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Interview

Kopf der Hongkong-Proteste: "Bald ist der Punkt erreicht, wo die Regierung in Peking nachgeben wird" 

Die Uni von Hongkong ist verwüstet, die Situation in der Stadt ist halbwegs ruhig. Wie geht es weiter? Die Demonstranten warteten darauf, dass Peking sich bewegt, sagt Benny Tai, einer der Köpfe der Proteste, im stern-Interview,

Benny Tai posiert für das Foto vor de "Democray Wall" (Demokratie-Wand) im Regierungsgebäude von Hongkong

Benny Tai posiert für das Foto vor der "Democray Wall" (Demokratie-Wand) im Regierungsgebäude von Hongkong

DPA

Ist es die Ruhe nach dem Sturm oder die Ruhe vor dem (nächsten) Sturm? An der Hongkonger Universität gilt eine erhöhte Sicherheitsstufe. Die meisten Eingänge zum Komplex sind geschlossen und werden von Sicherheitspersonal bewacht. Der Unterricht findet größtenteils online statt. Auf dem ganzen Gelände sind Graffitis zu sehen. Wie ist die Situation in der Stadt und wie geht es weiter? Ein Interview mit Benny Tai, einem der Köpfe der Proteste in Hongkong.

Herr Tai, es sieht so aus, als hätte sich die Situation nach den Bezirkswahlen am Sonntag vor einer Woche etwas entspannt. Ist das so?

Ein bisschen ja. Aber das Fenster für die Regierung, zu reagieren, ist klein. Die Demonstranten warten darauf, dass sich die Regierung bewegt. Geschieht das nicht, wird es neue Proteste geben. 

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Es geht nach wie vor um die fünf Forderungen: freie Wahlen, Amnestie für die Demonstranten, Aufarbeitung der Polizeigewalt, Stopp der Bezeichnung der Proteste als Krawalle und Rücknahme des Auslieferungsgesetzes. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass die Regierung darauf eingeht?

Was soll Peking denn tun? Vor dem Hintergrund des Handelskriegs und anderen wirtschaftlichen Problemen kann es sich Peking nicht leisten, die Armee nach Hongkong zu schicken. Die Polizei von Hongkong aber hat ihr Gewaltpotenzial ausgereizt. Die einzige Chance, die sie im Moment haben, ist nachzugeben. Und wir halten den Druck aufrecht. Das ist wie ein physikalisches Gesetz: Wenn Du nicht mehr Druck ausüben kannst, musst Du nachgeben.

Wie viele der Demonstranten sind wirklich gewaltbereit?

Eine genaue Zahl gibt es natürlich nicht. Aber ich glaube, dass inzwischen mehr Leute gewaltbereit sind als vor ein paar Monaten. Wenn die Regierung nicht auf gewaltlose Forderungen reagiert, wird langsam mehr Gewalt angewendet. Damit meine ich Gewalt gegen Dinge. 

Natürlich gibt es Grenzen, und manche haben diese Grenzen überschritten. Aber wir lernen alle dazu, gerade die, die an vorderster Front stehen.

Kritik an der Regierung in Peking

Diese Graffiti sind wohl als Kritik an der Regierung in Peking zu verstehen

stern

Was müsste passieren, dass Peking die Armee nach Hongkong schickt?

Ich sehe diese Gefahr im Moment nicht. Peking hat zu viel zu verlieren. Sollten die Soldaten kommen, würden eben alle nach Hause gehen. Das aber bedeutet: Generalstreik. Wir werden nicht gegen Soldaten kämpfen. Die ganze Stadt würde stillstehen. Das ist nicht, was Peking will.

Die Hongkonger Polizei hatte Jahrzehnte lang einen ausgezeichneten Ruf. Wie konnte die Gewalt so eskalieren?

Am 9. Juni gab es einen großen Protestmarsch in der Stadt. Die Demonstration war friedlich und lief sehr geordnet ab. Carrie Lam - und auch manche Polizisten - wollten dies im Keim ersticken. Man wollte auf keinen Fall wieder eine "Occupy"-Bewegung für mehrere Wochen in der Stadt. Die dachten: Wenn wir die Demonstranten als Vandalen und Unruhestifter zeigen, werden ihnen die Sympathien der Hongkonger fehlen, und dann wird sich die pan-demokratische Bewegung aufspalten. Also setzte man Tränengas ein. Das Gegenteil aber war der Fall: Die Hongkonger Bürger solidarisierten sich mit den Radikalen. Und jetzt gibt es Proteste seit sechs Monaten.

Wir haben natürlich auch dazu gelernt: Wir wissen jetzt, wir müssen nicht einen Platz besetzen. Wir können kommen und gehen.

