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Flüchtlinge im türkischen Gaziantep: Zwölf Stunden Walnüsseknacken für 1,50 Euro

Die meisten syrischen Flüchtlinge leben in der Türkei und die meisten von ihnen verdingen sich als schlecht bezahlte Tagelöhner. Wochenlöhne von 17 Euro sind keine Seltenheit, das muss für Miete, Strom und Essen reichen.

Von Niels Kruse, Gaziantep

Die Straßen sind so ziemlich das einzige, was in Aktar kurz vor der Ringautobahn, die Gaziantip umgibt, fertig geworden ist. Der Vorort von Gaziantep wurde vor einigen Jahren aus dem Boden gestampft. Die allermeisten Häuser sind gerade einmal zu Dreiviertel fertig geworden. Dann kamen die syrischen Flüchtlinge und die Besitzer haben die Gelegenheit genutzt, um die Baustellen für nicht gerade wenig Geld an die Flüchtlinge zu vermieten.   

Die Straßen sind so ziemlich das einzige, was in Aktar kurz vor der Ringautobahn, die Gaziantip umgibt, fertig geworden ist. Der Vorort von Gaziantep wurde vor einigen Jahren aus dem Boden gestampft. Die allermeisten Häuser sind gerade einmal zu Dreiviertel fertig geworden. Dann kamen die syrischen Flüchtlinge und die Besitzer haben die Gelegenheit genutzt, um die Baustellen für nicht gerade wenig Geld an die Flüchtlinge zu vermieten.

 

Ein kurzes Zucken, dann knackt es in Amonias rechter Hand. Ihre müden Augen wandern hinüber zu ihrer Cousine, die ihr in dem abgedunkelten Raum gegenüber sitzt und ebenfalls mit bloßen Händen Walnüsse aufbricht. Ohne hinzuschauen pulen die Frauen die Kerne aus der Schale, werfen die Hülsen nach rechts, die Früchte nach links. So geht das den ganzen Tag. Zwölf Stunden lang. So lang, wie es dauert, einen 25-Kilo-Sack voll von Walnüssen zu entkernen. Auf dem Boden, neben den drei blauen Plastikwannen mit jeweils einer Metallplatte darauf, liegen verstreut die Nussschalen auf dem blau gemusterten Stück Stoff, der notdürftig als Teppich dient.

1,50 Euro für einen 25-Kilo-Sack

So sieht das neue Leben von Amonia und ihrer Familie aus, seitdem sie vor zwei Jahren aus Aleppo geflohen sind, hier her in einen unverputzten Rohbau in Güzelvadi, im Südosten von Gaziantep, keine Autostunde entfernt von der syrischen Grenze. Ihr Lohn für die Plackerei: fünf türkische Lira - 1,50 Euro. Einmal, so erzählt sie, "habe ich einen neuen Sack Walnüsse bekommen, den ich kurz im Treppenhaus abgestellt habe. Kurz darauf wurde er mir geklaut." 150 Euro war der Wert, "der Händler, der ihn angeliefert hatte, wollte, dass ich ihn ersetzte - nicht alles, aber ich sollte 120 Euro zahlen", sagt die 40-Jährige. Weil sie so viel Geld nicht hat, musste Amonia den Schaden abarbeiten.


Amonia, ihre vier Kinder und ihre Cousins und Cousinen gehören zu den knapp 2,5 Millionen Syren, die in der Türkei in den vergangenen Jahren Zuflucht gefunden haben - kein anderes Land hat so viele Flüchtlinge aufgenommen. Es gibt Orte in der Türkei, da leben mittlerweile mehr Flüchtlinge als eigentliche Bewohner, in der Grenzstadt Kilis etwa. Obwohl - was heißt schon Flüchtlinge? Anders als Iraker oder Afghanen gelten die Syrer als "Gäste" und werden auch so behandelt. Zumindest dann, wenn sie in einen der 25  Flüchtlingscamps leben.

Dies ist aber nur der kleinste Teil von ihnen, genauer: 270.000. Die anderen leben über ganze Land verstreut, auf dem Land oder in Städten wie in Gaziantep, einer der vielen türkischen Millionenstädte, in etwa so groß wie Hamburg. Je nachdem, wen man fragt, leben dort und im Umland zwischen 250.000 und 400.000 syrische "Gäste". Und sie müssen sich, wie die Einheimischen auch, auf dem freien Markt verdingen, ihre Mieten zahlen, Strom und Lebensmittel. Die alten Brüder und Schwestern aus dem Osmanischen Reich sind durchaus willkommen - auch als billige Arbeitskräfte. Umgerechnet 300 Euro pro Monat beträgt der Mindestlohn, doch den bekommt fast kein Syrer. Amonias ältester Sohn verdient in einer Textilfabrik gerade einmal 50 Lira, also 17 Euro, in der Woche.

Europa kostet 400 Euro - mindestens

Europa ist schon allein wegen ihrer Geldnot keine Option. Syrer, Iraker oder Afghanen, die darauf hoffen, dass in Europa ein besseres Leben wartet , der findet zwar überall Schlepper in der Türkei muss aber auch tief in die Tasche greifen. Eiskalt nutzen sie die Not der Menschen aus: Eine Schleuserfahrt gibt es ab 400 Euro, die teuerste, weil kürzeste Route kostet bis zu 1500 - pro Person versteht sich. Das kann sich hier in Güzelvadi, wo nicht einmal eine Handvoll Supermärkte um die wenigen Kunden buhlen, niemand leisten. 

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