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China: Das (ganz) große Fressen

"Eine Revolution ist kein Festmahl", mahnte schon der Vorsitzende Mao. Chinas Funktionäre von heute haben seinen Spruch ins Gegenteil verkehrt: Sie genehmigen sich mitunter Menüs für 20.000 Euro - pro Person.

Von Ellen Deng, Peking

Sie sind die schlimmsten Schlemmer weltweit. Laut Chinas Statistischem Jahrbuch geben sie jedes Jahr 200 Milliarden Yuan (umgerechnet etwa 20 Milliarden Euro) für Bewirtung aus - bezahlt aus Steuergeldern. Hinzu kommen 400 Milliarden Yuan für luxuriöse Dienstwagen. Das sind insgesamt 20 Prozent des Staatshaushalts. Die Summe ist mehr als doppelt so hoch wie der Rüstungsetat und doppelt so hoch wie die Ausgaben zur Förderung der Landwirtschaft. Das Geld würde ausreichen, ein Jahrhundertprojekt wie den Drei-Schluchten-Staudamm zu finanzieren.

Ein Restaurant in der Stadt Hangzhou warb während des letzten chinesischen Frühjahrsfests für sein Neujahrsmenü, Preis laut Speisekarte: umgerechnet 19.800 Euro. Das entspricht 19 durchschnittlichen Jahreseinkommen von chinesischen Stadtbewohnern und gar 61 Jahreseinkommen, also mehr als dem Lebenseinkommen, von Landbewohnern. Zu den Gerichten gehörten die Seeschnecke Abalone (das Stück für umgerechnet 1000 Euro), Königshaifischflossen aus Luzon und Pu'er-Tee, der 50 Jahre gelagert wurde, um das Aroma zu verbessern. Wer genoss und bezahlte dieses Super-Luxus-Essen? Nicht Unternehmer, nicht Filmstars, sondern Beamte der örtlichen "Volksregierung". Und das behaupten nicht Regimekritiker, das berichtet die offizielle Nachrichtenagentur der Volksrepublik, Xinhua.

Machtkämpfe mit dem Stäbchen

Prasserei hat in China Tradition. Am Ende des 19. Jahrhunderts baute die Kaiserinwitwe Cixi im Nordwesten Pekings den Sommerpalast, die größte intakte Gartenanlage der Erde, nachdem sie mehr als fünf Millionen Silberstücke aus dem Militärhaushalt unterschlagen hatte. Ausgerechnet hier sind jetzt wieder einige extravagante Restaurants entstanden mit klingenden Namen wie "Dem Gezwitscher zuhören". Zu den Gästen gehören Tycoons, aber immerhin ein Drittel der Besucher sind Regierungsbeamte.

Chinesen lieben delikates Essen. Doch die verschwenderischen Gelage sind nicht nur Selbstzweck. Sie dienen dazu, "Beziehungen aufzubauen". Das hat in China Tradition. Chefs führen ihre Mitarbeiter zum Essen aus, um sich so deren Treue zu erkaufen. Mitarbeiter laden andererseits ihre Chefs ein, um eine bessere Position oder ein höheres Gehalt zu erreichen, oder einfach, um sich für einen Fehler in der Arbeit zu entschuldigen. Wer eine solche Einladung ausschlägt, sorgt in chinesischen Augen dafür, dass der Gastgeber "das Gesicht verliert". So überrascht es nicht, dass Offizielle ihre Machtkämpfe vor allem mit Stäbchen ausfechten.

Je betrunkener, desto besser

Yuan Yue, Präsident des großen chinesischen Marktforschungsunternehmens "Horizont", erklärt das so: "Wenn Politiker der unteren Ebene etwas auf einer höheren Ebene erreichen wollen, dann geht das nur über ein ausschweifendes Essen. Unternehmer laden Beamte ein, um Beziehungen mit ihnen zu entwickeln, und umgekehrt. Manchmal verköstigen die Staatsdiener aus alter Gewohnheit auch nur sich selbst. Alle sind verrückt nach Essen – auf Staatskosten."

Und nach Trinken. "Die Atmosphäre bei offiziellen Essen hängt von Menge und Qualität des Schnaps ab", kritisiert Vizedirektor Liu von der "Politischen Abteilung" der Polizei in der Stadt Liaoyuan. "Es gilt: Je betrunkener alle sind, desto besser." Da chinesische Offizielle keine Kenner sind, gilt ein hoher Preis als Qualitätsmerkmal. Eine Flasche Remy Martin Louis VIII wird auch schon einmal für umgerechnet 2000 bis 3000 Euro gereicht.

VSOP gegen Armut

Doch der Unmut wächst. Im vergangenen Sommer schickte die "Chinesische Stiftung für die Linderung der Armut" Freiwillige in den ärmlichen Qingxin-Kreis, um dort Schülern aus armen Familien zu helfen. Der Leiter der örtlichen Schulbehörde begrüßte sie mit einer Flasche VSOP. Die Helfer weinten vor Wut und meldeten den Vorfall der örtlichen Presse.

Auch auf der letzten Tagung des Volkskongresses in Peking wurde die Prasserei kritisiert. "Ein Verbot wird das Fressen und Saufen der Staatsdiener zur Geschichte werden lassen", deklamierte der Abgeordnete Zong Licheng. Andere Abgeordnete schlugen vor, Bewirtungsrichtlinien für Staatsbeamte einzuführen. Bis so etwas umgesetzt wird, dürfte aber noch Zeit vergehen. Während der Tagung war es schwer, in Pekinger Luxusrestaurants einen Platz zu finden: Sie waren für die Abgeordneten reserviert. Außer Spesen nichts gewesen?

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