Inguschetien Überfall aus dem Untergrund


Stunden lang trieben schwer bewaffnete tschetschenische Rebellen ihr Unwesen in Inguschetien, ohne dabei von der Staatsmacht gestört zu werden. Die Blutnacht mit 50 Toten kam einer Machtdemonstration gleich.

Der jüngste Militärschlag der tschetschenischen Freischärler kam für den Kreml nicht überraschend. Noch am Wochenende hatte der frühere Präsident und Rebellenführer Aslan Maschadow aus dem Untergrund große Gefechte angedroht. Der Überfall auf das benachbarte Inguschetien mit etwa 50 Toten wirft in der Darstellung der russischen Staatsmedien viele Fragen auf. Eines wurde jedoch deutlich: Die Rebellen können ihren Terror weiter verbreiten - ob mit Bombenanschlägen oder mit Überfällen in Kompaniestärke.

Machtdemonstration die Rebellen

Sechs Stunden lang trieben die 200 schwer bewaffneten Rebellen ihr Unwesen in Inguschetien, ohne dabei von der Staatsmacht ernsthaft gestört zu werden. Obwohl in der Region Nordkaukasus zehntausende russische Polizisten und Soldaten stationiert sind, ist in keinem Bericht von einer Truppenverstärkung für die Kameraden in Not die Rede. Die Blutnacht in der inguschetischen Hauptstadt Nasran hat gezeigt, zu welchen Machtdemonstrationen die Rebellen zumindest im Sommer noch fähig sind.

Zum ersten Mal seit langem zogen die Rebellen außerhalb Tschetscheniens wieder in Kompaniestärke in den Kampf. Damit straften sie die russische Propaganda über ein Auseinanderbrechen des tschetschenischen Widerstands Lügen. Den Rebellen war es in den vergangenen Jahren immer wieder gelungen, den Terror über die Grenzen ihrer Heimat zu tragen.

Im Oktober 2002 blickte die Weltöffentlichkeit über Tage mit Entsetzen auf ein Moskauer Musicaltheater, in dem tschetschenische Terroristen mehr als 800 Geiseln genommen hatten. Bei der Befreiung durch die Polizei starben 129 Geiseln sowie alle 41 Terroristen.

Schamil Bassajew gilt als Hintermann der Taten

Ein angeblich tschetschenischer Attentäter sprengte sich im Februar in einem vollen Moskauer U-Bahn-Zug in die Luft und riss 40 Menschen mit in den Tod. Als Hintermann dieser Taten wie auch des Überfalls auf Inguschetien gilt der Top-Terrorist Schamil Bassajew, dem Verbindungen zu islamistischen Terror-Netzwerken nachgesagt werden.

Nach dem tödlichen Bombenanschlag auf den Kreml-treuen tschetschenischen Präsidenten Achmat Kadyrow am 9. Mai kommt die Konfliktregion nicht zur Ruhe. "In Tschetschenien herrscht die totale Angst", berichten Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Memorial in Grosny. Neben den russischen Soldaten und Polizisten verübe auch die auf 6000 Mann angewachsene Leibgarde des Kadyrow-Clans Verbrechen an der Zivilbevölkerung.

Der Kreml setzt bei der Präsidentenwahl am 29. August wieder auf einen Mann aus dem Kadyrow-Lager. Darin sehen viele Menschen in Tschetschenien ein Vorzeichen für weitere Gewalt. Der Kreml-Kandidat und bisherige Innenminister Alu Alchanow hat eine Fortsetzung im Kampf gegen die Rebellen angekündigt. In der Bevölkerung genießt er bislang kaum Rückhalt.

Jeder will ein Stück vom Kuchen

Kritiker der tschetschenischen Kreml-Politik glauben längst nicht mehr an die offiziell verkündeten Wahrheiten. Seit Jahren geht es auch um viel Geld in dem Konflikt. Die illegale Ölförderung in Tschetschenien bringe kriminellen Gruppen jährlich umgerechnet 80 Millionen Euro, sagte der Präsident der staatlichen Ölgesellschaft Rosneft, Sergej Bogdantschikow, Anfang Juni. An diesem Reichtum wollen nationalistische Rebellen, islamistische Terroristen, Kreml-treue Tschetschenen und russische Generäle teilhaben.

Stefan Voß/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker