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US-Wahl 2020 "Lassen Sie mich meine Frage beenden!": Wählerin weist Trump bei Bürgergespräch zurecht

US-Präsident Donald Trump mit ABC-Moderator George Stephanopoulos im National Constitution Center in Philadelphia
US-Präsident Donald Trump mit ABC-Moderator George Stephanopoulos im National Constitution Center in Philadelphia, im US-Bundesstaat Pennsylvania
© Mandel Ngan / AFP
Das passiert dem US-Präsidenten auch nicht allzu oft: Als Donald Trump bei einem Bürgergespräch in Philadelphia eine Fragestellerin unterbrechen will, wehrt sich diese energisch.

US-Präsident Donald Trump hat in Philadelphia, im zwischen Republikanern und Demokraten hart umkämpften Bundesstaat Pennsylvania, an einem "Town Hall Meeting" teilgenommen. Bei diesem vom TV-Sender ABC News veranstalteten Zusammentreffen mit Bürgerinnen und Bürgern konnte auch das anwesende Publikum Fragen an den Präsidenten richten – allerdings nicht immer mit besonders viel Erfolg.

Trump widerspricht ersten drei Fragestellern

Gleich die ersten drei Fragen des Abends, die sich auf Trumps Umgang mit der Coronakrise bezogen, beantwortete der Präsident, indem er bereits ihre Prämisse von vornherein abstritt. "Ich fand, dass Sie mit der Antwort auf die Pandemie bis etwa zum 1. Mai gute Arbeit geleistet haben, dann haben Sie den Fuß vom Gaspedal genommen", meldete sich Paul Tubiana zu Wort, ein zuckerkranker, konservativer Republikaner, der 2016 Trump gewählt hat. "Warum haben Sie anfällige Menschen wie mich so im Stich gelassen?"

"Nun, das haben wir wirklich nicht, Paul. Wir haben sehr hart an der Pandemie gearbeitet", entgegnete Trump.

Die USA sind mit mehr als 6,6 Millionen Infizierten und fast 200.000 Toten das am schwersten von der Corona-Pandemie betroffene Land weltweit.

Die nächste Fragestellerin, Julie Bart, wollte vom Präsidenten wissen, warum er nicht häufiger einen Mund-Nasen-Schutz trage, und merkte an, dass Masken nach Aussage von Wissenschaftlern dabei helfen, die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen.

"Nun, ich trage sie, wenn ich muss und wenn ich in Krankenhäusern und an anderen Orten bin", antwortete Trump, obwohl er in der Öffentlichkeit so gut wie nie mit Mund-Nasen-Schutz auftritt.

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Dann fragte die Zuschauerin Ajani Powell Trump, warum er das Coronavirus heruntergespielt habe.

"Ja, nun, ich habe es nicht heruntergespielt. Eigentlich habe ich es in vielerlei Hinsicht hochgespielt, was das Handeln betrifft", antwortete Trump, obwohl er in einem Interview mit dem Journalisten Bob Woodward vom 19. März nachweislich sagte: "Ich wollte es immer herunterspielen. Ich spiele es auch immer noch gern herunter, weil ich keine Panik erzeugen will."

Trump will Zuschauerin ausbremsen

Besonders angespannt wurde die Atmosphäre im National Constitution Center, als sich die Dozentin Ellesia Blaque zu Wort meldete und Trump versuchte, sie zu unterbrechen. Blaque sprach Trump darauf an, dass er versuche, die von seinem Vorgänger Barack Obama eingeführte Erweiterungen des Krankenversicherungssystems "Obamacare" abzuschaffen, obwohl sie Menschen mit Vorerkrankungen eine Gesundheitsversorgung zu den gleichen Kosten wie allen anderen ermögliche.

Zunächst schilderte Blaque ihre Erfahrungen mit einer lebenslangen Krankheit, die sie jährlich fast 7000 Dollar an zusätzlichen Versicherungsbeiträgen koste. "Herr Präsident, ich wurde mit einer Krankheit namens Sarkoidose geboren, und vom Tag meiner Geburt an galt ich als nicht versicherbar", erzählte Blaque. "Diese Krankheit begann in meiner Haut, wanderte in meine Augen, in meine Sehnerven und, als ich die Graduiertenschule besuchte, in mein Gehirn."

Dann will Trump sie ausbremsen.

"Sollte die Regelung zu Vorerkrankungen, die Obamacare eingeführt, äh, zur Geltung gebracht hat – abgeschafft werden, ohne ...", sagte Blaque, als Trump ihr ins Wort fiel.

"No ...", setzte der Präsident an.

"Bitte hören Sie auf und lassen Sie mich meine Frage beenden, Sir", erstickte Blaque seinen Unterbrechungsversuch im Keim und setzte erneut an: "Sollte das abgeschafft werden, werde ich innerhalb einer Zeitspanne von 36 bis 72 Stunden ohne meine Medikamente tot sein."

Schließlich stellte sie dem Präsidenten ihre Frage: "Ich möchte wissen, was Sie tun werden, um sicherzustellen, dass Menschen wie ich, die hart arbeiten, wir machen alles, was von uns erwartet wird, versichert bleiben können. Es ist nicht mein Fehler, dass ich mit dieser Krankheit geboren wurde."

Trump hat "Obamacare" immer wieder als "Desaster" bezeichnet und sein Justizministerium hat den Obersten Gerichtshof der USA im Juni dazu aufgefordert, das Gesetz zu kippen. Sollte das geschehen, könnten fast 23 Millionen Amerikaner einschließlich Menschen wie Blaque, die bereits an Krankheiten leiden, ihren Versicherungsschutz verlieren.

"Es ist eine totale Katastrophe. Sie werden eine neue Gesundheitsversorgung bekommen, und der Aspekt der Vorerkrankungen wird immer in meinem Plan enthalten sein", antwortete Trump auf Blaques Frage und wiederholte damit sein schon mehrfach gegebenes Versprechen einer neuen Krankenversicherung. Den Plan dafür hat der Republikaner allerdings während seiner gesamten Amtszeit noch nicht veröffentlicht, trotz seiner Versuche, Obamacare abzuschaffen.

Das merkte auch Moderator George Stephanopoulos an: "Ich habe Sie im Juni letzten Jahres interviewt und sie sagten, der Plan für die Gesundheitsversorgung würde innerhalb von zwei Wochen kommen. In diesem Sommer haben Sie [Fox-News-Moderator] Chris Wallace erzählt, der Plan würde in drei Wochen kommen", hakte er nach.

"Ich habe ihn bereits. Ich habe ihn bereits", entgegnete Trump.

"Aber Sie haben ihn nicht vorgelegt", insistierte Stephanopoulos.

Die Debatte über die Krankenversicherung hat für viele Amerikaner auch in Hinblick auf die Präsidentschaftswahl im November höchste Priorität. Die USA sind praktisch das einzige entwickelte Industrieland ohne eine allgemeine staatliche Krankenversicherung. Selbst vor der Coronakrise waren rund 28 Millionen Menschen – fast jeder Zehnte im Land – nicht krankenversichert.

Quelle: ABC News


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