: Alle sind vorbereitet. Haben sich Kartons, Taschen und Koffer besorgt. Wertsachen an sicher gelegenen Orten deponiert. Mit gutem Grund: Die italienische Regierung hat mittlerweile den Notstand für die Region ausgerufen.

Zum ersten Mal Angst

Im Norden von Nicolosi an der Via Etnea wohnt Familie Zappala. Vor einem Jahr eröffnete sie das Restaurant »Titanic«. Das Ehepaar steht am Eingang der Terrasse und kehrt den Lavasand auf. Zum dritten Mal an diesem Tag. »Ich habe zum ersten Mal Angst«, gesteht die Signora.

Ihren Mann treibt weniger die Furcht vor dem Magma als die Wut auf die Polizei um. Am Samstagabend haben die Behörden eine weitere Absperrung installiert. Etwa 150 Meter vor dem »Titanic«. Zwei Bankette mit 150 Gästen fielen aus.

Ständig kommen Schaulustige vorbei. Trotz der vielen Absperrungen. Für die Sizilianer ist es Volkssport, einen »Permesso«,

einen Erlaubnisschein, zu bekommen. Sie säumen die Straße SP 92 zum Ätna, mit Feldstechern, Fotoapparaten und Videokameras. Der Ätna-Tourismus behindert die Rettungsmaßnahmen. Krisenmanager Barberi appelliert an die Bevölkerung, zu Hause zu bleiben.

Es ist wieder Nacht und die Erde schläft noch immer nicht. Die Bewohner von Nicolosi hoffen. Und bleiben. Sie werden ihr Hab und Gut erst verlassen, wenn die todbringende Glut unmittelbar vor der Haustür brodelt. So halten es die Menschen am Ätna seit Jahrtausenden.

Giuseppe di Grazia

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