Fall Marco W. "Ich werde für Fortdauer der Haft plädieren"


Marco W. und sein unheilvoller Urlaubsflirt mit Charlotte M.: Heute wird im Gericht in Antalya über den Fall verhandelt. stern.de hat vorher mit Charlottes Anwalt gesprochen. Ömer Aycan sagt deutlich, was er von einer vorzeitigen Entlassung Marcos hält.

Herr Aycan, Sie vertreten die Familie von Charlotte vor Gericht in Antalya. Ist der Fall bisher korrekt behandelt worden?

Es war ein ganz normales polizeiliches Vorkommnis. Bei der Tourismus-Dichte kommt so etwas in Antalya und Umgebung schon Mal vor. Die Polizei beziehungsweise Gendarmerie wurde eingeschaltet, die Mutter erstattete Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs. Vernehmungen wurden durchgeführt, amtsärztliche Gutachten erstellt. Die Akte ist komplett, das Verfahren wurde eröffnet. Die erste Gerichtsverhandlung fand am 8. Juni in Antalya statt. Die Öffentlichkeit war wegen des Alters der Beteiligten ausgeschlossen. Das wäre in Deutschland genau so verlaufen. Nun steht der zweite Gerichtstermin an. Bisher geht alles seinen rechtstaatlichen Gang.

Warum ist Marco nicht schon bei der ersten Verhandlung zumindest gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt worden?

Das, worüber hier verhandelt wird, ist weit mehr als ein kindlicher Flirt oder ein Spiel unter Kindern. Es gibt schwerwiegende Aussagen und Beweismittel in der Akte, die das Gericht wohl dazu bewogen haben, diese Entscheidung zu treffen. Wenn ich von den Richtern gefragt werde, werde ich für die Fortdauer der Haft plädieren.

Der Fall hat für ein großes Aufsehen und hitzige Diskussionen gesorgt. Was ist Ihrer Meinung nach bisher falsch gelaufen?

Die Details zu dem Verfahren hätten im Sinne aller Beteiligten den Gerichtssaal nie verlassen dürfen. Das ist nicht im Sinne von Marco und nicht im Sinne von Charlotte gewesen. Das hat allen geschadet. Dass Reporter ins Gefängnis durften, ohne vorher die Rechtsbeistände oder die Eltern kontaktiert wurden, ist nicht hinnehmbar. Dass Medien die im Gefängnis produzierten Beiträge und Fotos in der Türkei und in Deutschland veröffentlichen durften, macht mich fassungslos. Das macht uns alle zu Statisten. Marco und Charlotte, die den größten Schaden davon tragen werden, aber auch das Gericht und uns Anwälte.

Wie beurteilen Sie die Kritik insbesondere aus Deutschland an der Gesetzgebung in der Türkei?

Das türkische Strafgesetzbuch wurde 1926 direkt aus Europa übernommen. Die Reformen, die in den vergangenen Jahren auch unter dem Oberbegriff "EU-Anpassung" durchgeführt wurden, sind alle an die Gesetzgebung in Europa angelehnt. Im türkischen Strafgesetzbuch ist alles bis auf einige Details genau so geregelt wie in vielen europäischen Ländern. In Deutschland beträgt die Höchststrafe für denselben Tatbestand sogar zehn Jahre, in der Türkei nur maximal acht Jahre. Vor der Reform im Jahre 2005 wurden derartige Delikte wie sexueller Missbrauch von Kindern nicht so streng geahndet wie jetzt. Die Änderungen zielen insbesondere auf einen besseren Schutz von Kindern und Minderjährigen. Diese Änderungen wurden nicht nur auf Geheiß von der EU durchgeführt. Seit Ende der 80er Jahre gab es Bestrebungen unter Juristen und anderen Teilen der Gesellschaft in der Türkei, diese Gesetzgebung zu reformieren. Die EU hat diesen Prozess beschleunigt.

Wofür ich gar kein Verständnis aufbringen kann: Viele in Deutschland versuchen, Marco zu retten, und machen dabei die Türkei zum Sündenbock!

Interview: Frauke Hunfeld und Metin Yilmaz

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