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Australien: Von der Frau, die nie geboren werden wollte

In Australien geht eine junge Frau gegen den Arzt vor, dem sie ihre Geburt verdankt. Ihr Leben hätte es eigentlich nicht geben sollen, sagt sie.

Alexia Harriton ist 24 Jahre alt und schwerstbehindert: Sie ist von Geburt an gehörlos, blind und pflegebedürftig. Dass sie lebt, verdankt sie einem Arzt, der ihre Mutter Olga während der Schwangerschaft betreut hat. Diesen verklagt sie nun - weil sie lebt. Er habe ihrer Mutter Olga trotz einer Rötelninfektion zur Geburt geraten, sagt sie heute. Die Krankheit war vom Arzt nicht erkannt worden. Die Mutter der Klägerin behauptet, sie hätte abgetrieben, wenn sie von der drohenden Behinderung ihres Kindes gewusst hätte. Nun muss sich der Oberste Gerichtshof Australiens mit der Frage auseinandersetzen, ob der Tochter eine Kompensation zusteht für ein Leben mit der Behinderung.

"wrongful life"-Urteile

Auch in Deutschland sind solche Klagen bekannt. Schon 1983 hat den Bundesgerichtshof die Frage beschäftigt, ob ein Arzt einem Behinderten Schadenersatz zu zahlen hat, wenn er übersieht, dass die Mutter während der Schwangerschaft an Röteln erkrankt ist. Die Krankheit der Mutter führt in den meisten Fällen dazu, dass das Kind behindert zur Welt kommt. Derartige Prozesse um ein "wrongful life", ein falsches Leben, werden weltweit geführt. "Ich sollte eigentlich nicht leben", ist die seltsame Forderung des Klägers. Und: "Meine Pflicht ist, Leben zu erhalten", die Aussage des Arztes. Wer hat Recht?

Das deutsche Gericht entschied für keine der beiden Positionen, zumindest nicht direkt. Es gäbe "kein Recht des Einzelnen auf Nichtexistenz" urteilen die Richter. Damit konnte die schwerstbehinderte Frau auch nicht darlegen, der Arzt hätte sie in ihren Rechten verletzt mit der unterlassenen Abtreibung.

Andere Ansicht in Frankreich

Vor fünf Jahren wurde hingegen einem 17-Jährigen behinderten Jungen Schadensersatz zugesprochen. Die Ärzte hatten vor seiner Geburt eine Infektion der Mutter als ungefährlich für die Gesundheit des Kindes beurteilt. Das Kind kam jedoch behindert zur Welt: taub, fast blind, teilweise gelähmt und geistig behindert, genau wie Alexia Harriton.

Die australischen Richter stehen zweifellos vor einer schweren Entscheidung. Sie ist nicht nur juristisch höchst umstritten. Auch moralisch kostet jedes klare Für und Wider Überwindung.

sb
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