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Inwieweit ist die "Occupy-Central-Bewegung" deckungsgleich mit den Demonstranten heute?

100 Prozent. Aber es geht viel weiter zurück. Als ich ein Student war, demonstrierten wir gegen das Tiananmen-Massaker. Das war die erste Generation, 2003 und 2014 kamen neue dazu. Jetzt ist es die vierte Generation, die für mehr Demokratie demonstriert. Das sind verschiedene Schichten, die für dasselbe Ziel kämpfen. Vielleicht sind die Jüngeren wie Joshua Wong heute aggressiver, aber wir ziehen alle am selben Strang.

Wie schwierig ist es, diese Schichten zusammenzuhalten?

Es ist sehr schwierig. Vor allem weil unsere Gegner immer wieder versucht haben, Radikale und Moderate auseinander zu dividieren. Mittlerweile aber gibt es ein tieferes Verständnis auch bei den Moderaten, die gewaltbereite Fraktion zu respektieren. Gleichzeitig wissen die Radikalen, dass sie eine Minderheit sind und die Unterstützung der Moderaten brauchen. Es gibt Geschichten von jungen Demonstranten, die sich in Shops für den Kampf ausrüsten wollen und ältere Damen spontan dafür bezahlen. Wir haben nur eine Chance, wenn wir alle zusammenhalten.

Peking unterstellt der Bewegung immer wieder, von ausländischen Geheimdiensten unterwandert zu sein. Welche Verbindungen haben sie wirklich zu internationalen Organisationen?

Hongkong ist eine wohlhabende Gesellschaft, wir brauchen kein Geld aus dem Ausland. Das gibt es so nicht. Natürlich wollen wir uns mit der internationalen Gemeinschaft vernetzen. Nur so können wir genug Druck auf Peking ausüben. Hongkong ist der Brennpunkt, wo demokratische und autoritäre Systeme aufeinanderprallen. Das gibt den Protesten eine internationale Brisanz. Menschenrechte gehen uns alle an. Aber es gibt hier keine Agenten, die uns etwas beibringen.

Im Januar finden Wahlen im Taiwan statt. Gibt es Verbindungen zu Taiwan?

Natürlich teilen wir ein ähnliches Schicksal. Deshalb gibt es viele Verbindungen. Was aber nicht existiert, ist ein Masterplan oder Demonstranten, die hin und her reisen, und zum Aufruhr anstacheln. Wahrscheinlich aber gibt es in Peking Leute, die Präsident Xi Jinping genau das erzählen. Das ist doch eines der größten Probleme autoritärer Regime: Das Regime belügt nicht nur die Menschen, es belügt sich auch selbst. Deshalb hat Peking wahrscheinlich auch die Bezirkswahlen zugelassen: Leute wollten so tun, als sei alles in Ordnung, und so erzählte man den Verantwortlichen: Das Pro-Peking-Lager wird die Wahlen gewinnen.

Kann die Protestbewegung sich auf das Festland ausweiten?

Nicht direkt. Es gibt zur Zeit Proteste auf dem Festland in Maoming. Und manche der Techniken ähneln unseren. Aber im Moment ist das nur eine Möglichkeit. Deshalb würde ich Xi auch unbedingt raten: Lass Hongkong ziehen, und beende die Proteste jetzt. Je länger sie andauern, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Chinesen auf dem Festland sich unsere Methoden abschauen. Das ist leicht zu kopieren.

Bis zu welchem Grad ist dies ein kantonesischer Protest?

Hongkong und Kanton (in der Landessprache Guangzhou) waren immer exponierter zu anderen Ideen, weil hier viel Handel stattfand. Das war schon immer so. Es geht weniger um eine kantonesische Identität als um die geographische Nähe. Unser Protest ist nicht nationalistisch.

Wie wird es in den kommenden Tagen weitergehen?

Ich vermute, dass der Punkt bald erreicht ist, wo die Regierung nachgeben wird. 

Carrie Lam wird nicht die nächste Regierungschefin werden. Wir haben durch die gewonnen Bezirkswahlen eine bessere Position im Wahlkomitee. Sollte der Wirtschaftssektor mit uns stimmen, haben wir die Mehrheit. Peking wird das nicht zulassen und deswegen mit uns verhandeln. Der nächste Regierungschef muss also von allen akzeptiert werden, ein Moderater. Das aber wird eine Übergangslösung. 2027 werden wir dann freie Wahlen haben. Das ist das Best-Case-Szenario. Aber das hängt auch davon ab, was in den kommenden Jahren auf dem Festland passieren wird.

Interview: Philipp Mattheis