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Gerichtsmedizin: Wie eine Medizinerin die Toten identifizierte

Amy Mundorff hatte selbst nur knapp überlebt. Nach dem Anschlag brachten Kühllastwagen über Monate die Leichenteile zu der Medizinerin. Drei Jahre später sind erst 1.570 Opfer identifiziert.

Tausende Menschenleben sind am 11. September 2001 zerstört worden. Eine Frau hütete drei Jahre lang die Spuren, die die Opfer in den Trümmern des World Trade Center hinterließen: Hände, Füße, Schädel, kleinste Knochensplitter. Amy Mundorff untersuchte jedes Leichenteil. Die gerichtsmedizinische Anthropologin der Stadt New York war bei den Anschlägen selbst nur knapp mit dem Leben davongekommen.

Mundorff weiß, dass sie keines der Leben wiederherstellen kann, aber sie hat den Medizinern geholfen, die Opfer zu identifizieren. Und das erleichtert es den betroffenen Familien, mit diesem Ereignis fertig zu werden, glaubt sie. Trotzdem spürt sie eine Schuld - überlebt zu haben.

Erst 1.570 Opfer identifiziert

Sie gehörte zu einer Gruppe von Gerichtsmedizinern, die am 11. September am World Trade Center eintraf, als die Türme noch brannten. Als der erste einstürzte, wurde sie zwölf Meter durch die Luft geschleudert, brach sich zwei Rippen und schlug sich den Kopf auf. Zwei Tage später war sie wieder im Büro und begann sich durch die Überreste der 2.800 Opfer zu kämpfen. Drei Jahre später sind erst 1.570 Opfer identifiziert.

Nach dem Terroranschlag brachten Kühllastwagen über Monate die Leichenteile zu den Gerichtsmedizinern. Mit Plastikkittel, Handschuhen und Gesichtsmaske untersuchte Mundorff alle Teile, sortierte dabei auch Hühnerknochen aus, die vermutlich aus dem Restaurant stammten und zunächst für menschliche Knochen gehalten worden waren. Dann sortierte sie die menschlichen Leichenteile. Am Anfang kamen auch komplette Leichen, 291 waren es insgesamt. Aber das war manchmal zu viel für sie. "Am Anfang wollte ich nichts von diesen Menschen wissen." Erst später habe sie es geschafft, sich auch mit dem Leben der Personen zu beschäftigen.

In vielen Plastiksäcken waren auch sehr persönliche Dinge, wie Hochzeitsringe oder Fotos von den Kindern. Monatelang brach sie beim Öffnen der Säcke immer wieder in Tränen aus. "Hinter der Maske kann man herrlich weinen, ohne das irgendeiner etwas merkt", sagt sie. Sie arbeitete zwölf Stunden, sechs oder auch sieben Tage lang. "Manchmal wollte man einfach nur die Augen schließen", erinnert sich auch Woody Millword, ein inzwischen pensionierter Polizist, der mehrere Monate mit Mundorff arbeitete.

"Ich werde nie wieder so sein wie früher"

Die 1,55 Meter große Frau wusste sich immer an ihrem Arbeitsplatz durchzusetzen, auch gegen die bulligen Polizisten, und erteilte ihnen Befehle. Aber zu Hause brachte sie dann oft keinen klaren Satz mehr zu Stande, war mit den Nerven am Ende. Ihr Mann, den sie gerade ein Jahr zuvor geheiratet hatte, so sagt sie, habe ihr das Leben gerettet. "Ich habe ihm immer gesagt, ich werde nie wieder so sein wie früher."

Neun Monate lang durchsuchten die Rettungskräfte die 1,35 Millionen Tonnen Schutt nach menschlichen Überresten. 20.000 Leichenteile wurden geborgen, 6.000 davon passten jeweils in ein Reagenzglas. Einer Person konnten mehr als 200 Fundstücke zugeordnet werden.

Später dann beantwortete Mundorff die Fragen von DNS-Labors und prüfte Überreste nochmals, bevor sie den Familien übergeben wurden. Im vergangenen Monat schließlich entschloss sie sich, ihren Job aufzugeben und ihre Dissertation fertig zu schreiben. Eine Flucht vor ihrer bisherigen Arbeit ist ihr Thema nicht: Die Untersuchungen von Leichenteilen nach einem schweren Unglück. Sie hofft aber, dass sie allmählich wieder zur Ruhe kommt und dass die Wunden heilen.

Es stimmt sie auch traurig, dass sie die Arbeit nicht zu einem Abschluss bringen konnte. Das offizielle Ende der Identifizierungen wird wohl im Herbst verkündet. Und viele Opfer werden wohl nie identifiziert; sie wurden regelrecht pulverisiert.

Erinnerung an ein besonders langes Bein

"Wir werden unsere Mitarbeiterin vermissen", sagt Robert Shaler, der Mundorff 1999 einstellte. "Sie war die Wächterin der Überreste." Auch wenn sie viele Tausend Leichenteile untersuchte, viele blieben ihr in Erinnerung. So etwa ein besonders langes Bein. "Diese Person muss sehr groß gewesen sein, dachte ich damals." Es stimmte, wie sie erfuhr, als sie mehr über den Mann erfuhr. Es dauerte lange, bevor sie etwas persönliches über die Opfer lesen konnte - aber sie beschäftigte sich schließlich doch mit ihren Geschichten: Hunderte von Fremden, die sie alle schon sehr gut kannte.

Sara Kugler/AP / AP