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Ayatollah Ali Chamenei: Der mystische Mullah

Er ist vermutlich der mächtigste Mann im Iran: Ayatollah Ali Chamenei, das geistliche Oberhaupt des Landes. Ohne ihn fällt in Teheran keine wichtige Entscheidung. Er ist der mächtige Mann hinter Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Und mit dessen Wiederwahl hat der oberste Führer auch seine eigene Position weiter gestärkt.

Von Benjamin Dierks

Mahmud Ahmadinedschad polemisiert, tobt, wütet und droht. Mit seinen öffentlichen Auftritten hat der Präsident sich als das Gesicht des Iran in das Gedächtnis der Welt gebrannt. Der Mann hinter ihm kann auch zornig werden, aber meist wählt er ruhigere Worte. Einem Orakel gleich gibt Ayatollah Ali Chamenei Hinweise auf die Richtung der iranischen Politik, und Heerscharen von Experten machen sich Gedanken, ob er den Präsidenten damit stärkt oder schwächt.

Dabei ist es der oberste religiöse und politische Führer, der die Geschicke des Iran bestimmt. Wenn einer die Entscheidung für ein Einlenken im Streit um das vom Westen kritisierte Atomprogramm trifft, dann wäre das Chamenei. Ihm untersteht die iranische Armee.

Staatsoberhaupt auf Lebenszeit

Chamenei spricht selten in der Öffentlichkeit, und wenn, dann nur zu besonderen Anlässen. Das soll ihm die Aura des Vermittlers geben, der in der Tradition des großen Vorgängers und Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Chomeini die Balance zwischen den verschiedenen politischen Lagern des Iran hält. Chamenei war einer seiner frühen Anhänger und gilt als Held der Revolution.

Chamenei verfügt nicht über das Charisma, das dem 1989 verstorbenen Chomeini anhing. Gleichwohl hat er sich ein enges Netzwerk aus Unterstützern in Armee, Revolutionsgarde und unter radikalen Klerikern aufgebaut, das seine Macht festigt. Und absetzbar ist er praktisch nicht, seine Position hält er auf Lebenszeit.

Politiker mit Allmachtsanspruch

Enorm an Einfluss hat er in seiner Amtszeit als Präsident gewonnen. Chamenei bekleidete das Amt von 1981 bis 1989 und baute die Rolle des obersten Führers daraufhin zu einer Allmachtsposition aus. Von Beginn an hatte der Sohn eines Klerikers aus Maschad seine Widersacher in den zahlreichen Machtpositionen des verstrickten iranischen Systems im Blick.

Viele Kleriker akzeptierten ihn nicht, weil er erst mit Amtsantritt den eigentlich notwendigen religiösen Titel Ayatollah verliehen bekam. Mit dem diesjährigen Kandidaten des Reformerlagers, Mir-Hussein Mussawi, verbindet ihn ein alter Zwist. Bereits als Präsident geriet Chamenei mit dem damaligen Ministerpräsidenten Mussawi aneinander, der den Rückhalt des Parlaments hatte.

Der Mann hinter Ahmadinedschad

Aber nicht nur der langjährige Rivale Mussawi verlor bei dieser Wahl, sondern auch dessen Hintermänner - wie etwa der einflussreiche ehemalige Präsident Haschemi Rafsandschani, der vor der Präsidentenwahl Mussawi unterstützte. Rafsandschani ist Vorsitzender des einflussreichen Expertenrats, der zumindest seiner Bestimmung nach den obersten Führer des Iran kontrolliert.

Auffällig früh bestätigte Chamenei nach der Wahl den Sieg Ahmadinedschads. Ebenso auffällig war es, dass der 79-Jährige im Wahlkampf den Präsidenten unterstützte. Ahmadinedschad mag nicht die wahre Machtposition haben. Doch mit ihm kann Chamenei seine Macht zementieren.

FTD