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Flucht: Punkt für Saddam

Dass sich Saddam Hussein im Überlebenskampf für nichts zu schade sein soll, ist für viele Iraker ausgemachte Sache. Der Ex-Diktator gilt als Meister des Lebens auf der Flucht. Aus Enttäuschung über die USA ist sogar ein Gesinnungswandel zu beobachten.

Seit vier Monaten ist Saddam Hussein auf der Flucht und narrt seine Verfolger offenbar ein ums andere Mal. Vor dem Fall Bagdads am 9. April hatte sich der 66-Jährige aus dem Staub gemacht und danach nur noch mit gelegentlichen, ihm zugeschriebenen Tonbandaufzeichnungen von sich hören lassen. Während US- Eliteeinheiten den Ring um den gestürzten Staatschef offensichtlich immer enger ziehen, ist bei vielen Irakern ein Gesinnungswandel zu beobachten. Aus Enttäuschung über die Besatzungsmacht, Mitleid mit dem Schicksal des Ex-Präsidenten und aus der arabischen Tradition heraus, jemandem in Not zu helfen, würden ihm heute vielleicht sogar entschiedene frühere Gegner Unterschlupf gewähren.

25 Millionen Dollar Belohnung

25 Millionen Dollar haben die USA für die Antwort auf die Frage ausgelobt, wo sich der Ex-Diktator versteckt hält. Der orientalische Gerüchtebasar treibt dabei die absonderlichsten Blüten. "Saddams Bekannter war der Schönheitschirurg Alaa Baschir. Saddam hat ein neues Gesicht", sagt der frühere Staatsangestellte Kadim. Eine andere Version: Saddam Hussein reist harmlos mit seinem jüngsten Spross, dem 17-jährigen Ali, als Vater und Sohn durch die Gegend.

Der entmachtete Präsident gilt als Meister des Lebens auf der Flucht. Er wuchs im Elend einer Lehmhütte auf und tauchte später, zwischen 1964 und 1968, mehrfach in den Untergrund ab. Nachdem Saddam 1979 Präsident wurde, so hieß es in den vergangenen Jahren immer wieder, soll er nie mehr als vier Stunden im selben Quartier geschlafen haben. Davon scheint auch die US-Armee auszugehen, wie der Äußerung eines ihrer Sprecher unlängst in Tikrit zu entnehmen war.

Dass sich Saddam im täglichen Überlebenskampf angeblich für nichts zu schade sein soll, ist für viele Iraker ausgemachte Sache. So glaubt man, er könnte mit dem typischen Kopftuch der Bauern auf dem Feld stehen oder mit einem der neuen Minibusse quer durch die Fünf-Millionen-Metropole Bagdad fahren oder sogar vor einer Moschee betteln.

Die Schlinge wird enger

Dennoch dürfte es nach Ansicht von Beobachtern für Saddam Hussein "eng" werden. Einerseits haben US-Elitesoldaten einige seiner langjährigen Leibwächter, wie zuletzt vor einer Woche Adnan el Musslit, geschnappt. Zwar waren diese Leibwächter für Saddam eher ein Hindernis, weil ihre Gesichter zu bekannt waren, andererseits wissen sie wahrscheinlich, wo der Ex-Diktator seine vielen Unterschlupfmöglichkeiten hatte.

Auch auf den engeren Kreis seiner Familie kann sich der flüchtige Diktator vermutlich nur noch bedingt verlassen. Seine beiden ältesten Söhne Udai und Kusai sind tot, seine Halbbrüder sitzen in Haft, sein Cousin Nawaf el Saidan hat mit hoher Wahrscheinlichkeit die Söhne verraten und der andere Cousin, Maher Sufian el Tikriti, soll den Fall von Bagdad zu verantworten haben. Er war Privatsekretär von Kusai und damit zweiter Mann in den Eliteeinheiten der Republikanischen Garde. Trotz seiner hohen Position steht er nicht auf der Liste der 55 meistgesuchten Iraker und soll inzwischen in den USA leben.

Zwischen Bagdad und Tikrit

Viele Iraker glauben, dass sich Saddam irgendwo zwischen Palmen, Büschen und Feldern im grünen Gürtel zwischen Bagdad und seiner Heimatstadt Tikrit aufhält. Ihm könnten dort loyale Mitglieder seines Bu-Nasir-Stammes helfen, aber auch einfache Bauern, bei denen er an die Tür klopft - ungeachtet der Tatsache, dass seine 25-jährige Herrschaft eine Blutspur quer durch das Zweistromland gezogen hat.

Ziad Haris und Hans Dahne / DPA
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