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Folterskandal: "Barbarisch, brutal, britisch"

In London legte man bisher großen Wert darauf, nicht mit den Amerikanern verwechselt zu werden. Im Prozess gegen drei britische Soldaten wegen Misshandlungen von irakischen Zivilisten wurden nun schockierende Bilder öffentlich.

Nackte Iraker, die zu obszönen Gesten gezwungen werden - solche Bilder kannte man bisher nur aus dem amerikanisch geführten Gefängnis Abu Ghreib. Doch wer am Mittwoch auch nur flüchtig auf einen britischen Zeitungsstand blickte, dem konnte nicht entgehen, dass diesmal keine Amerikaner beschuldigt werden: "Britanniens Schande" stand da in riesigen Buchstaben. "Barbarisch, brutal, britisch" und - vielleicht am schlimmsten: "Großbritanniens Abu-Ghreib-Prozess".

Am schlimmsten deshalb, weil die Briten bisher großen Wert darauf legten, nicht mit den Amerikanern verwechselt zu werden. "Als wir die schrecklichen Bilder amerikanischer Soldaten bei der Misshandlung von Irakern im Abu-Ghreib-Gefängnis gesehen haben, haben wir alle gedacht, dass so etwas in einem britischen Lager nie passieren kann", schrieb am Mittwoch sogar die patriotische "Sun". "Wir haben uns getäuscht."

In London war man immer stolz darauf, im Irak eine "eigene Strategie" zu verfolgen: Zivilisierter, zurückhaltender, intelligenter gehe die Royal Army in dem Wüstenland vor, das ihr schon aus Kolonialtagen vertraut sei. Es war zwar nicht Premierminister Tony Blair, der das sagte. Aber jeder Offizier, mit dem man mal ohne Mikrofon sprach, sagte es.

Und nun dieser Prozess "in einer windgepeitschten, heruntergekommenen Kaserne, die einst Hitlers Wehrmacht diente" ("The Times"). Von morgens bis abends berichten die britischen Nachrichtensender aus "Osnabruck", wo sich drei in Deutschland stationierte Soldaten vor einem Militärgericht für Übergriffe im Mai 2003 verantworten müssen.

Noch ist das Urteil nicht gefällt. Doch die veröffentlichten Bilder - deren Echtheit niemand bestreitet - sind so abstoßend, dass sich der britische Generalstabschef Sir Mike Jackson am Dienstagabend zu dem beispiellosen Schritt gezwungen sah, noch vor Abschluss des Verfahrens eine Stellungnahme abzugeben. Er verwies darauf, dass nur eine "geringe Zahl" der 65.000 britischen Soldaten, die bisher insgesamt im Irak gedient haben, jemals solcher Übergriffe beschuldigt worden sei.

Doch das wird den Ansehensverlust der britischen Streitkräfte kaum begrenzen. Alle arabischen Sender haben die Bilder bereits ausführlich gezeigt. Britische Politiker befürchten, dass es nun noch mehr Anschläge auf die Soldaten im Irak geben wird.

Was die Briten nun wissen wollen, ist, ob hier einzelne Soldaten auf eigene Faust handelten oder ob sie von oben ermutigt wurden. Fest steht bereits, dass es die Anweisung gab, Iraker, die Hilfsgüter gestohlen hatten, "hart anzupacken". Falls da noch mehr herauskommt, könnte der Prozess von Osnabrück auch für Verteidigungsminister Geoff Hoon zum Problem werden.

Christoph Driessen/DPA / DPA