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Gewalt in Libyen: Berlusconi will "nicht stören"

Die Gewalt in Libyen empört die Welt. Neben den USA haben viele EU-Länder klare Worte gegen das Vorgehen des Gaddafi-Regimes gefunden. Nur ein Land hält sich auffällig zurück: Libyens wichtigster Handelspartner Italien.

Während zahlreiche EU-Länder deutliche Worte für das gewaltsame Vorgehen Libyens gegen Demonstranten finden, hält sich Italien mit Äußerungen auffällig zurück. Als im Zuge der Proteste der Bevölkerung gegen Machthaber Muammar el Gaddafi die ersten Opfer in dem nordafrikanischen Land gab, erklärte der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, er wolle Gaddafi "nicht stören". Denn für Italien steht nach Ansicht von Experten viel auf dem Spiel, sollte die Regierung in Libyen stürzen.

"Italien ist beunruhigt, denn die Auswirkungen wären viel direkter und unmittelbarer als in anderen Ländern", sagt der Direktor des Instituts für internationale Angelegenheiten in Rom, Ettore Greco, mit Blick auf einen möglichen Machtverlust Gaddafis. Die "extreme Vorsicht" der italienischen Regierungskoalition hänge mit den engen Verbindungen beider Länder auf politischer und wirtschaftlicher Ebene zusammen.

Intensiviert haben sich die Beziehungen zwischen Libyen und Italien vor allem seit August 2008. Mit dem damals unterzeichneten Abkommen wollte Italien Libyen für die italienische Kolonialherrschaft von 1911 bis 1942 entschädigen und verpflichtete sich, über 25 Jahre hinweg fünf Milliarden Dollar (3,6 Milliarden Euro) in Form von Investitionen an das nordafrikanische Land zu zahlen. Seitdem ist Italien Libyens wichtigster Handelspartner.

Zwar hatte Tripolis schon vor dem Abkommen in italienische Unternehmen investiert und bis zu zehn Prozent am Automobilhersteller Fiat gehalten, bevor es seine Anteile abtrat - seit Sommer 2008 hat Libyen seine Präsenz in italienischen Firmengruppen aber deutlich verstärkt. Nach Informationen der italienischen Tageszeitung "Il Sole 24 Ore" beläuft sich die libysche Beteiligung in Italien auf 3,6 Milliarden Euro.

Mit einem globalen Anteil von 7,582 Prozent ist Libyen beispielsweise der größte Anteilseigner der italienischen Holding UniCredit. Außerdem hält die Libysche Investmentbehörde (LIA) etwas mehr als zwei Prozent am Luftfahrt- und Verteidigungskonzern Finmeccanica, der vom italienischen Staat kontrolliert wird. Über die Libyan Arab Foreign Investment Company hält Tripolis zudem 7,5 Prozent am italienischen Fußballclub Juventus Turin.

Umgekehrt bezieht Italien 22 Prozent seines Öls aus Libyen sowie 13 Prozent seines Gases. Rund 180 italienische Unternehmen sind in Libyen aktiv, etwa 1500 Italiener leben in dem nordafrikanischen Staat. In Folge der Unruhen in Libyen brach die Mailänder Börse am Montag um 3,59 Prozent ein - ein Zeichen der engen Verbindung zwischen beiden Ländern.

Darüber hinaus ist Libyen für Italien von Bedeutung hinsichtlich der Einwanderungsfrage. "Libyen ist ein Verbündeter Italiens und hat bei der Eindämmung der illegalen Einwanderung kooperiert", sagt der Direktor des Zentrums für internationale Studien, Andrea Margeletti. Eine entsprechende Klausel ist Bestandteil des "Freundschaftsvertrags" von 2008. Bei einem Sturz Gaddafis rechnet Italiens Außenminister Franco Frattini mit einem "biblischen Exodus" von mindestens 200.000 bis 300.000 Flüchtlingen.

In der Debatte um EU-Sanktionen gegen Libyen hatte Italien nach Diplomatenangaben den nötigen einstimmigen Beschluss zunächst blockiert. Noch am Montag hatte Frattini in Brüssel zu Zurückhaltung und Nichteinmischung aufgerufen und gefordert: Europa solle "die Demokratie nicht exportieren".

Von Dario Thuburn, AFP / AFP
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