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Frankreich: Gegen die Unterwanderung der Republik

Von September an sind religiöse Symbole aus den Klassenzimmern verbannt. Das Gesetz sorgt für Aufruhr unter den Muslimen.

Von September an sind religiöse Symbole aus den Klassenzimmern verbannt. Das Gesetz sorgt für Aufruhr unter den Muslimen.

Ganz Frankreich kennt die Geschichte von Alma und Lila, Geschwistern aus dem Pariser Vorort Aubervilliers, die vor fünf Monaten vom Gymnasium flogen, weil sie im Unterricht ihr Kopftuch nicht ablegen wollten. Als Kompromiss hatte der Lehrer die diskreten "bandanas" empfohlen - flotte Tücher, die Hinterkopf und Ohren frei lassen. Aber nein, die jungen Damen, 16 und 18 Jahre alt, kamen weiter im "Hidschab", der von den frommen Mullahs geforderten Kopfbedeckung, die Haare, Hals und Ohren völlig verhüllt.

Talkshows statt Schulbank

Statt auf der Schulbank sitzen die Schwestern nun in Talkshows und beteuern unter Tränen, sie seien für ihre religiöse "Überzeugung" bestraft worden. In aller Eile ist ein Buch erschienen, in dem Alma und Lila von ihrem Märtyrerinnen-Dasein erzählen; sogar die renommierte "Le Monde" druckte lange Passagen ab.

Kein Thema bewegt die Franzosen derzeit so sehr wie der Kopftuch-Streit. Rektoren raufen sich die Haare, Frauenblätter entfachen Debatten, und eine von Präsident Jacques Chirac einberufene Kommission kam nach 17 Anhörungen von über 100 Wissenschaftlern und Religionsvertretern zu einem klaren Votum: In den Schulen solle das Tragen von "offenkundigen Zeichen einer religiösen oder politischen Zugehörigkeit" untersagt werden; einem dementsprechenden Gesetz stimmte am 10. Februar mit überwältigender Mehrheit die Nationalversammlung zu.

Verbannung religiöser Symbole betrifft alle Konfessionen

Die Verbannung religiöser Symbole aus den Klassenzimmern betrifft alle Konfessionen, große Kreuze oder die jüdische Kippa sind ebenfalls tabu. Hauptadressat ist indes der islamische Fundamentalismus - unter den zirka fünf Millionen Muslimen Frankreichs eine kleine, aber mächtige Bewegung. Deren Aktivisten traten zuletzt immer offensiver auf, forderten Geschlechtertrennung beim Turnen, Schwimmbäder für Mädchen und Betpausen während der Abi-Prüfung. Jüdische Schüler wurden von arabischen Kameraden gemobbt; Väter wollten ihre Töchter nicht von "gottlosen" Ärzten untersuchen lassen. Immer mehr Muslimviertel entstehen - an Freitagen, wenn die Gläubigen mangels Moscheen auf den Straßen beten, sieht es in manchem Pariser Bezirk fast wie in Kairo aus.

"Die Republik lässt sich nicht unterwandern", erklärte Premier Jean-Pierre Raffarin. Der Beifall ist ihm gewiss in einem Land, das die strikte Trennung von Kirche und Staat seit 1905 geradezu eifersüchtig verteidigt. Fast alle Intellektuellen befürworten diese Haltung, auch der Philosoph R?gis Debray, der jüngst eine Streitschrift mit dem Titel "Was uns der Schleier verschleiert" publizierte.

Die Entfernung des Kopftuchs aus den Klassenzimmern sei ein "Akt der Befreiung", schreibt der einstige Kampfgefährte Che Guevaras, die Schule sei "kein Ort für religiöse, sondern allein für wissenschaftliche Überzeugungen". Einem Staat, der dies nicht erkenne, drohe die "Balkanisierung".

Kaum Schlupflöcher im neuen Paragrafenwerk

Anders als die bisher eher laxen Laizitätsverordnungen, mit denen sich nur selten Schulverweise begründen ließen, bietet das im September in Kraft tretende Paragrafenwerk kaum Schlupflöcher. Die bislang gängige Ausrede, das Kopftuch sei ein "kulturelles" Kleidungsstück, wird in Zukunft jedenfalls nicht mehr gelten.

Die Durchsetzung der strengen Regeln freilich sorgt bereits heute für viel Konfliktstoff - überall im Land reklamieren Demonstranten mit Anti-Chirac-Transparenten eine "Identität durch den Schleier". Kritiker befürchten, das Kopftuch-Verbot werde Europas größte Muslim-Gemeinde noch stärker radikalisieren.

Tilman Müller / print